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Erfurter Herbstlese
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Sept. 27 2021

Jenny Erpenbeck stellt ihr Meisterwerk „Kairos“ zur Erfurter Herbstlese vor

Der Gott des glücklichen Augenblicks

Nach sechs Jahren Warten stellte Jenny Erpenbeck ihren neuen Roman "Kairos" im Erfurter Kultur: Haus Dacheröden vor.
Nach sechs Jahren Warten stellte Jenny Erpenbeck ihren neuen Roman "Kairos" im Erfurter Kultur: Haus Dacheröden vor.

Von Sigurd Schwager

Kairos, der Gott des richtigen Augenblicks, der Gott der günstigen Gelegenheit, ist ein flüchtiges Wesen. Ihn beim Schopfe zu packen, fällt den Menschen immer wieder schwer. Also halten sie sich gern an seinem Namen fest. Sie gründen Kairos-Firmen für Marketing und Mode, für Filmverleih und Fleischgroßhandel. Sie sitzen in der Kairos-Kanzlei, musizieren im Kairos-Quartett und entwerfen Kairos-Sitzelemente. Sie bauen Kairos-Segelyachten, auf denen sie roten Kairos-Biowein trinken, gestalten Kairos-Inspirationstage und -Projekte. Und natürlich produzieren sie auch Kairos-Bücher aller Art: Kairos titelt das griechischen Vokabelheft ebenso wie Walter Benjamins philosophische Schriftensammlung oder Rainer Fuhrmanns utopisches Werk, in dem man die finale DDR gespiegelt sieht.

Die jüngste nachhaltige Begegnung mit Kairos verdanken wir Jenny Erpenbeck, einer Schriftstellerin, von der man mit guten Gründen behaupten darf, es handele sich bei ihr um eine der markantesten Stimmen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Dass sie ihren neuen, hochgelobten Roman auch in Erfurt vorstellt, versetzt das Herbstlese-Publikum in erwartungsfrohe Stimmung.

Programmchefin Monika Rettig erinnert im Hause Dacheröden an Jenny Erpenbecks letzten starken Herbstlese-Auftritt mit „Gehen, ging, gegangen“ im Dezember 2015 im Augustinerkloster. Fast sechs Jahre sind seither vergangen. Eine ziemlich lange Zeit. „Aber“, sagt Monika Rettig, „das Warten hat sich gelohnt. Kairos gehört zum Besten, was wir in diesem Jahr lesen können.“

Der Roman erzählt von einer Liebe in den späten Zeiten der vergehenden DDR: der Liebe zwischen der 19jährigen Studentin Katharina und dem 53jährigen Schriftsteller Hans, die 1986 in Ostberlin ihren Anfang nimmt. Jenny Erpenbeck liest zunächst den Prolog, in dem alsbald der Namensgeber auftritt: „Kairos, der Gott des glücklichen Augenblicks, habe, so heißt es, vorn über der Stirn eine Locke, einzig an der kann man ihn halten. Ist aber der Gott erst einmal auf seinen geflügelten Füßen vorübergeglitten, präsentiert er einem die kahle Hinterseite des Schädels, blank ist die und nichts daran ist mit den Händen zu greifen. War der Augenblick ein glücklicher, in dem sie damals, als neunzehnjähriges Mädchen, Hans traf?“

Katharinas Frage - wir sind von der ersten Buchseite an darüber im Bilde - gilt einem Toten. Geblieben sind ihr von ihm zwei große Kartons, gefüllt mit Erinnerungen von 1986 bis 1992. Viel Papier - und in einer Streichholzschachtel ein Büschel Haare. Ach Kairos. Ein trauriges Trümmerfeld.

Netter Zufall in Erfurt: Nicht nur Katharina und ihre Schöpferin Jenny Erpenbeck sind Jahrgang 1967. Auch Romy Gehrke, die Moderatorin, kann über sich und ihr Jahr 1986 in der DDR sagen: Ich war 19. Nun fragt sie die Autorin, warum sie gerade jetzt einen solchen Roman geschrieben habe.

Jenny Erpenbeck, die schon zu anderer Gelegenheit öffentlich bekundet hat, dass es ihr immer schwer gefallen sei, über die DDR zu reden, lächelt und sagt: Wie es scheine, werde sie wohl langsam alt, sei jetzt im Alter von Hans. Das Publikum lächelt vernehmlich zurück.

Dieser Grundton wird bei aller Ernsthaftigkeit den ganzen Abend tragen. Zum Beispiel erfreut Jenny Erpenbeck die Anwesenden mit Erzählungen über ihren Ehemann, den Dirigenten. Dieser habe kritisiert, dass im Buch die große Liebesszene mit Mozarts Requiem kombiniert werde. Das gehe gar nicht. Geht natürlich doch, sagt die Schriftstellerin: „Es ist wunderschöne Musik.“

Wie erwartet und erhofft erfährt das Erfurter Publikum auch das eine oder andere Erbauliche über Heiner Müller und seine Bühnenarbeit. Die mit eigener Theatervergangenheit ausgestattet Moderatorin beneidet die Schriftstellerin um deren Müller-Assistenz beim Tristan in Bayreuth und steuert ihrerseits detailliert Berliner „Lohndrücker“-Erinnerungen aus der DDR-Endzeit bei.

Sie habe damals Alexander Langs „Danton“ besser gefunden, sagt Jenny Erpenbeck. Und ehe die Plauderei sich in alten Berliner Theater-Untiefen verlieren kann, steigt sie wieder empor und landet beim glücklichen Augenblick der Gegenwart: dem neuen Buch.

Es folgen weitere gelesene Passagen mit eingeflochtenen Fragen. So bekommt das Erfurter Publikum ein beredtes Bild davon, was dieser Roman will und vermag: den abgründigen Lebenslauf einer Liebe zwischen Lüge und Wahrheit vor dem Hintergrund der verschwindenden DDR zu erzählen.

Dem Klappentext-Stenogramm ist nicht zu widersprechen. Und schon gar nicht dem literarischen Herbstlese-Quartett, das 11 Tage zuvor am selbigen Ort „Kairos“ mit verbalen Bestnoten geradezu überhäuft hat:  großartig, historisch konkret und intensiv, Geschichte des 20. Jahrhunderts psychologisch fein erzählt...

Langer herzlicher Applaus für die Schriftstellerin und ihr neues Meisterwerk. Ganz zum Schluss gibt es dann die obligate Erfurter Schokolade, die Jenny Erpenbeck mit dem süßen Versprechen würdigt: „Es lohnt sich immer wieder, ein Buch zu schreiben.“

So möge es sein. Die Herbstlese-Türen stehen weit offen.

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