Erfurter Herbstlese

Es lebe die Erfurter Herbstlese!
Okt. 14 2013

„Acht bis zwölf Millionen, wie immer“

Im Tatort aus Münster steht Nadeshda Krusenstern (Friederike Kempter) Hauptkommissar Frank Thiel (Axel Prahl) zur Seite. In Erfurt soll es Johanna Grewel (Alina Levshin) für ihre Chefs richten.
Im Tatort aus Münster steht Nadeshda Krusenstern (Friederike Kempter) Hauptkommissar Frank Thiel (Axel Prahl) zur Seite. In Erfurt soll es Johanna Grewel (Alina Levshin) für ihre Chefs richten.

Herr Dell, die Herbstlese muss umziehen, die Mehlhose kracht aus allen Nähten und so geht es jetzt ins Ratsgymnasium. Wie finden Sie das?

Da bin ich ganz Philipp Lahm: Ich spiele da, wo der Trainer mich hinstellt. Mehlhose oder Ratsgymnasium, Hauptsache bunter Abend. Das Interesse ist natürlich toll. Schneller ausverkauft als Daniel Kehlmann . . .

. . . für dessen Abend allerdings viermal so viele Tickets verkauft wurden . . .

. . . dennoch, das sollte ich mir auf den Gürtel sticken. Meine größten Erfolge.

Die Kinder von Hptm. Fuchs? Wie passt das zum Tatort aus Erfurt?

Hauptmann Fuchs war der Chef beim Polizeiruf 110 in der DDR. Der schoss vielleicht nicht die Spatzen vom Dach, aber am Sprechfunkgerät hat ihm so schnell keiner was vorgemacht. Der Polizeiruf hat ein paar Mal in Erfurt ermittelt, bevor jetzt der Tatort kommt. Um diese Verbindung ging es mir. Und die Kinder sind eben die neuen Kommissare. Der MDR wirbt ja damit, dass es die jüngsten Tatort-Kommissare sind, die es je gegeben hat.

Die ARD hat die Erstausstrahlung auf den 3. November vorverlegt – passiert so etwas öfter?

Schon. Als Paranoiker, der das gesamte Handeln der Außenwelt immer nur auf sich bezieht, könnte ich da natürlich gekränkt sein: Das haben die nur gemacht, um uns zu ärgern! Wir hatten den 16. November ja mit Bedacht vereinbart – um am Vorabend mit dem Zuschauer noch mal eine Trainingseinheit für das Premiere-Gucken zu absolvieren, damit der dann vor der Glotze seine kritische Höchstleistung abrufen kann.

Sie stecken voll im Stoff. Was hört man denn so über den Erfurter Tatort. Ist er gelungen?

Dazu sage ich nichts. Ich will als Zuschauer vorher auch nichts wissen. Das Beste am Tatort ist doch, dass man hinterher mit vielen Menschen darüber reden kann. Deshalb veröffentlichen wir meine Kritik auf freitag.de immer erst am Sonntag um 21.45 Uhr. Ich habe nie verstanden, warum irgendwer bei einem Krimi vor der Ausstrahlung irgendwas wissen wollte. Erst recht nicht beim Tatort, den guckt man doch sowieso.

Ausgehend von dem, was bereits bekannt ist: Die Praktikantin ist doch ein echter Hingucker. Thüringens Antwort auf Frau Krusenstern?

Das kann nur Rainer Brüderle beurteilen.

Wie das? In einer Gastrolle als Dienstreisender im Hotel, der wegen der fehlenden Frühstücks-Mehrwertsteuer-Ausweisung wild um sich schießt?

So ähnlich.

Herr Dell! Zurück zum gebotenen Ernst. Was bringt einer Stadt wie Erfurt so ein Tatort-Team?

So was diffuses wie ein Image. Der Tatort ist die Bundesliga, eine Art Wetterkarte der Wichtigkeit. Da vorzukommen, ist schon mal nicht schlecht. Im besten Fall ist es dann wie in Münster, das die Stadt von der Popularität des Tatorts was abbekommt. Man denkt nicht mehr nur an die Täufer, Fahrräder und die Katholische Kirche, sondern eben auch an Thiel und Boerne. Und wenn man die mag, dann setzt man ein freundliches Gesicht auf, wann immer jemand Münster sagt.

