Erfurter Herbstlese

Es lebe die Erfurter Herbstlese!
Okt. 30 2017

Gregor Gysi präsentiert gemeinsam mit Hans-Dieter Schütt seine Autobiographie „Ein Leben ist zu wenig“ (Teil 2)

Den Kopf immer oben behalten

Das Große Haus ist nicht genug: Gregor Gysis Lesung war auch auf einer Leinwand der Studiobühne zu verfolgen.
Das Große Haus ist nicht genug: Gregor Gysis Lesung war auch auf einer Leinwand der Studiobühne zu verfolgen.

Von Sigurd Schwager

Das passt. Am stürmischsten Tag des Jahres hat ein Mann seinen Herbstlese-Auftritt, der von scharfem Gegenwind viel versteht und dessen Autobiographie folgerichtig im Kapitel 1 mit dem Satz beginnt: „Ich kann von meinem Leben nicht behaupten, es verlaufe ruhig.“

Dann liest man weiter: „Sehr oft hatte ich das drängende Gefühl, dass mir für bestimmte Dinge die Zeit fehle.“ Bereits dieser zweite Satz der knapp 600 Seiten Lebensbeschreibung ist ein Erklärstück für den spielerischen Buchtitel, der da lautet: „Ein Leben ist zu wenig“. Viele Leben in einem. Geboren 1948 in Berlin, Rechtsanwalt, Mitglied der SED, mit der Wende in die Politik geraten, Partei- und später Fraktionsvorsitzender der Linken im Bundestag, dort auch Oppositionsführer, heute Präsident der Europäischen Linken, Autor und Moderator, Reisender in eigener Sache.

Von Gregor Gysi also geht hier die Rede. Von einem Mann, der mit seiner großen rhetorischen Begabung immer wieder herausragt aus dem grau eingefärbten Politiker-Pulk.

Dass er polarisiert, ist garantiert, hoher Unterhaltungswert ebenso. Deshalb musste man kein Hellseher sein, um bei der Programmverkündung zu wissen, dass die Gysi-Lesung die mit Abstand am schnellsten ausverkaufte Herbstlese-Veranstaltung sein würde. Natürlich war sie genau das, obwohl das Große Haus im Erfurter Theater immerhin über 840 Plätze verfügt.

Wie weiland bei Hape Kerkeling lindert jetzt im Spätoktober die Direktübertragung vom Saal in das Studiotheater ein wenig die Platz-Not. Trotz Sturm und Verkehrschaos - dass es zwischendurch ziemlich knapp war, spielt jetzt keine Rolle mehr - betreten Gregor Gysi und der Journalist Hans- Dieter Schütt, der den Abend moderiert, pünktlich die Bühne und nehmen Platz am Tisch, auf dem die dicke Autobiographie thront.

Nach dem Willkommensbeifall gibt es zum Aufwärmen ein paar nette „3 nach 9“-Fragen.

Welche Nationalhymne singen Sie mit, Herr Gysi, die von Fallersleben oder die von Becher? Keine von beiden. Welches Arbeiterkampflied reißt Sie noch heute mit? Die Internationale. Friedliche Revolution oder Beitritt? Leider keine Vereinigung, sondern Anschluss. Man müsse doch irgendwann auch aufhören können zu siegen, sagt Gysi. Das gelte wie für die zwischenmenschlichen Beziehungen auch für die Politik. Zwischenbeifall.

Bei der nächsten Frage schlägt das grüne Herz höher: Thüringer Bratwurst oder Thüringer Klöße? Lieber Bratwurst, Klöße machen zu dick. Heute auf dem Weg nach Erfurt habe er eine Bratwurst gegessen.

Dann begründet Gysi, weshalb er sich im Buch als Generalist bezeichnet. Weil ein solcher Generalist über alles reden könne, ohne etwas davon zu verstehen. Wenn man nämlich zu viel wisse, sei es fast unmöglich, anderen etwas verständlich zu erklären. Beispiele aus dem Bundestag hat er genügend zu Hand, mit denen er die Zuhörer erheitert.

