Erfurter Herbstlese

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April 21 2015

Interview mit Landolf Scherzer über die Quälerei mit seinem neuen Buch, Thüringens Farbenlehre und Bodo Ramelow

„Der Rote ist ein Bunter“

Mehr Mühe als gedacht: Sein neues Buch "Der Rote" geht Landolf Scherzer nicht wie gehofft von der Hand.
Mehr Mühe als gedacht: Sein neues Buch "Der Rote" geht Landolf Scherzer nicht wie gehofft von der Hand.

Am 14. April feierte der Thüringer Schriftsteller Landolf Scherzer seinen 74. Geburtstag. Dem Rummel um seine Person entflieht er traditionell; dieser Tage machte er es sich mit seiner Frau auf Kreta schön. Er konnte die Erholung gebrauchen, steckt ihm doch die Arbeit an seinem neuen Buch „Der Rote“ tief in den Knochen. Dafür hat der „Wallraff des Ostens“, der sich mit seinen Langzeit-Reportagen eher in der Tradition eines Egon Erwin Kischs oder Julius Fučiks sieht, die neue Thüringer Landeregierung während ihrer ersten 100 Tage begleitet; zuvorderst natürlich den Ministerpräsidenten Bodo Ramelow, aber auch Minister und Politiker der rot-rot-grünen Koalition sowie der Opposition. 

Leicht fällt ihm das Schreiben dieses Mal offensichtlich nicht, zu viele Fragen seien noch offen, gibt er zu. Anders als bei seinen Berichten aus Griechenland oder China gebe es eben immer noch die Möglichkeit für einen weiteren Termin; statt einen Strich unter die Recherche zu ziehen und sich dann beim Schreiben zu quälen, quäle er sich jetzt mit dem Ziehen des Strichs.

Am Welttag des Buches, am 23. April, wird er ab 20.00 Uhr bei KNV Logistik in Erfurt-Mittelhausen von dieser Quälerei berichten. Aber nicht allein: Zum von Deutschlandradio Kultur-Korrespondenten Henry Bernhard moderierten „Werkstatt-Gespräch“ wird auch Ministerpräsident Ramelow (Die Linke) erwartet.

Wir hatten im Vorfeld dazu Gelegenheit zu einem Gespräch mit dem Autor in seinem Haus in Dietzhausen bei Suhl (Fotos: Holger John).

 

Herr Scherzer, am 23. April feiern die Freunde der Literatur den Welttag des Buches. Was für ein Buch lesen Sie denn gerade?

 

Ich komme gerade überhaupt nicht zum Lesen, weil ich selbst ein Buch schreibe . . .

 

. . . über das wir sprechen möchten. Sie stellen es am 23. April, besagtem Welttag des Buches, im Rahmen eines Werkstattgespräches vor. Wie weit sind Sie denn damit?

 

Bisher ist noch nicht mehr da als das Titelblatt. Das Buch soll „Der Rote“ heißen. Auf dem Einband wird Bodo Ramelow mit seinem Hund Attila zu sehen sein.

 

Na das ist doch schon die halbe Miete . . .

 

 . . . na ja, wichtiger ist vielleicht, dass es auch schon einen Untertitel gibt – Macht und Ohnmacht des Regierens.

 

Für Ihr Buch haben sie den Thüringer Ministerpräsidenten die ersten 100 Tage im Amt begleitet. Nun ist er bekanntlich der erste Regierungschef eines deutschen Bundeslandes mit einem Parteibuch der Linkspartei. Müsste es da nicht „Der Dunkelrote“ heißen?

 

Die Koalition, die ihn trägt, ist rot-rot-grün. „Der Rote“ ist ja auch nicht meine Erfindung, dass ist ihm vor der Wahl als Etikett verpasst worden. Auf eine, wie ich finde, sehr undemokratische Art und Weise. In einer beispiellosen Kampagne wurde er als Alt-Kommunist dargestellt, gar als Stasi-Wiederbeleber. Die Farbe Rot ist also etwas, was ihm zugesprochen wurde. Er selbst sieht sich als Farbenloser . . .

