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Erfurter Herbstlese
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Okt. 17 2021

Beim Highslammer trafen mutige Wortkünstler wieder vor Publikum aufeinander

Aller guten Dinge sind drei

Sechs mutige Slammer trauten sich auf die Bühne im Atrium der Erfurter Stadtwerke. (Foto: Nora Kralik)
Sechs mutige Slammer trauten sich auf die Bühne im Atrium der Erfurter Stadtwerke. (Foto: Nora Kralik)

Von Nora Kralik

 „Wir begrüßen heute sechs Poeten – das heißt, wir sind heute etwas schneller fertig, vielleicht sogar vor dem Morgengrauen. Es wäre ein Rekord!“ Mit diesen Worten heißt Andreas in der Au, genannt AIDA, das Publikum zum 19. Highslammer im ausverkauften Atrium der Stadtwerke Erfurt willkommen. Ein gewagtes Vorhaben –  schließlich kennt die Slamkunst für gewöhnlich keine Grenzen.

Im Grunde gibt es nur drei wesentliche Vorgaben in diesem ganz besonderen Poetenwettstreit: Zum einen tragen die Poeten nur selbst geschriebene Texte vor – ob Prosa, Gedicht oder Rap sei dahingestellt. Zum anderen sind Requisiten verboten. Außerdem darf der Vortrag nicht länger als 6 Minuten gehen. An diesem Abend kämpfen die Wortkünstler um den Sieg. Und wie heißt es so schön? Der Applaus ist das Brot des Künstlers. In diesem Fall ist das Sprichwort wörtlich zu nehmen. Der Applaus des Publikums entscheidet darüber, welche Poeten nach den drei Vorrunden das Finale erreichen.

Nach einer musikalischen Einlage des „Gitarrenakrobatikers“ Robert Graefe betritt die erste Lyrikerin die Bühne. Ein Abend voller Abwechslung nimmt Fahrt auf. Von nachdenklichen, wütenden, fordernden bis hin zu ironischen, schnippischen und scherzhaften Zeilen haben die überaus wortgewandten Poeten alles zu bieten. Kein Wunder, bedenkt man, mit welch wahrlicher Slam-Prominenz das Erfurter Publikum an diesem Abend beglückt wird. Dana Galkina, die erste Kandidatin des Abends, sinniert in ihrem Text „Punkt, Punkt, Komma, Kreis und mittendrin der andere Scheiß“ zunächst über die Leiden des Erwachsenseins. „Jeder sagt so kluge Sachen wie: Autorität und Affinität und Universität und Qualität statt Quantität.“, stellt sie fest. Leichte Verzweiflung schwingt in ihrer Stimme mit. Nicht nur sei das Konto ständig im Minus, auch gehe sie nahezu immer übermüdet und überfordert durch den Alltag. „Es wird doch besser, sicherlich!“. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

Nachdenkliche Töne schlägt auch die zweifache Thüringer U20 – Landesmeisterin Alina Meier an. In „Amera“ teilt sie die Geschichte eines jungen Mannes aus Osteuropa. Als Kind floh er nach Deutschland. Seit 20 Jahren lebe er nun schon hier – genau wie Alina selbst. Doch fremd fühle er sich noch immer in diesem Land. „Denn er soll`s nicht vergessen, dass er kein Teil ist, ein Fremdkörper, der zwar harmlos ist, doch scheinbar nicht zu ertragen.“ Auf die Frage, wie es sein kann, dass es ihm in Deutschland noch immer so ergehen kann, findet Alina keine Antwort. Resigniert stellt sie am Ende klar: „Ich schäme mich. Ich schäme mich dafür, zu einer Gesellschaft zu gehören, die scheinbar ohne schlechtes Gewissen und so sehr verbissen noch einen Unterschied sieht.“ Das Publikum scheint ihr zuzustimmen, denn Alina wird unüberhörbar ins große Final-Triell gewählt.

