Erfurter Herbstlese

Es lebe die Erfurter Herbstlese!
Okt. 06 2016

Guntram Vesper stellt seinen preisgekrönten Erinnerungsroman „Frohburg“ bei Hugendubel vor

Das Buch seines Lebens

Die Geschichten, die er zu Hause hörte, gefielen Guntram Vesper oft nicht. Also dachte er sich seine eigenen aus.
Die Geschichten, die er zu Hause hörte, gefielen Guntram Vesper oft nicht. Also dachte er sich seine eigenen aus.

Von Sigurd Schwager

Da staunt selbst das autorenerprobte Herbstlese-Publikum. Denn der Debütant, den es bei Hugendubel am Erfurter Anger kennenlernen darf, ist ein Mann von 75 Jahren.

Debütant? Natürlich gehören zu dem Wort die Anführungszeichen.Schließlich begegnen wir einem seit Jahrzehnten geschätzten und vielfach geehrten Lyriker, Erzähler, Hörspielautor und Essayisten. Aber mit seinem jüngsten Werk hat er im Alter noch einmal Neues gewagt - und gewonnen, viel gewonnen.

„Frohburg“ heißt dieser erste große Roman von Guntram Vesper. Was für ein Debüt! Tausendundzwei Seiten. Ein Buch-Koloss. Ein literarisches Monument, das die Leipziger Buchmesse mit ihrem Buchpreis 2016 gewürdigt hat. Von einem opus magnum spricht die Jury, von einem lebenssatten Werk. Der Autor selbst nennt es ein endloses Selbstgespräch zwischen ihm und den Fakten. Frohburg sei sein Lebensinhalt, sagt Guntram Vesper in Erfurt, und mit jeder Faser seines Herzens hänge er an diesem Buch.

Das titelstiftende Frohburg ist eine sächsische Kleinstadt, zu finden südlich von Leipzig und nahe der Grenze zu Thüringen. Hier wird Guntram Vesper 1941 geboren; der Vater Arzt, der Großvater Tierarzt. Hier wächst er heran, und von hier aus flieht er 1957 mit seiner Familie aus der DDR in die Bundesrepublik.

Frohburg, der Ort der Kindheit und Jugend, ist der Fixpunkt für des Dichters ausschweifende Präsentation von Personen und Ereignissen, von Erlebtem, Überliefertem und Reflektiertem. Krieg, Nachkriegszeit, ein Familienbilderbogen entfaltet sich, in dem die Zeitläufe aufscheinen. Wir lesen - mit Vergnügen wie mit gelegentlicher Anstrengung -  in einem geschichtenreichen Erinnerungsroman und blicken dabei auf ein eindrückliches Panorama deutscher Geschichte.

Was ist wahr, was erfunden?

Ziemlich weit vorn in diesem Buch ohne Kapitel, auf Seite 15, nimmt der Autor den Leser an die Hand, wenn er schreibt:

„Die Geschichten, die ich als Kind vorgebetet, eingeredet, eingetrichtert bekam, auf die ich mich stürzte, an die ich mich hielt, waren meist falsch. Erst die Fortsetzungen, die ich mir selber ausdachte, bald danach oder später, sogar sehr viel später und kürzlich erst, klangen einigermaßen wahr, wenn ich sie mir erzählte, immer wieder erzählte, mit Ergänzungen, Wiederholungen, mit Abweichungen, Abirrungen, unzähligen Fassungen, von Widersprüchen durchsetzt, von Verschleierungen überzogen, im sommergrünen Fliederbaum der Großeltern auf dem waagerecht wippenden Hauptast sitzend und auf und nieder schaukelnd, dicht über dem Gartenzaun zum Hölzchen hin. Oder kurz vor dem Einschlafen, im Bett, halblaut, den Kopf unter der Decke, damals, Ende der vierziger, Anfang der fünfziger Jahre, an den Winterabenden, in den Winternächten der Nachkriegszeit, im schmalen ungeheizten Kinderzimmer unserer alten Wohnung im ersten Stock der Post, Markt Ecke Thälmannstraße, wenn die Kälte gegen die knackenden Scheiben drückte. In Frohburg war das, auf halber Fernstraßenstrecke zwischen Leipzig und Chemnitz, dort, wo die Tieflandsbucht, die Kohlenebene aufhört und das sächsische Hügelland anfängt, eine Vorstufe des Erzgebirges.“

