Erfurter Herbstlese

Es lebe die Erfurter Herbstlese!
Nov. 02 2017

Nobelpreisträgerin Herta Müller sorgt im ausverkauften Kaisersaal für den literarischen Auftritt des Jahres

Die ganze Welt in einem weißen Taschentuch

„Es war uns eine Ehre und Freude“, sagte am Ende des Abend Herbstlese-Programmchefin Monika Rettig zu Nobelpreisträgerin Herta Müller. Genau so war es, schreibt der Rezensent.
„Es war uns eine Ehre und Freude“, sagte am Ende des Abend Herbstlese-Programmchefin Monika Rettig zu Nobelpreisträgerin Herta Müller. Genau so war es, schreibt der Rezensent.

Von Sigurd Schwager

Die Herbstlese 2017 weiß sich mit ihren Gästen nobel zu steigern. Auf Gregor G., den Neffen der britischen Literaturnobelpreisträgerin von 2007, folgt nur 48 Stunden später in Erfurt die deutsche Literaturnobelpreisträgerin von 2009.

Herta Müller in Erfurt. Eine Nobelpreisträgerin, eine weltweit gerühmte Dichterin also, für ein solches Festival zu gewinnen, gehört ganz gewiss nicht zu den leichten Veranstalter-Übungen. Lange, sehr lange hat sich die Herbstlese intensiv bemüht. Nun ist es, in Kooperation mit dem Theater Erfurt, endlich geglückt, und die Stadt erlebt im ausverkauften Kaisersaal den literarischen Auftritt des Jahres, hört eine poetische  Stimme, die zugleich eine politische ist.

Kein druckfrisches Buch gilt es zu erkunden. Dafür darf das Publikum die Dichterin begleiten beim forschenden Gang durch ihr Werk, den sie auf der Bühne gemeinsam unternimmt mit Ernest Wichner. Der Schriftsteller stammt wie sie aus dem deutschsprachigen Banat in Rumänien und leitet heute das Literaturhaus Berlin.

Man merkt es von Anfang an: Das Publikum, das die so zart, so zerbrechlich wirkende starke Frau mit großer Herzlichkeit begrüßt, kennt ihre Bücher und ihre Biografie, die voll schmerzender Erinnerung an dunkle Zeiten ist. Ein widerständiges Leben in der totalitären Welt des Ceausescu-Regimes. Entlassen als Übersetzerin, weil sie dem Geheimdienst nicht zu Willen ist. Verhöre, Hausdurchsuchungen, Drohungen, Zensur, Veröffentlichungsverbot in Rumänien, 1987 die Ausreise nach West-Berlin.

30 Jahre später fragt Ernest Wichner sie in Erfurt, ob sich die Dichterin eine Rückkehr nach Rumänien vorstellen könne. Alles, was sie dazu sagt, lässt sich zusammenfassen in einem Nein. Eine andere Frage, die ihr im Kaisersaal gar nicht gestellt wird, scheint ihr wichtig. Sie werde, erzählt Herta Müller, immer wieder gefragt, wann sie endlich auch einmal über Deutschland schreibe. Ihre Antwort: „Ich tue es doch schon seit sehr langer Zeit.“

Dann liest Herta Müller ein Stück aus ihrem Buch, das den Titel des Abends stiftet: „Mein Vaterland war ein Apfelkern“.

Sie nimmt die Zuhörer mit in ihre Kindheit in Rumänien. „Diese riesigen sozialistischen Maisfelder. Wenn man mittendrin im Feld zwischen den dichten Maisstengeln stand, war das Feld ein Wald. Er reichte einem über den Kopf, man sah nicht hinaus. Ich glaube, es gibt zwei Menschentypen, und die unterscheiden sich in der Art, wie sie Landschaft spüren

Die einen steigen gern auf einen Berg, stehen mit den Füßen dicht unter den Wolken und beherrschen das Tal, mit dem Kopf, und dem Blick. Die kriegen oben einen freien Atem, da wird ganz groß geschnauft, und die Brust weitet sich.

Und die anderen fühlen sich, wenn sie oben stehen und hinunterschauen, erst richtig verloren. Ich gehöre zu den Verlorenen, mir schnürt sich der Hals zu. Je größer die Aussicht, desto enger und bedrängter bin ich.“
Herta Müller erzählt von einer Natur, die sie als Kind feindselig findet. Später wird sie erfahren, dass Naturphänomene von Menschen eingesetzt werden, um Menschen zu quälen, in Gefängnissen und Lagern. „Polarkreis und Wüste, Frost und Hitze können töten und lassen sich wie Folterwerkzeuge benutzen, um Leute zu vernichten.“

Das Kind, das ständig mit Pflanzen allein ist, möchte zu ihnen dazugehören. Doch es gelingt ihm nicht. „Ich bleibe fremd und für sie schwer zu ertragen, sie werden meiner überdrüssig, und eines Tages, wahrscheinlich bald, frisst mich die Erde.“
Worte wie ein Sog. Es herrscht Stille im Saal. Zwischenbeifall löst sie auf. Das Gespräch auf der Kaisersaal-Bühne wechselt von den Erinnerungen zur Gegenwart und wieder zurück. Man hört zu und bemüht die eigene Vorstellungskraft: Das Dorfkind, das die Kühe hütet; das Mädchen, das seine schönsten Kleider nicht in der Stadt tragen darf; die Studentin aus der eine Übersetzerin wird, die in der ziemlich schrecklichen Maschinenbaufabrik Trost beim Schwanenhals und anderen poetischen Technik-Wörtern findet.

