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Erfurter Herbstlese
Es lebe die Erfurter Herbstlese!
Okt. 25 2021

Gemischtes Doppel mit Andrea Sawatzki und Christian Berkel

Der Drang zum Erzählen

Andreas Sawatzki und Christian Berkel stellten sich im Theater Erfurt den Fragen von Margarete von Schwarzkopf. (Foto: Uwe-Jens Igel)
Andreas Sawatzki und Christian Berkel stellten sich im Theater Erfurt den Fragen von Margarete von Schwarzkopf. (Foto: Uwe-Jens Igel)

 

Von Sigurd Schwager

Auf Regen, Sturm und Düsternis unter der Woche antwortet dieser vierte Oktobersonntag 2021 mit einem Erfurter Herbstlesetag wie gemalt. Die Sonne ist wieder in den Herbst verliebt und bringt ihn noch einmal zum Leuchten. Mehr Farbenzauber geht nicht. 

Wenn es trotzdem viele frühe Spaziergänger aus dem Offenen ins Saalinnere zieht, dann braucht es dafür triftige Gründe, und die gibt es natürlich. Zum einen lohnt Herbstlese immer, zum anderen lockt eine neue Veranstaltungsreihe, genannt „Gemischtes Doppel“, die das Herbstlese-Portfolio vielversprechend bereichern könnte. Zu erleben sind jeweils interessante Paare, die Berufliches oder Privates verbindet. Oder auch Beides. 

Letzteres trifft auf das prominente Duo der Sonntagsmatinee im Erfurter Theater zu: Andrea Sawatzki und Christian Berkel, zwei deutsche Schauspielgrößen, seit mehr als zwei Jahrzehnten ein Paar und seit 2011 verheiratet, zwei Söhne. Sorgten schon beider Herbstlese-Soli für beträchtlichen Zulauf, so führt nun der erstmalige gemeinsame Auftritt zum erwartbaren Zustand eines ausverkauften großen Hauses. 

Den Theatermorgen moderiert die dem Herbstlese-Publikum bestens vertraute Journalistin, Autorin und Literaturkritikerin Margarete von Schwarzkopf. Sie wird, auch das keine Überraschung, in den folgenden anderthalb Stunden mit ihrer ebenso klugen wie unterhaltsamen Gesprächskunst dem Künstlerpaar eine kongeniale Partnerin sein. 

Schon die ersten Sätze nehmen die strahlende Heiterkeit des sonnigen Herbsttages auf. Die Moderatorin zitiert Google-Paar-Wissen, zwei gleiche, zusammengeführte, zusammengefügte, zusammengestellte Wesen oder Dinge - und bittet Sawatzki und Berkel um ihre Definition. Dass dabei der Gatte der Gattin bei der Antwort den Vortritt lässt, entlockt der wissend lächelnden Fragestellerin ein lobendes „Schlau!“ Einig sind sich jedenfalls beide, bei aller Gemeinsamkeit, sehr verschieden zu sein, woraus die unverzichtbare Spannung entstehe.

Als Andrea Sawatzki von den Anfängen ihrer Beziehung spricht, wie sie in der Drehpause den Kollegen beim Bücherlesen beobachtet und dabei dem Erfurter Publikum erklärt, sie habe schon immer ein Faible für gebildete Männer mit guten Manieren, gibt es Szenenapplaus. Tatsächlich fühlt man sich in eine Theaterszene versetzt, wenn die beiden rekonstruieren, welches Buch es wohl gewesen sei. Wie hieß nochmal der Autor? Camus? Nein. Proust? Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Niemals. Schlink? Genau: Schlink war`s. Der Vorleser.

Später geht es um das erste eindrücklich erinnerte Buch. Berkel, der seine Jugend zum Teil in Frankreich verbracht hat, nennt „Der Fremde“ von Camus, dann Dostojewski. Andrea Sawatzki sagt, das erste ihr von Mutter vorgelesene Buch sei Pippi Langstrumpf gewesen. Mit 16, 17 Jahren habe sie Bölls „Haus ohne Hüter“ beeindruckt und die Schar angesagter Franzosen. Beide halten es mit Proust, dass das Lesen eine Begegnung mit sich selbst sei und freuen sich, wenn inzwischen auch der eigene Nachwuchs zum Buch greift.

