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Erfurter Herbstlese
Es lebe die Erfurter Herbstlese!
Juni 18 2020

Vorgestellt von Marlene Borchers, Literaturwissenschaftlerin

Herman Koch „Angerichtet“

Herman Koch „Angerichtet“
Herman Koch „Angerichtet“

Familienessen inklusive Krisensitzung im Nobelrestaurant – allein die Ausgangssituation in Herman Kochs Roman verspricht dramatische Wendungen. In „Angerichtet“ ist der Anlass für das Essen in der Tat kein freudiger: die fünfzehnjährigen Söhne der beiden Ehepaare, die im Zentrum des Familiendramas stehen, haben etwas angestellt, dass ihre Zukunft langfristig ruinieren könnte. Eigentlich soll das Gespräch, das während des Essens stattfinden soll, zu einer Lösung führen. Stattdessen wirft es Fragen auf: Wie weit darf Elternliebe gehen? Was können, sollen und dürfen Eltern tun, um ihre Sprösslinge zu beschützen? Die Väter – ein Politiker der sich mitten im Wahlkampf befindet und ein Lehrer, der nicht mehr im Dienst ist – können sich zwar nicht ausstehen und zeigen auch sonst eher misanthropische Züge, haben aber familienintern einiges zu besprechen. Doch zu einem offenen Gespräch kommt es nicht.

„Angerichtet“ ist eines der besten Beispiele dafür, dass ein Buch die eigentlich interessanten Fragen und die hintergründigen Probleme nicht immer laut aussprechen muss, damit das Wesentliche beim Lesenden ankommt. Ein guter Roman braucht nicht einmal Sympathieträger. So steckt hinter der bürgerlichen Fassade oftmals mehr Skrupellosigkeit, als wünschenswert wäre und mehr Gewaltbereitschaft, als gesellschaftlich akzeptiert wird. Wie schon beim „Gott des Gemetzels“ zeigt sich, wie dünn die Schicht ist, die die vorgeblich zivilisierte Gesellschaft vom inneren Monster trennt, das in uns allen schlummert. Der Grat, auf dem die Erzählstimme Paul Lohmann wandelt, befindet sich zwischen düsterem Witz, der die Gesellschaft in ihren Kern trifft und bizarren Gewaltfantasien.

Die eigentliche Handlung ist auf ein Minimum reduziert und zeigt dennoch umso deutlicher auf das Bild einer Gesellschaft, in der Probleme nicht beim Namen genannt werden und die mehr vom Schweigen geprägt ist als vom Sprechen, mehr von Problemen als von Lösungen. Anders als viele andere Romane glänzt „Angerichtet“ nicht durch das, was erzählt wird, sondern durch das, was unausgesprochen bleibt. Denn letztlich ist nicht das interessant, was offenkundig ist, sondern das, was im Verborgenen lauert.

Vorgestellt von Marlene Borchers, Literaturwissenschaftlerin

 

 

 

Herman Koch „Angerichtet“
Kiepnheuer und Witsch, 320 Seiten, Taschenbuch
ISBN 978-3462043471
9,99 Euro

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