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Erfurter Herbstlese
Es lebe die Erfurter Herbstlese!
Nov. 26 2017

Im ausverkauften Erfurter Theater nimmt Herbstlese-Stammgast Sven Regener das Publikum mit in die „Wiener Straße“

Das alte Kreuzberg so nah

Fast wie vor 16 Jahren im legendären "Centrum". Ein Mann (Sven Regener), ein Pult und ein Bier. Fehlt nur die Fluppe von damals.
Fast wie vor 16 Jahren im legendären "Centrum". Ein Mann (Sven Regener), ein Pult und ein Bier. Fehlt nur die Fluppe von damals.

Von Sigurd Schwager

Als im Sommer sein neues Opus „Wiener Straße“ auf dem Weg in die Buchhandlungen war, gab es dazu eine digitale Depesche von Sven Regener. „Ich hoffe“, schrieb er, „der Roman wird gerne gelesen und hinterher sind alle schlauer. Oder glücklicher. Oder besser. Oder einfach nur ein bisschen älter. Oder alles zusammen. Oder nichts davon. Frei soll der Leser sein, frei wie eine Plastiktüte im Wind, wie eine Einwegflasche am Straßenrand, wie ein Fußball in mondloser Nacht und das Flutlicht geht nicht.“

Der Leser war so frei, Leserin erst recht, und so trat denn das Erwartbare ein: Immer die „Wiener Straße“ entlang ging es für das Buch schnurstracks auf die Bestsellerliste - und für den Autor in die Vorlesewelt. Die Reise begann dort, wo er seit dreieinhalb Jahrzehnten lebt und wo das Buch handelt, in Berlin also; führte den Schriftsteller in den Norden, in seine Geburtsstadt Bremen und später titel- und figurengerecht in die österreichische Hauptstadt.

Dass die „Wiener Straße“ auch nach Erfurt abbiegt, versteht sich für den Stamm-Herbstleser Regener von selbst. Man kennt sich, man schätzt sich. Es wird wieder ein Heimspiel. Volles Haus garantiert.

Natürlich gereicht es einem begabten Dichter in der Publikumsgunst nicht zum Nachteil, wenn er zugleich ein ziemlich bekannter Musiker ist, Sänger, Trompeter und Gitarrist der hochgeschätzten Band „Element of Crime“. Doch hier auf der großen Bühne des Erfurter Theaters braucht Sven Regener nur ein Buch, ein Pult, eine Lampe und eine Flasche Bier, um die Fangemeinde in beste Stimmung zu versetzen.

90 Lese-Minuten ohne Pause verspricht er und beginnt, womit fast jeder Leser beginnt, mit dem ersten Satz des ersten Kapitels: „Die Tür fiel zu und es war zappenduster.“ Der dritte Satz lautet: „‚Mach doch mal Licht an, Kerle‘, rief er ins Dunkel.“ Der Satz dazwischen wird hier aus Platzgründen nicht zitiert, denn er füllt drei Buchseiten. Sven Regener liest sichtlich vergnügt den sehr vergnüglichen Endlossatz und hat die Lacher auf seiner Seite.

So geht es den ganzen Abend über in gehobener Vorlese-Qualität. Rasant, mit Körpereinsatz, ohne jeden Hänger. Gut möglich, dass er den ganzen Roman auswendig vortragen kann, schließlich ist er bei den sechs Hörbuch-CDs sein eigener Vorleser.

"Wiener Straße" handelt Anfang der 80er Jahre in Westberlin, in Kreuzberg. Von einer Welt aus Künstlern, Hausbesetzern, Freaks, Punks und Alles-frisch-Berlinern spricht der Klappentext. Jeder reibe sich da an jedem. Jeder könne ein Held sein. Kunst sei das Gebot der Stunde.

Leicht melancholisch hat dazu der Rezensent der Süddeutschen angemerkt: „Das alte West-Berlin! Das alte Kreuzberg! Mauernah und still vor sich hin wuselnd, unendlich gemächlich, noch gänzlich unsmart. Kann man sich kaum vorstellen heute.“ Derweil staunte beim Lesen der „Spiegel“-Mann:  „ . . . so schön, kaputt, schlapp und wunderbar blödsinnig kann das reale Kreuzberg gar nie gewesen sein.“

16 Jahre nach seinem furiosen Roman-Erstling „Herr Lehmann“, dem Fortsetzungen folgten, hat Sven Regener 2017 wieder sein weitgehend bekanntes und weithin beliebtes Figurenensemble versammelt, die schillernd schräge Lehmann Family. Die Leser mögen den neuen alten Lehmann. Und eine deutliche Mehrheit der Kritikerschar mag ihn auch. Der Roman schaffte es immerhin auf die Longlist des Deutschen Buchpreises, den am Ende Robert Menasse für seinen Brüssel-Roman „Die Hauptstadt“ erhielt.

Einmal am Abend fällt der Name dieses österreichischen Schriftstellers. Er werde, sagt Regener, gern in Erfurt signieren, aber bitte nur Eigenes. Dann erzählt er davon, wie neulich sein Autogramm in das Buch eines Anderen gelangte, das von Robert Menasse.

Die anderthalb Stunden im Theater vergehen wie im Fluge. Das Publikum huldigt fröhlich und häufig applaudierend dem Meister des heiteren Dialogs.

Sven Regener bedankt sich und packt seine Kreuzberger Weltgeschichten ein. Die Reise geht in die Schweiz. Nach Erfurt gibt es zwei Lesungen in Zürich. Natürlich sind beide ausverkauft.

Sven Regener im Theater Erfurt

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