Herta Müller spricht über das Schreiben in Rumänien, über diesen „Ausweg nach innen“ und über den äußeren Schutz, den Literatur manchmal auch zu bieten vermag. Nach dem Erscheinen der Bücher im Westen habe man sie, die Autorin, nicht mehr einfach verschwinden lassen können.

Dann liest sie Passagen aus dem Roman „Atemschaukel“, der vielen als Höhepunkt ihres bisherigen Schaffens gilt. Er handelt von deutschstämmiger Rumänen, die nach 1945 in die Sowjetunion deportiert wurden. Auch Herta Müllers Mutter ereilte dieses Los. Die Autorin sprach mit Deportierten aus ihrem Dorf. Entscheidend aber war ihre Begegnung mit Oskar Pastior, der seine Geschichten vom Leben und Sterben im Lager erzählte. Ein gemeinsames Buch sollte es werden. Der überraschende Tod des Dichters im Herbst 2006 ließ es nicht dazu kommen.

In einigen Szenen, die Herta Müller ausgewählt hat, spielt ein Taschentuch eine wichtige Rolle. Von eben diesem Taschenbuch hat sie auch ausführlich erzählt in ihrer Stockholmer Dankesrede für den Nobelpreis: „Als ich mit Oskar Pastior Gespräche führte, um über seine Deportation ins sowjetische Arbeitslager zu schreiben, erzählte er, dass er von einer alten russischen Mutter ein Taschentuch aus weißem Batist bekommen hat.

Vielleicht habt ihr Glück du und mein Sohn, und dürft bald nach Hause, sagte die Russin. Ihr Sohn war so alt wie Oskar Pastior und von zu Hause so weit weg wie er, in der anderen Richtung, sagte sie, in einem Strafbataillon. Als halbverhungerter Bettler hat Oskar Pastior an ihre Tür geklopft, wollte einen Brocken Kohle für ein bisschen Essen tauschen. Sie ließ ihn ins Haus, gab ihm heiße Suppe.

Und als seine Nase in den Teller tropfte - das weiße Taschentuch aus Batist, das noch nie jemand benutzt hatte. Mit einem Ajour-Rand, akkurat genähten Stäbchen und Rosetten aus Seidenzwirn war das Taschentuch eine Schönheit, die den Bettler umarmte und verletzte . . . Oskar Pastior selbst war eine Mixtur für diese Frau: weltfremder Bettler im Haus und verlorenes Kind in der Welt. In diesen zwei Personen war er beglückt und überfordert von der Geste einer Frau, die für ihn auch zwei Personen war: fremde Russin und besorgte Mutter mit der Frage: HAST DU EIN TASCHENTUCH.

Oskar Pastior hat das Taschentuch als Reliquie von einer Doppelmutter mit einem Doppelsohn im Koffer aufbewahrt. Und dann nach fünf Lagerjahren mit nach Hause genommen. Warum – sein weißes Taschentuch aus Batist war Hoffnung und Angst. Wenn man Hoffnung und Angst aus der Hand gibt, stirbt man."

Und so endete damals Herta Müllers Rede: „Kann es sein, dass die Frage nach dem Taschentuch seit jeher gar nicht das Taschentuch meint, sondern die akute Einsamkeit des Menschen."

Für ein in Teilen sogar heiteres Finale des Erfurter Herbstlese-Abends sorgen Kunstwerke, bei denen Sprach- und Bildstücke auf Karteikarten arrangiert sind, mit Schere und Kleister von Herta Müller hergestellt. Sie werden auf eine Leinwand projiziert und die Nobelpreisträgerin rezitiert sie gekonnt. „Vater telefoniert mit den Fliegen“ hört sich besonders schön an.

Warum sie das macht? Es könne sein, hat sie einmal gesagt, dass sie das Zerbrochene in sich selbst wieder zusammenkleben wolle. „Ich tue es bis heute.“

Als der lange Beifall im Kaisersaal schließlich verebbt, sagt Herbstlese-Programmchefin Monika Rettig: „Es war uns eine Ehre und Freude.“

Genau so war es.

Herta Müller im Kaisersaal

Fotos: Holger John

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