Schon ernster ist die Frage, wie er über die Jahre die breite Ablehnung, die Schmähungen, die Anfeindungen, ja den Hass der politischen Gegner ertrug. Ungeheuer anstrengend sei es gewesen, doch die Zeiten hätten sich geändert. Sogar den Orden wider den tierischen Ernst habe er inzwischen verliehen bekommen. Von Narben, die vielleicht geblieben sind, spricht er nicht.

Ganz am Ende des Erfurter Abends wird er aber den Faden wieder aufnehmen und ohne jegliche Ironie oder Selbstironie, die er doch sonst so mag, sagen: „Ich habe ein Leben lang versucht, den Kopf oben zu behalten.“

Man liest und hört und sieht es: Dieser Mann mit den spöttisch blitzenden Augen ist klug, witzig eitel, manchmal alles gleichzeitig. Er weiß ganz genau, was er kann und was sein Publikum von ihm erwartet. Lustvoll gibt er seinem Affen Zucker und einmal sogar der Versuchung nach, sich einen billigen Scherz zu leisten.

Aber man täusche sich nicht: Gysi hat keine Spaß-Biographie vorgelegt, keine zum Buch gewordene Talkshow. Er meint es ernst mit dem Nachdenken über sein Leben. Franziska Augstein hat das in ihrer Besprechung in der „Süddeutschen“ so auf den Punkt gebracht: „Gregor Gysis Autobiografie zeigt das Leben eines Mannes, der an seinen Idealen festhält.“

Hochinteressant ist der flotte Wälzer nicht nur, wenn man ihn als politisches Geschichtsbuch liest. Bewegend sind jene Teile des Buches, in denen der Autor nach den Wurzeln der eigenen Existenz sucht, die Familiengeschichte ergründet. Ein wenig erzählt Gregor Gysi davon in Erfurt.

Die Mutter Irene, geborene Lessing, kam in Sankt Petersburg auf die Welt. Ihr jüngerer Bruder Gottfried, der 1979 als Botschafter der DDR in Uganda in Kampala erschossen wurde, war in erster Ehe mit einer Schriftstellerin verheiratet, die später als Doris Lessing zu noblem Weltruhm kam.

Gysis Vater Klaus war in der DDR Kulturminister und vertrat das Land in Italien. Die mütterlichen Vorfahren stammten aus einer altrussischen Fürstenfamilie. Und das Ende der Verzweigungen sei noch lange nicht erreicht, schreibt Gysi. „Es werden noch Lenin, ein bayerischer Kapitalist und ein Hahn in Görlitz die Szene betreten . . .“

Gregor Gysi erzählt in Erfurt noch eine dramatische Geschichte von seinem Vater als dieser noch nicht sein Vater war. Als 1940 das Straflager Le Vernet in Frankreich an die Deutschen übergeben werden sollte, befahl ein französischer Offizier in brüllendem Ton drei deutschen Männern, darunter Klaus Gysi, auf einen LKW zu steigen. Alle befürchteten das Schlimmste. Der Offizier fuhr den Wagen in den nicht besetzten Teil Frankreichs, ließ absteigen und erklärte den Dreien, mehr könne er nicht für sie tun. Ohne ihren unbekannten Retter hätten die drei wohl nicht überlebt.

Zum Abschluss des Abends bittet Moderator Schütt Gregor Gysi, den Prolog vorzulesen, was er auch tut: „Ich habe schon als Kind gelernt, dass man Sätze nicht mit ‚ich‘ beginnen soll.“ Und beginnt sein Buch, man erinnere sich an Kapitel 1, Satz 1, selbstverständlich mit einem „ich“. Soviel augenzwinkernde Eitelkeit muss ganz einfach sein. Doch vollkommen wird sie erst durch den Epilog: „Ich“, liest Gregor Gysi genüsslich, „bin wild entschlossen, das Alter zu genießen.“

Vorher aber muss der Altersgenießer Gysi, der kurz vor dem Erfurter Auftritt in Berlin einen Talk mit Musikprinz Krumbiegel hatte, schnell noch nach Bochum fahren. Dort wartet schon Theatergeneral Peymann. Der Beifall des Herbstlese-Publikums begleitet den Umtriebigen, der in einigen Wochen 70 wird, auf seinem Weg.

Gregor Gysi und Hans-Dieter Schütt im Theater Erfurt

Fotos: Holger John, Uwe-Jens Igel

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