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Erfurter Herbstlese
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Juni 09 2021

„Nicht ohne meine Kippa!“: Literarische Mittagspause mit Levi Ufferfilge

Der Antisemitismus als Konstante

Monika Rettig im Gespräch mit Levi Ufferfilge.
Monika Rettig im Gespräch mit Levi Ufferfilge.

Im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie wird oft von einem Brennglas gesprochen, das die Brüche in der Gesellschaft deutlicher als im üblichen Alltag hervortreten lässt. Eines der schockierendsten Beispiele dafür  – es lässt sich leider nicht anders formulieren – sind die jüngsten Auswüchse antisemitischer Dummheit und Intoleranz. Dieses unschöne Thema darf nicht ausgeblendet werden. Es bestimmt auch die jüngste Ausgabe der Literarischen Mittagspause mit, zu der Monika Rettig Levi Ufferfilge begrüßt. Sein Buch „Nicht ohne meine Kippa!“ zeigt in einer Sammlung von Alltagsgeschichten, wie oft der Autor in seinem tagtäglichen Leben mit Antisemitismus konfrontiert ist.

Ufferfilge, der aktuell als Leiter einer internationalen jüdischen Grundschule in Berlin arbeitet, ist im „westfälischen Nirgendwo“ aufgewachsen. In einer Region, in der es kein jüdisches Leben gab, die nächste Gemeinde war weit weg. Auf die Frage, wie es zu der Entscheidung kam, seine jüdische Identität und seinen Glauben offen zu zeigen, sichtbar zu sein, antwortet er: „Es gab nicht das eine große Ereignis, aber verschiedene Wegmarken dahin, die alle mit Ausschluss und Ausgrenzung zu tun hatten.“ Daraus habe er einen Trotz und eine Haltung des „Jetzt-erst-recht“ entwickelt. Aber auch seine Beschäftigung mit der Bürgerrechtsbewegung in den USA, mit der Frauen- und der Schwulenbewegung hätten ihm gezeigt, wie viel errungen wurde durch Sichtbarkeit.

Er werde oft angefeindet und gerate in bedrohliche Situationen, räumt Ufferfilge im Gespräch ein. „Wie gehen Sie mit all diesem Hass, dieser Ablehnung um, was macht das mit Ihnen? Welche Strategien haben Sie entwickelt?“, fragt Monika Rettig. Die Antwort: Er hört viel Musik in der Öffentlichkeit, der Kopfhörer ist dann ein gutes Schutzschild. Er ist aber auch für vieles taub geworden und hat eine Art Panzer entwickelt. Am meisten hilft ihm das Aufschreiben seiner Erlebnisse und Erfahrungen.

„Das tat wirklich gut, und es tat vor allem auch gut, diese Ereignisse zu veröffentlichen. Es ist eine Sache, dass einem das passiert, was ich aber noch viel schlimmer fand war, dass ich ständig darüber sprechen musste. Ich fand es scheußlich, dass ich auch noch derjenige war, der im Nachgang immer wieder diese Ereignisse reflektieren musste“, erklärt er. Mit dem Teilen der Erfahrungen auf Facebook und später auf Twitter verbindet sich für ihn auch eine Erleichterung und Klärung der Zuständigkeit nach dem Motto: „Sollen sich nun andere damit beschäftigen. Ich bin raus.“

Levi Ufferfilge hat einen sehr persönlichen und dennoch oder gerade deshalb sehr genauen Gradmesser für die Zunahme des Antisemitismus in den letzten Jahren: die Geschwindigkeit, mit der sich seine Notizbücher – früher analoge, seit längerem schon digitale – füllen. Die nimmt immer mehr zu, sagt er. Auf den jüngsten Brandanschlag auf die Ulmer Synagoge angesprochen, sagt der junge Mann: „Ich glaube nicht, dass der Kampf gegen den Antisemitismus schon verloren ist, ich glaube aber umgekehrt auch nicht, dass man diesen Kampf gewinnen kann.“ Für ihn ist der Antisemitismus eine Konstante. „Man kann nur daran arbeiten, ihn klein zu halten, egal, wie viele Rückschläge es gibt.“

Mit seinem Buch will er die Menschen erreichen, die sich sonst nicht mit dem Thema Antisemitismus beschäftigen. Mit seinen sehr persönlichen Geschichten glaubt er, dafür sensibilisieren und vermitteln zu können, dass der Antisemitismus kein „exotisches Problem“ darstellt.

Zum Ende der Literarischen Mittagspause lenkt Monika Rettig das Augenmerk noch auf den „heimlichen Star des Buches“, nämlich auf seine Oma. „Sie hat mich unglaublich geprägt, und auch viel von dem Bewusstsein, sich nicht verstecken zu wollen, das habe ich auch ein ganzes Stück weit von meiner Oma mitgelernt“, erzählt Ufferfilge. Und fügt hinzu: „Viele Menschen haben sich in sie verliebt.“

„Nicht ohne meine Kippa!“ ist für Monika Rettig ein wichtiges Buch von einem Mann, der trotz aller Anfeindungen, die er erleben muss, an die Kraft des Dialoges und der Aufklärung glaubt.

Mit „Nicht ohne meine Kippa!“ steht die achte Folge der „Literarischen Mittagspause“ zur Verfügung. Sie ist über den YouTube-Kanal der Herbstlese „Caroline TV" sowie bei Spotify zu erleben. Mit den Angaben neben den Covern gelangen Sie zu unserem langjährigen Partner Hugendubel. Dort können Sie bei Bedarf die vorgeschlagenen Bücher direkt bestellen.      

 

Levi Israel Ufferfilge im Gespräch mit Monika Rettig

„Nicht ohne meine Kippa!"
Tropen Verlag, kartoniert, 208 Seiten
ISBN: 3608504125, 17,00 €

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Verena Keßler im Gespräch mit Monika Rettig

„Die Gespenster von Demmin“
Hanser Berlin, gebunden, 240 Seiten
ISBN: 3446267840, 22,00 Euro

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Alexander Osang im Gespräch mit Monika Rettig

„Fast hell“
Aufbau Verlag, gebunden, 237 Seiten
ISBN: 3351038585, 22,00 Euro

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Margarete von Schwarzkopf im Gespräch mit Monika Rettig

„Der Meister und der Mörder“
emons Verlag, Broschur, 336 Seiten
ISBN: 978-3-7408-0958-4, 13,00 Euro

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