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Erfurter Herbstlese
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April 26 2020

Vorgestellt von Monika Rettig, Programmchefin der Erfurter Herbstlese

Markus Orths „Picknick im Dunkeln“

Markus Orths „Picknick im Dunkeln“
Markus Orths „Picknick im Dunkeln“

Ein Tunnel, vier oder fünf Meter breit, mit Wänden und einem Boden von erschreckender Makellosigkeit, glatt, kalt und ohne ein einziges Staubkörnchen. In diesem Tunnel herrscht das schwärzeste Schwarz, das man sich vorstellen kann. Eine undurchdringliche, vollkommene Dunkelheit, an die sich das Auge nicht gewöhnt und in der sich keinerlei Nuancen abzeichnen.

Dort hinein gerät Arthur Stanley Jefferson, besser bekannt als Stan Laurel, kreativer Teil des weltberühmten Komiker-Duos Laurel und Hardy, das im deutschsprachigen Raum seinen Siegeszug unter der Bezeichnung „Dick und Doof“ oder „Stan und Ollie“ antrat.

Stanley, der nicht die geringste Vorstellung davon hat, wie und warum es ihn hierher verschlagen hat, gehorcht seinem ersten Impuls: Er ruft nach Ollie, dem bereits verstorbenen Filmpartner. Keine Antwort, kein Aufstöhnen von Ollie: „In welchen Schlamassel hast du uns jetzt schon wieder gebracht?“ Stanley scheint mutterseelenallein zu sein, aber dann stößt er in der Röhre doch auf einen zweiten Menschen, und zwar auf keinen Geringeren als Thomas von Aquin, Dominikanermönch und einer der wirk- und gedankenmächtigsten Philosophen und Theologen des Mittelalters.

Das ist das ganz und gar ungewöhnliche und faszinierende Setting des neuen Romans von Markus Orths: Komiker trifft auf Scholastiker, Freigeist auf Tiefgläubigen. Fast siebenhundert Jahre trennen die beiden, und aus dieser zeitlichen Differenz speist sich ein Gutteil der Komik von Markus Orths‘ Roman, wenn Stanley seinem ungleichen Kompagnon Dinge wie Film, Slapstick, Feuerzeug und Kamera erklären oder als der Schmalspurphilosoph, der er zeitlebens war, Kants Denken nahebringen möchte.

In der gleichnishaften Dunkelheit, durch die die beiden tapsen, entspinnt sich ein genauso amüsanter wie erhellender Dialog mit irrwitzigen, absurden Momenten – der Bezug zu Becketts „Warten auf Godot“ darf nicht fehlen in diesem Buch – und über die großen Fragen von Leben und Sterben. Wir haben es mit zwei quicklebendigen Toten zu tun, die noch nicht wissen, ob sie auf das ewige Verderben oder die Seligkeit zugehen.

Wobei es da Thomas mit seinem unerschütterlichen Gottvertrauen deutlich leichter hat als der ungläubige Stanley mit seiner Sehnsucht nach dem irdischen Leben. Am Ende erliegt Stanley, der große „Magier des Lachens“, immer auf der Suche nach dem nächsten Gag, der Faszination des Denkens und der Erkenntnis. Und der Heilige Thomas darf endlich lachen.

Markus Orths‘ Roman, der durch seine Leichtigkeit und seinen subtilem Humor besticht, ist eine äußerst anregende kleine philosophische und biographische Reise. Und er ist ein Plädoyer für die Kraft des Erzählens  und des Gespräches.

Wenn dieses Gespräch – zumindest in der literarischen Fiktion – sogar über die Zeitspanne von siebenhundert Jahren hinweg gelingen kann, dann schreibt Markus Orths mit den Worten, die er Thomas von Aquin in  den Mund legt, uns Heutigen völlig zu Recht ins Stammbuch: „Sehen Sie, wenn zwei Menschen reden, muss der eine ganz genau nachvollziehen, was der andere sagt. Sonst spricht man nicht mit dem anderen, sondern nur mit sich selbst, also mit dem, was man im anderen hört oder hören will, nicht aber mit dem, was der andere gesagt oder wirklich gemeint hat.“

 

 

 

 

Markus Orths „Picknick im Dunkeln“
Hanser Verlag, 240 Seiten, Hardcover
ISBN 978-3-446-26570-7
22,00 Euro

 

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