Genau mit diesen hier zitierten Worten, die auch ein gutes Buch-Vorwort abgäben, eröffnet der mit herzlichem Beifall empfangene Autor seine Erfurter Lesung.

Dann stockt den Zuhörern der Atem. Vesper liest vom Sommer 1945 im thüringischen Küllstedt: Auf Auseinandersetzungen von Einwohnen mit Soldaten der Roten Armee folgen Verhaftungen. Sieben Küllstedter werden zum Tode verurteilt, im Beisein der Dorfbewohner mit Genickschuss hingerichtet und später an unbekannter Stelle verscharrt.

Leben und Tod, Liebe und Leid, Trauer und Fröhlichkeit (ja, es darf auch gelacht werden, zum Beispiel über den letzten Schwof in der DDR) - man kann sich dem Sog der großen und kleinen, düsteren und hellen Geschichten nicht entziehen. Wir treffen Familienangehörige, Nachbarn, Freunde, Grass, Ranicki, Loest, Kempowski und viele weitere Prominente.

Mal liest Guntram Vesper, mal verlässt er die Seiten und erzählt auch Dinge, die so nicht im Buch stehen. Beides erscheint dem Publikum wie aus einem Guss. Die Grenzen sind fließend, man ertappt sich dabei, ein noch dickeres Buch mit noch mehr Geschichten zu wünschen.

Im Gespräch mit TLZ-Redakteur Frank Quilitzsch, der den erkrankten Prof. Dietmar Herz als Moderator sehr souverän vertritt, erfährt man, dass „Frohburg“ viel länger hätte werden können. Sehr viel länger, mindestens noch zweihundert, dreihundert oder sechshundert Seiten. Ein drängender Verleger und eigene Einsicht haben das nicht zugelassen.

Grundiert durch stetige Materialsammlung und Tagebücher hat Guntram Vesper sechseinhalb Jahre bis November 2015 an diesem Werk seines Lebens gearbeitet. Obwohl er sich das gewiss gewünscht hat, wirkt der Autor immer noch überrascht vom Erfolg. Er habe sich, sagt er, schon durch den Platz auf der Kandidatenliste für den Leipziger Preis reich beschenkt gefühlt.  Guntram Vesper ist jetzt mit seiner Frau auf großer Lesereise im deutschsprachigen Raum. Neulich Wien, gestern Braunschweig, heute Erfurt.

Frohburg darf nicht fehlen. Hier ist der Wahl-Göttinger bereits im Frühjahr 1990 gewesen, mit dem 1985 erschienenen Gedichtband „Frohburg“. Im Herbst 2016 wird sein Besuch in der sächsischen Kleinstadt zum Ereignis des Jahres. Zur Lesung in einer ausgeräumten Möbelwerkstatt kommen 600 Leute, Frauen, Männer, Alte, Junge, Familien,Klassenkameraden. Signierschlangen ohne Ende. Selbige sieht man auch in Erfurt. Das zuvor Guntram Vesper mit viel Applaus dankende Publikum stimmt mit Frank Quilitzsch überein: „Frohburg ist eine sehr lohnende Lektüre.“

Übrigens, soviel Werbung darf sein: Am 17. November stellt Moderator Quilitzsch als Autor sein neues Buch „Auf der Suche nach Wang Wei“ zur Herbstlese vor.

Auch das ist eine sehr lohnende Lektüre.

 

Guntram Vesper bei Hugendubel

Fotos: Holger John

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