Das klappt auch in Erfurt?

Dieses Prinzip funktioniert bei kleineren Städten besser als bei großen. Voraussetzung ist aber, dass der Tatort gut ist oder sich zumindest unterscheidet. Was das angeht, hat der MDR bislang nichts gerissen. Ich habe noch nie jemanden getroffen, der sagt: Am liebsten gucke ich Leipzig. Das kann auch zum Problem werden, dass man sich als Erfurter für den Tatort schämen muss, wenn's schlimm wird. Ich kenne einen Saarländer, der hatte Ende Januar keine gute Zeit.

An welches Verbrechen würden Sie in Zusammenhang mit Erfurt zuerst denken?

Blumenklau. Oder meinen Sie einen realen Fall? In den neunziger Jahren gab es doch diese Auseinandersetzungen im Rotlicht-Milieu mit Schießereien und so. Im Zentrum stand damals eine Szenegröße . . .

. . . G. war sein Name . . .

. . . richtig, über den gab es damals einen großen Artikel in der Zeitung. Der hat bei mir tiefen Eindruck hinterlassen: Dass G. in der DDR jemand umgebracht hatte, weil er den Peugeot von dem wollte, aber das Geld nicht hatte. Beim Verkaufsgespräch. Dass er zuvor im Goldbroiler am Anger gearbeitet hat und durch die Amnestie von 1989 aus dem Gefängnis gekommen ist. Daran habe ich tatsächlich zuerst gedacht, als vom Erfurter Tatort die Rede war. Dabei ist der Tatort gar nicht gut in Rückblenden.

Trauen Sie sich – wie viele Zuschauer werden am 3. November den Tatort sehen?

Acht bis zwölf Millionen, wie immer. Weshalb das wenig über die Qualität der einzelnen Filme aussagt. Das meiste ist Gewohnheit. Außerdem finde ich es faszinierend, dass eine Fiktion wie die Quote die realen Entscheidungen bei ARD und ZDF völlig dominiert. Dabei brauchten doch RTL und SAT.1 damals nur irgendeine Geschichte, mit der sie Werbekunden darlegen konnten, warum der eine Spot mehr kostet als der andere. Und heute sitzt ARTE da und ist felsenfest davon überzeugt, dass es nichts Wichtigeres gäbe, als in der Zuschauergunst von 0,8 auf 0,9 zu steigen.

Dafür werden dann die Dokumentarfilme rausgeschmissen . . .

 . . . eben, das lässt sich doch keinem vernünftigen Menschen vermitteln.

Im Moment wirft man den Öffentlich-Rechtlichen vor, zu sehr auf die Karte Krimi zu setzen. Wie sehen Sie das?

Das hat was mit dieser sklavischen Einstellung gegenüber der Quote zu tun. Wenn was funktioniert, wird es bis zum Erbrechen kopiert. Das können Sie auch innerhalb vom Tatort sehen. Saarbrücken versucht, so lustig und „inkorrekt“ wie Münster zu sein. Der Magdeburger Polizeiruf denkt sich: Fesche Frau und mümmeliger Mann, das haben doch gerade in Frankfurt alle gut gefunden, dann machen wir das doch auch! Das ist so langweilig. An der Krimidichte kann man sehen, wie groß der freiwillige Anpassungsdruck in einem Bereich ist, in dem die allergrößte Freiheit herrschen müsste: Die Öffentlich-Rechtlichen sind ja gerade nicht von Werbekunden abhängig.

Sie leben in Berlin. Was vermissen Sie an der Spree am meisten?

Die Gera.

Am 16. November ist Matthias Dell um 20.30 Uhr mit „Die Kinder von Hauptmann Fuchs – Erfurt im Tatort“ in der Aula des Ratsgymnasiums zu erleben (Achtung: Neuer Ort und neue Zeit!)

Tickets gibt es hier: http://herbstlese.viadata.de/index.php?option=com_content&view=article&id=219&Itemid=78

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