Im vollkommenen Kontrast dazu erheitert Friedrich Herrmann, der deutschsprachige Meister von 2019, das Publikum gleich mit zwei höchst amüsanten Texten. Erst beschreibt er mithilfe herrlicher sprachlicher Bilder die Trennung von seiner Freundin. Schelmisch zitiert er ihre Anschuldigungen und bemerkt zum Schluss nur trocken: „Naja, wenigstens hab´ ich alles mitgeschrieben.“ Diese humoristische Note zieht sich auch durch den nächsten Text „Nicht alle Helden tragen Cape“. Inspiriert ist er vom viel diskutierten ABBA-Comeback. Schnell wird klar, dass Friedrich dieses eher kritisch beäugt. Nostalgie, so meint er, sei aber dennoch nichts grundsätzlich Verwerfliches. Das Publikum lacht aus vollem Halse als er vorschlägt, seinem Kindheitshelden Bernd das Brot doch ebenfalls eine Arena in London zu erbauen. Kastenförmig, versteht sich.

Auch Skog Ogvanns Texte sorgen für eine wahrlich ausgelassene Stimmung. In „Der kleine Kuckuck Käpt´n Muck“ beschreibt er das Leben eines kleinen Vogels, der sich seinen großen Traum, in die Stadt zu ziehen, erfüllt. Nur um es am Ende bitter zu bereuen. Eine wunderbare Parabel, die in Erinnerung ruft, wie ignorant Menschen allzu oft mit der Natur umgehen. So eindringlich sein Vortrag auch ist, für den Einzug ins Finale reicht es leider nicht. Den Platz im Final-Triell sichert sich Friedrich.

Im letzten Duell vor dem großen Finale tritt Julius Keinath gegen den diesjährigen Thüringer Landesmeister Marcel Schneuer an. Ersterer gibt „Die Dialektik der Pandemie – Philosophische Fragmente und weiteres arrogantes Zeug“ zum Besten. Ein Text über all jene Erfahrungen, die wohl jeder in diesen Zeiten einmal gemacht hat: Vom Konsumieren unendlich vieler Youtube Videos, den Streitereien mit der Freundin und Auseinandersetzungen mit Maskenverweigerern.

Recht ungewöhnlich geht es weiter mit Marcel Schneuer. Die Zuschauer wissen erst gar nicht wie ihnen geschieht, als Marcel plötzlich jeden dazu auffordert, bei seinem Rap miteinzustimmen. „Ich bin normal, normal! Ein normaler Mensch!“ schallt es sogleich ohrenbetäubend durch das Atrium. Denn Marcel fragt sich zurecht: „Wie würde ein Raptext klingen, wenn ein normaler Typ ihn schreiben würde? Keiner, der mit überheblichen Texten auf sich aufmerksam macht?“.  Mit dieser Darbietung qualifiziert er sich für das Finale.

Zum Höhepunkt des Abends treffen Alina Meier, Friedrich Herrmann und Marcel Schneuer im großen Finale aufeinander. Viel kritischere Töne als zuvor schlägt Marcel in seinem Text über Alltagssexismus gegen Frauen an. Fragen wie „Kennt ihr das? Von unerwünschten Händen gestreift zu werden?“, wirft er in die Runde. Alina Meier trägt einen äußerst melancholischen Text vor. Sie muss darin feststellen: „Du und ich, wir sind wie Wodka und Cola. Zum Frühstück. Eigentlich perfekt zusammen, aber zum falschen Zeitpunkt.“. Und auch Friedrich Herrmann ist in seinem letzten Beitrag des Abends nicht nach Lachen zumute, denn er denkt darüber nach, warum er eigentlich nicht stolz darauf sein könne, deutsch zu sein.

Der tosende Applaus für jeden einzelnen Finalisten macht es schlichtweg unmöglich, einen eindeutigen Sieger des zu küren. So wird das Publikum zwar schon vor dem Morgengrauen verabschiedet, doch von nun an können gleich drei Poeten den Titel „Sieger des 19. Highslammers“ tragen.

Nora Kralik absolviert seit September bei der Erfurter Herbstlese ihr Freiwilliges Soziales Jahr Kultur.

19. Highslammer in Erfurt

Fotos: Nora Kralik

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