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Erfurter Herbstlese
Es lebe die Erfurter Herbstlese!
Mai 01 2020

Vorgestellt von Torsten Unger, Kulturredakteur beim MDR

Andreas Platthaus „Auf den Palisaden“

Andreas Platthaus „Auf den Palisaden“
Andreas Platthaus „Auf den Palisaden“

Ab 1942 lebte Thomas Mann in Pacific Palisades, einem Stadtteil von Los Angeles. Mitten im Krieg baute der Nobelpreisträger, der seit 1933 im Exil war, sich auf den Hügeln über der Stadt ein Haus. Dort lebte er zehn Jahre, ehe ihm das Treiben in der McCarthy-Ära nach dem Zweiten Weltkrieg zu bunt wurde. Das Land, dessen Bürger er inzwischen geworden war, war in eine Kommunisten-Hysterie geraten. Thomas Mann selbst wurde sogar verdächtigt, ein „Radikallinker“ zu sein. Er kehrte nach Europa zurück.

Sein Haus am San Remo Drive 1550 aber ist inzwischen ein lebendiges Stück Literaturgeschichte geworden. Thomas Mann schrieb hier während des Exils wichtige Werke wie seinen Roman „Doktor Faustus“ und viele seiner Radioansprachen „Deutsche Hörer!“, die über die BBC nach Deutschland ausgestrahlt wurden. Thomas Mann nannte seinen dortigen Arbeitsplatz das „schönste Arbeitszimmer meines Lebens“.

Lange Zeit war das Gebäude danach in Privatbesitz, ehe es die Bundesrepublik kaufte und zur Stipendiaten-Villa umbaute. Mit Blick auf Thomas Manns Rolle als wichtigste Stimme der Emigration nannte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sie 2018 bei der Eröffnung das „Weiße Haus des Exils“. Hier saß die inoffizielle Gegenregierung zu Hitler. Nunmehr ist das Haus eine Begegnungsstätte. Im Haus wohnen Stipendiaten, die einerseits in Ruhe an ihren Werken arbeiten können. Andererseits sollen sie mit Fachkollegen, Künstlern oder Politikern der USA ins Gespräch kommen.

Der FAZ-Journalist Andreas Platthaus zog im März 2019 in das Thomas-Mann-House ein, um in Los Angeles Material für ein Buch über Lyonel Feininger zu sammeln. Geschrieben hat er aber zunächst ein Tagebuch, das den Titel „Auf den Palisaden“ trägt. Eine Anspielung einerseits auf den Namen des Stadtteils, andererseits auf die Rolle Thomas Manns, der während des Krieges hier auf den Palisaden stand, sprich an einer vorderen Kampflinie. Mal anschaulich, mal dozierend reflektiert Platthaus seine Erlebnisse und Eindrücke. Es ist angenehm, dass er dabei nicht dem europäischen Fehler unterliegt, die USA und ihren Präsidenten gleichzusetzen. Vielmehr wird die Rolle Donald Trumps sehr differenziert dargestellt und nicht nach der Rummelplatz-Rhetorik im Stile „Hau den Lukas“ gezeichnet.

Andreas Platthaus vertraut seinen Beobachtungen und urteilt sensibel. Beispielsweise, was die Situation der Studenten oder die Lage der Obdachlosen betrifft. Er lässt sich nicht durch die öffentliche Meinung korrumpieren oder durch den unverschämten Reichtum Kaliforniens blenden. Ein Tagebuch jenseits der Promi-Seligkeit mit Klatsch und Klischees.


Vorgestellt von Torsten Unger, Kulturredakteur bei MDR Thüringen, Autor und Moderator

 

 

 

 

 

Andreas Platthaus „Auf den Palisaden. Amerikanisches Tagebuch"
Rowohlt Berlin Verlag, 416 Seiten, Hardcover
ISBN 978-3-7371-0095-3
24,00 Euro

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