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Erfurter Herbstlese
Es lebe die Erfurter Herbstlese!
Nov. 05 2015

Matthias Nawrat zu Gast im Haus Dacheröden

Biznes im Paradies

So sehen Sieger aus: Matthias Nawrat gewann 2012 den allerersten Debütanten-Salon der Erfurter Herbstlese.
So sehen Sieger aus: Matthias Nawrat gewann 2012 den allerersten Debütanten-Salon der Erfurter Herbstlese.

Matthias Nawrat schreibt Geschichten – und manchmal sogar selbst Geschichte. 2012 siegte er bei der Premiere des Debütantensalons der Herbstlese. Drei Jahre oder, wie es Programmchefin Monika Rettig ausdrückt, einige Literarturpreise später, kehrt er nach Erfurt zurück. Im Haus Dacheröden erzählt er von seinem neuen Roman „Die vielen Tode unseres Opa Jurek“ und liest einige Passagen daraus vor. Es ist eine Reise in die Geschichte Polens des vorigen Jahrhunderts. Aber vor allem sind im Buch köstliche Geschichten versammelt.

Polen ist dabei nicht zufällig gewählt. Matthias Nawrat ist in dem Teil des Nachbarlandes geboren, der bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges noch zu Deutschland zählte. Mit zehn Jahren verließ er mit seinen Eltern die Heimat. Von Opole zogen sie nach Bamberg, von Oberschlesien nach Oberfranken.

Mit einer Passage der Abreise, die eine Ausreise ist, beginnt Matthias Nawrat seine Lesung. Es dauert nicht lange, und in den Reihen seiner Zuhörer wird herzlich gekichert. Der Autor hat das Talent, seinen schwarzen Humor rosig scheinen zu lassen. Man könnte das seinen Stil nennen. In der „Thüringer Allgemeinen“ bemerkt Casjen Carl: „Das Buch fesselt den Leser (. . . ) durch seine Sprache und den Stil. Es ist die intelligent verschachtelte Geschichte, die einerseits stets für Überraschungen gut ist, andererseits viele Alltäglichkeiten in Erinnerung bringt, mit denen auch der Deutsche (Ost) zu tun hatte.“

Und doch sind die Erfahrungswelten grundsätzlich andere. Historiker werden gute Argumente für diese Verschiedenartigkeit finden; die Jahrhunderte andauernde Fremdbestimmung der Polen zum Beispiel, ihr Ausharren als Bollwerk des Westens vor den Weiten des Ostens. Nicht zuletzt:  einen Nationalstolz, der unbefleckt zu seien scheint bis in diese Tage.

So kommt der Autor en passant auf die kürzlichen Wahlen zu sprechen. Nach deutschem Parteienverständnis völlig unmöglich wird eine liberal-konservative Regierung in Warschau abgelöst durch eine noch rechtere politische Kraft. Aber vielleicht lässt sich ja das nationale Moment in Polen nicht einfach so nach rechts rücken, wie es in Deutschland automatisch geschieht.

Es ist schon ein merkwürdiges Land, dieses Polen. Seine Geschichte einzigartig, ihre  Zusammenhänge höchst komplex. Aber wenn man mit der Geschichte nicht weiter kommt, zählen Geschichten. In diesem Sinne hilft der Roman enorm. Er weckt Verständnis, das nicht alltäglich ist. Er hilft, Vorurteile abzubauen. Bei aller Absurdität der konkreten Handlung stellt er die Dinge in ein helleres Licht.

Fast schon in ein grelles. Matthias Nawrat lässt seine Protagonisten handeln. Sie sind Verkäufer. Nur, dass der eine, Opa Jurek, meist gar nichts zu verkaufen hat, er als Direktor des Kaufhauses „Paradies“ vor allem über die Anordnung seiner leeren Regale grübelt. Anders sein Sohn, den sein Freiheitsdrang in die wilde Natur zieht, und der einen Bergsteigerladen eröffnet. Der genau weiß, wie der Hase, also das Geschäft, das „Biznes“ auf gut Polnisch, läuft.

Die Zuhörer im Haus Dacheröden erfahren aus einer weiteren vorgetragen Passage, was passiert, als plötzlich doch ein Lieferwagen hinter dem „Paradies“ hält. Opa Jurek bringt die Ware gekonnt unter das Volk. Mit dem richtigen Marketing lassen sich eben auch hunderte Husarenharnische verkaufen. Und das war nun wirklich das Standardverhalten im Osten, ob in Opole oder Leipzig, Moskau oder Szeged: Die Sachen wurden gekauft, wenn es sie gab; denn wenn man sie brauchte, waren sie in der Regel nicht vorrätig.

Diesen fast schon obligatorischen osteuropäischen Hang zur Absurdität hat Matthias Nawrat zu einem seiner Markenzeichen gemacht. Oder, wie es Casjen Carl formuliert, der Autor „zieht seinen distanziert-ironischen Stil konsequent durch. Ihm gelingen dabei köstliche Passagen, die ans absurde Theater Slawomir Mrozeks erinnern. So scheint Mrozek als Nachname für Opa Jurek nicht zufällig gewählt.“

Nein, zufällig ist hier nichts. So berichtet Matthias Nawrat von seinen Reisen nach Polen, zu den Verwandten, die er für sein Buch ordentlich ausquetschte. Aber ob Onkel und Tante und all die anderen mit dem Resultat, der Folge ihrer Auskunftsfreudigkeit, auch wirklich zufrieden sind? Der Schriftsteller hat da einige kleine Zweifel. Noch ist der Roman nicht in das Polnische übersetzt, aber es gibt bereits Verträge. Spätestens in einem Jahr wird sich Matthias Nawrat in der alten Heimat erklären müssen.

Das wird nicht gehen ohne Hinweise auf den Unterschied zwischen Geschichte und Geschichten.

Matthias Nawrat im Haus Dacheröden

Fotos: Holger John

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