 

. . . das klingt ein wenig missverständlich . . .

 

 . . . in Sinne von nicht einer Farbe zugehörig, mehr aus vielen Farben zusammengesetzt. Er trägt ja als Ministerpräsident auch kein Parteiabzeichen am Revers, sondern das Thüringer Wappen. Nach der politischen Farbenlehre ist er eigentlich ein bunter Vogel. Wenn ich zeigen kann, dass der Rote ein Bunter ist, dann hat dieses Buch auch einen Neuigkeitswert.

 

Von der Fraktionschefin der Linkspartei gibt es das Wort vom „Höllenritt“, der Rot-Rot-Grün in der Regierungsarbeit erwarte. Läuft es in Erfurt bisher dafür nicht erstaunlich glatt?

 

Das schon, aber die Medien tun ihr Bestes, das Trennende in dieser Koalition zu suchen; das gemeinsame Projekt, das Miteinander interessiert sie nicht. Mich schon.

 

Und doch findet sich im Untertitel das Wort Ohnmacht.

 

Es gab im Gespräch mit dem Verlag bestimmt vierzig Vorschläge für den Untertitel. Dann fanden wir „Macht und Ohnmacht des Regierens“. Da dachte ich mir, das ist es, in diese Richtung möchte ich recherchieren. Da hast du den ersten Mann im Land, und selbst der steht einigen Dingen ohnmächtig gegenüber.

 

Woraus speist sich diese Ohnmacht?

 

Zunächst: Du kannst nur so weit verändern, wie du dafür Geld in der Kasse hast. Auch Bodo Ramelow hat keinen Goldesel, der die Euros aus seinem Hintern purzeln lässt. Auch die Linke muss sich an Gesetze halten, die sie in Thüringen nicht ändern kann, Hartz IV ist so ein Beispiel.

 

Die Erwartungen sind hoch . . .

 

. . . und sie sind nicht auf ein Thema beschränkt. Der höchste Stapel mit Briefen in Bodo Ramelows Sekretariat sind Zuschriften von Menschen, die den Unrechtsstaat DDR aus ihrer ganz persönlichen Sicht aufgearbeitet sehen wollen. Für diese Erwartungen hat er zu Beginn seiner Regierungszeit selbst gesorgt, mit seinem Treffen mit Roland Jahn zum Beispiel. Oder mit seinem Versprechen, sich um die Zwangsadoptionen in der DDR zu kümmern. Aber auch da gibt es Gesetze, die das verhindern, da gibt es Schweigepflichten und Sachen, die unter Verschluss bleiben sollen. Da ist eben auch Ohnmacht.

 

Nun gibt es Kritiker, die sagen, der Ramelow hat Kreide gefressen. War bei den Recherchen zum Buch wirklich nichts vom alten Choleriker zu hören oder zu sehen?

 

Ich kenne ihn als Choleriker nicht. Früher hat er sich mit Vehemenz für bestimmte Dinge eingesetzt wie das Denkmal für die Wehrmachtsdeserteure in Erfurt, bei Hausbesetzungen oder als Gewerkschafter – da musst du poltrig sein und auch einmal schreien. Als Ministerpräsident musst du diplomatisch sein.

 

Diplomat kann er?

 

Er ist vor allem ein begnadeter Redner mit einem phantastischen Gedächtnis. Wenn ich nur zehn Prozent davon hätte, wären meine Bücher besser. Zahlen, die er einmal hört, merkt er sich. Als Gewerkschafter ist er viel im Land herumgekommen. Heute besucht er einen Ort, wo er vor Jahrzehnten schon einmal war, und er erinnert sich. Das kommt bei den Leuten sehr gut an. Andere Minister halten im Land allgemeine Reden. Er fragt, was ist denn aus dem und dem geworden, wie haben sich seit damals die Dinge entwickelt. Das hat er alles behalten, das ist sein großer Vorteil.

 

Teil zwei des Gesprächs: „Als Ministerpräsident musst du das machen“

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