Erfurter Herbstlese

Es lebe die Erfurter Herbstlese!
Nov. 08 2015

Der Schauspieler Matthias Brandt und der Musiker Jens Thomas faszinieren im Theater Erfurt mit einem Albtraum

Auf den Flügeln der Angst

Matthias Brandt zählt zu den profiliertesten und bekanntesten Schauspielern in Deutschland.
Matthias Brandt zählt zu den profiliertesten und bekanntesten Schauspielern in Deutschland.

Von Sigurd Schwager

Wenn einer keine Angst habe, sagt der Dichter, habe er keine Phantasie. Und der Philosoph befindet nachdenkend über die Phantasie der Angst, sie sei jener äffische Kobold, der dem Menschen gerade dann noch auf den Rücken springe, wenn er schon am schwersten zu tragen habe. Nein, an diesem Herbstlese-Abend voll menschlicher, allzu menschlicher

Angst kommen weder Erich Kästner noch Friedrich Nietzsche vor. Der Angst führen hier andere das Wort und den Ton. Zwei Könner ihres Fachs, der großartige Schauspieler  Matthias Brandt und der nicht ganz so berühmte, aber nicht weniger begabte Musiker Jens

Thomas begeistern schon seit längerem mit abgründigen Collage-Projekten. Beim Nachlesen findet man kaum einen Kritiker, der nicht bereit wäre, vor der erbrachten künstlerischen Leistung mindestens niederzuknien.

Das ist auch bei ihrem jüngsten Programm "Angst" nicht anders, wovon sich das Herbstlese-Publikum im ausverkauften Erfurter Theater überzeugen kann. Aus Worten, Klängen, Geräuschen, Gesten, Blicken erschaffen Brandt und Thomas auf der abgedunkelten Bühne ein atemberaubendes künstlerisches Gebilde schleichender Urängste.

Wir erleben einen Mann, Robert, in seinem einsamen Haus am Meer. Es kommen Vögel, erst wenige, dann immer mehr, erst kleine, dann große. Sie wirken bedrohlich und werden immer aggressiver. Tod und Blut. Blut und Tod. Was ist Traum, Alptraum? Was Wirklichkeit? Die rettenden Flugzeuge sind bei Nähe besehen - Vogelschwärme. Der düstere Grund, auf dem die „Angst“-Collage wächst und wächst, ist Daphne du Mauriers Erzählung „Die Vögel“. Wer sie nicht gelesen hat, wird sich an Alfred Hitchcocks gleichnamigen Film erinnern, der auf der Geschichte basiert. Und wer beides nicht kennen sollte, kommt trotzdem auch auf seine Grusel-Kosten.

Der Text ist Material. Wir lauschen Edgar Allan Poe und sehen seinen Raben Nevermore fliegen. Es scheint, zum Beispiel, Stephen King auf. Die Finger von Matthias Brandt werden zu schlagenden Flügeln, die Arme zum kreisenden Vogelschwarm. Wir hören den Klang der Angst, den Jens Thomas aus Flügel und Gitarre zum Erwachen bringt. Er kreischt schauriger als jede Möve. Wenn er dann singt und Matthias Brandt einstimmt, wähnt man sich in den dunklen Welten eines Lou Reed oder Nick Cave. Und zum Schluss flattern die alten Beatles durch die neue Oper: „Blackbird singing in the dead of night. Take these broken wings and learn to fly. All your life . . .“

75 Minuten dauert diese atemlose Phantasie der Angst, die ohne Videoprojektionen und andere optische Hilfsmittel auskommt. Das Erlebnis ist so tief und so intensiv, dass man ständig wünscht, es möge endlich vorbei sein – und gleichzeitig hofft, dass es endlos dauere.

Das Gehörte und Gesehene verbindet sich im Kopf mit dem Ungesehenen. Kein Fernsehkrimi, nicht mal einer der starken Münchner Polizeiruf-Auftritte von Matthias Brandt, kann fesselnder sein.

Dem Moment der Stille folgt am Ende heftiger, nachgerade befreiend wirkender Beifall. Für den, hoffentlich angstfreien, Heimweg durch die laue Erfurter Novembernacht verabschieden sich die beiden mit einem Song von Jens Thomas: „Keep it down boy . . .“

Ob wirklich alle Zuhörer anschließend gut geschlafen haben? Man darf es bezweifeln. Unzweifelhaft ist: Dieser Auftritt war nicht nur aus Herbstlese-Sicht ein ganz besonderer. Brandt und Thomas haben Thüringen eines der herausragenden künstlerischen Gastspiele des Jahres 2015 beschert. 

Matthias Brandt und Jens Thomas im Theater Erfurt

Fotos: Uwe-Jens Igel

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