Dass beide überhaupt Zeit haben, nur so zum Vergnügen in die Bücherwelten einzutauchen, scheint an ein Wunder zu grenzen. Die Liste ihrer vielfältigen Rollen für Kino, Fernsehen und Theater ist lang - und die der Preise dafür ebenso. Zwei Serienfiguren sind ihre berühmtesten: Andrea Sawatzki gibt neun Jahre lang die unnahbare Frankfurter „Tatort“-Hauptkommissarin Charlotte Sänger und Christian Berkel 14 Jahre den schweigsamen Hauptkommissar Bruno Schumann in der ZDF-Reihe „Der Kriminalist“. Beide blicken in Erfurt durchaus zufrieden auf das populäre Rollenleben zurück und würdigen insbesondere, dass sie ihre Figuren selbst entwickeln konnten.

Man merkt im Gespräch über Lust an Verwandlung und Überwindung von Scham: Es ist der Drang zum Erzählen, der sie bei allem, was sie tun, umtreibt. Beim Spielen und jetzt seit einigen Jahren auch beim Schreiben. Sawatzkis Buch-Debüt „Ein allzu schönes Mädchen“ erscheint im Frühjahr 2013, rasch gefolgt vom erste Roman aus dem kunterbunten Leben der Familie Bundschuh. Fünf Bände sind es inzwischen, die es längst in bewegten Bildern gibt. Mit Gundula Bundschuh alias Andrea Sawatzki an der Spitze.

Im Vergleich zur Gattin eher ein literarischer Spätstarter ist Christian Berkel. Sein Erstling „Der Apfelbaum“ erscheint 2018, zwei Jahre später „Ada“. Familiengeschichte als Zeitgeschichte. Leserschaft und Literaturkritik sind gleichermaßen beeindruckt von der Erzählkraft des Autors und warten gespannt auf den Abschluss der Trilogie.

In Erfurt holt Berkel nach, was er schon 2020 tun wollte, aber aus den bekannten pandemischen Gründen nicht tun konnte: Er liest zwei Szenen aus „Ada“. Die erste handelt in den 50er Jahren der jungen Bundesrepublik und zeigt die Protagonistin beim Therapeuten. In der zweiten nimmt er uns mit in das Jahr 1965 zum Stones-Konzert in die Westberliner Waldbühne.

Berkel ist diese Szene wichtig. Sie spiegelt die von einer aufbegehrenden Jugend gefühlte Enge der autoritären Gesellschaft. Der Autor hat sich dazu in einem Gespräch mit DLF Kultur ausführlich erklärt: „Wenn man sich vorstellt, 1965, als dieses berühmte erste Stones-Konzert in der Waldbühne in Berlin war und aus dem Ruder gelaufen ist, wo die Zuschauer, enttäuscht, dass das Konzern abgebrochen wurde, dann randaliert haben, S-Bahn-Waggons umgekippt haben. Das war ein Riesenskandal damals, und die Elterngeneration regte sich wahnsinnig auf. Aber was hatte diese Elterngeneration davor getan? Die hatte gerade ganz Europa in Schutt und Asche gelegt, die hatten sechs Millionen europäische Juden umgebracht. Dagegen war das Randalieren, was an sich sicherlich nichts Schönes war, aber das war nun wirklich gar nichts im Vergleich. Ada gehört zu dieser Generation. Meine Generation hat das auch noch betroffen, aber diese Generation eigentlich noch stärker, die mit diesem Schweigen auf den Schultern aufgewachsen ist, die dann aber irgendwann gesagt hat: Das kann doch alles nicht sein. Wir wollen uns damit nicht mehr abfinden, wir wollen wissen, was gewesen ist, wir wollen eine Auseinandersetzung, wir wollen raus aus dieser verschmockten, verstaubten Adenauer-Zeit, wir wollen leben.“

Christian Berkel in Erfurt lesen zu hören, ist ein Genuss und der Beifall mehr als verdient. „Was für wilde Zeiten, und Du bist nicht einmal dabei gewesen“, seufzt die Moderatorin und nimmt sich für die Stones-Fans im Saal die Zeit, an den wunderbaren Charlie Watts zu erinnern.

Dann hat Gundula Bundschuh, pardon Andrea Sawatzki, ihren starken Lese-Auftritt und treibt den Zuhörern die Lachtränen ins Gesicht. Großes Komödien-Kino. Das hätte noch Stunden so weitergehen können. Aber man will höflich sein. Schließlich wartet auf Andrea Sawatzki am Abend das Meininger Publikum, und das eine oder andere Buch möchte man sich vorher hier in Erfurt unbedingt noch signieren lassen.

Der Beifall für Andrea Sawatzki, Christian Berkel und Margarete von Schwarzkopf ist lang und herzlich. Und draußen vor der Tür erwartet alle der goldene Oktober.
 

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