Erfurter Herbstlese

Es lebe die Erfurter Herbstlese!
Nov. 08 2013

Alle Maschinen volle Kraft voraus

Sven Regener muss man lesen. Noch besser ist, ihn zu hören. Und am besten ist es, ihn dabei auch zu sehen. Foto: Holger John
Sven Regener muss man lesen. Noch besser ist, ihn zu hören. Und am besten ist es, ihn dabei auch zu sehen. Foto: Holger John

Vor über 2000 Jahren haben sich die Griechen den Stoizismus ausgedacht, eine philosophische Schule, deren Echo bis in das Heute klingt. Aber es kommen nur noch Bruchstücke an, mit Glück etwas in der Art Essenz des Ganzen. „Lerne leiden, ohne zu klagen“, heißt es dann.

Wer mehr wissen will, kommt an Marc Aurel nicht vorbei. Er war lieber Philosoph als Kaiser; die Namen der Völker, die er als Heerführer besiegte, die Quaden und Jazygen, sind längst vergessen. Dafür erfreuen sich die „Selbstbetrachtungen“ einiger Beliebtheit. Sei es, wenn junge Männer der Pubertät entwachsend ihren Platz im Leben suchen oder, was wohl seltener ist, ältere Herren sich auf einen letzten Kontrakt mit Gevatter Hein einlassen.

Eine von Aurels Sentenzen führen uns direkt zu Karl Schmidt. Wer Frank Lehmann kennt, weiß auch, wer Charly ist. Der gute Freund, der immer verlässliche, der, sagen wir es ruhig heraus, stoische Prototyp des besten Freundes, der keinen, aber auch gar keinen Zweifel am tieferen Sinn einer Freundschaft mag. Anders als Frank, der sein Leben als Hauptheld in einer Trilogie ausbreiten darf, fällt Karl Schmidt mit dem Mauerfall in ein tiefes Loch. Der Künstler, der Lebenskünstler kommt in die Klapse, wahlweise Klapper, wie es im Osten eher heißt. „Bald − und du hast alles vergessen. Bald − und alles hat dich vergessen." Schreibt Marc Aurel.

Aber das ist eben 2000 Jahre her. Heute bekommt jeder eine zweite Chance, sollte sie zumindest kriegen. Karl Schmidt hat Glück. Sven Regener hat ihn nicht vergessen. Seit dem 10. September wartet „Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt“ in den Regalen der Buchhandlungen auf Käufer.

Aber ist das Glück? Die Stoiker glauben, alles im All ist miteinander verbunden, ist letztlich eins. Und man mag auch nicht an einen Zufall glauben, der Art, dass Sven Regener nächtens im Bett aufsitzt und ruft: „Was ist mit Charly passiert?“

Es ist doch auch egal, ob der Autor von seinem Verleger gedrängt wurde oder von wem auch immer, vielleicht ja zuerst von sich selbst. Wichtig ist nur, er hat es getan. Seine Fans sind ihm dankbar dafür.

Auch in Erfurt. Und wie. Sie begrüßen Sven Regener im pickepackevollen Saal wie einen Rockstar, der er ja ist. Für die allermeisten ist es nicht die erste Lesung. Sie wissen, was kommt.

Der Autor steht an seinem Pult und stimmt mit ein paar Floskeln sein Publikum auf die nächsten 90 Minuten ein. Nein, er macht keine Pause. Das ist zwar blöd für den Gastronomen, aber besser so. Am Ende gibt es eine Zugabe, dann – und jetzt wird es lustig – signiert er seine Bücher. Das will er zwar nicht, der alte Soziopath, aber es ist ihm peinlich. Wenn Karl Schmidt, der alte Multitox, sich den Fährnissen des sozialen Lebens stellt, dann kann er, Sven Regener, doch nicht kneifen.

Dann geht es los. Sven Regener muss man lesen, ganz klar. Aber noch mehr muss man ihn hören und – das ist das allerbeste – ihn dabei sehen. Es beginnt eine Rede, oft ohne Komma und Punkt (im Text setzt er ihn manches Mal erst nach ein, zwei Seiten), im einzigartigen Bremer Stakkato: Der Redefluss schwillt an, die Zunge nimmt Fahrt auf, bekommt aber von der Nase ein Gegentempo aufgedrückt, diesen typischen niederdeutschen Sound. Es ist wie Gehen im Zug gegen die Fahrtrichtung. Es ist unverwechselbar.

Am besten wird Sven Regener in seinen Dialogen. Dann ist das Tempo irrwitzig hoch, es ist fast zu schnell für den Vorleser selbst. Dann sucht er Halt, meist an sich. Die rechte Hand zuckt zur Brille oder zum Ohr, noch öfter machen beide Arme eine Konterbewegung, so ein Rudern. Das sieht zwar etwas eigen aus, hilft aber. Sven Regener hält Kurs. Alle Maschinen volle Kraft voraus.

Wie sein Protagonist. „Sei wie ein Fels, an dem sich beständig dieWellen brechen! Er bleibt stehen, und rings um ihn legen sich die angeschwollenen Gewässer.“ Es ist, als kenne Marc Aurel diesen Herrn Schmidt, als habe er ihn vorhergeahnt. Denn er ist ein Fels. Per Zufall von seinen alten Kumpels aus Berlin entdeckt, geht er weg aus seiner Therapiegruppe in Hamburg-Altona und auf Tour. „Magical Mystery“ ist jetzt angesagt für ein paar Techno-Freaks, die durch die Republik touren. Charly, der ja nichts nehmen darf, behält die Übersicht und den Laden zusammen.

Es ist vielleicht der einzige Vorwurf, den man Sven Regener machen kann. Er hält seine Hand schützend über Karl Schmidt. So richtig muss man sich nie Sorgen machen, wegen eines Rückfalls, dass Charly irgendwo versumpft und wieder anfängt, auf seine Elektrolyte zu achten. Wahrscheinlich ist das aber nur Sven Regeners Trick: Verrückt werden kann nur wieder, wer zuvor nicht normal war. Klar, Frank Schmidt kämpft im Buch auch gegen die schwarzen Schatten – doch ist das für den Mann in der Blüte seiner Jahre heute nicht fast schon ein Klischee?

So nimmt sie ihren Lauf, die Geschichte einer Tour, mit Lolek und Bolek, den beiden Meerschweinchen, einem Kleinbus voller Jünger von Bummbumm und Gras; kurz, obwohl es um Techno geht, heißt es: Rock’n Roll!

„Glücklich sein heißt einen guten Charakter haben." Na, wenn das stimmt, Herr Aurel, dann waren bei dieser Lesung nur ganz feine Menschen. Denn glücklich waren sie alle. Die Leute im Publikum und der auf der Bühne. Also: Mensch Sven, du alte Rampensau.

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