Erfurter Herbstlese

Es lebe die Erfurter Herbstlese!
Nov. 13 2013

Die Kunst der Reduktion

Peter Stamm las drei Passagen aus seinem neuen Roman. Fotos: Holger John
Peter Stamm las drei Passagen aus seinem neuen Roman. Fotos: Holger John

Peter Stamm ist Schweizer. Man hört es, wenn er aus seinem neuen Roman „Nacht ist der Tag“ liest. Er schreibt auch so, wie man sich das schmucke Land in den Bergen vorstellt: Einfach, sauber, ruhig und schmuck – mit ganz viel Substanz unter der Oberfläche. Im Gespräch mit Eva Corino bei Hugendubel erklärt er, warum er es gar nicht anders kann.  Seiner Meinung nach gilt das für alle Autoren. Ein jeder von ihnen schreibe letztlich so, wie er lebt, wie er sich gibt, kurz, wie er ist.

Nicht zu vergessen: was er mag. Peter Stamm liebt das Einfache, in Sprache, Stil und Musik. Er hört lieber Kammermusik  und zieht die kleine Besetzung vor, die Reduktion auf das Wesentliche. Es ist der Versuch zu verstehen. Nach Jahren in der Fremde, in der großen Welt, nach Stationen in Paris, New York, London „und immer wieder Berlin“ ist er in die Heimat zurückgekehrt, nach Winterthur, einer früheren Arbeiterstadt. Doch Arbeiter leben dort längst nicht mehr.

Die Welt ist im Wandel, das gilt auch für das Private. Peter Stamms Helden haben es geschafft, sind sesshaft, haben gute Jobs. Sie wissen dennoch nicht, wer sie sind, was sie mit dem Rest ihrer Lebenszeit anfangen sollen. Sie, Gillian, ist die Frau, deren Gesicht die Leute aus dem Fernsehen kennen. Er, Hubert, ist Künstler, der mit „Hausfrauenakten“ eine gewisse Berühmtheit erlangt hat. Zwei Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen. Alles ist fein geordnet.

Ist es nicht. Als sie ihn – mit fremden Fragen – interviewt, fühlt sie sich von ihm angezogen. Er, der Künstler, muss doch wissen, wer sie in Wahrheit ist. Er muss sie doch erkennen können.

Er kann es nicht. Sie weiß sich nicht zu zeigen, obwohl sie für ihn alle Hüllen fallen lässt. Hubert bemüht sich, sehr sogar, er quält sich, doch ohne Erfolg.

Ein Unfall ändert alles. Gillian verliert ihr Gesicht. Sie wird von guten Chirurgen wieder hergerichtet. Äußerlich ist sie fast wieder die alte, doch unter der Hülle regt sich neues Leben. Sie sorgt dafür, dass sich die beiden wiedersehen; sie als Unterhaltungschefin eines Ferienclubs, er als Professor, der sich manches Mal als Schwindler fühlt, wenn er vor seinen Studenten steht. Hubert hat es verlernt, Kunst zu machen.

Es ist erstaunlich, zu welchen Erkenntnissen Menschen gelangen, wenn sie Zeit für sich haben. Hubert ergeht es so, Jill – so nennt sich Gillian jetzt – ist ihm dabei sogar voraus. Beide werden, eher halbherzig und mit viel Verzögerung, ein Paar. Am Ende ist fraglich, ob sie zusammenbleiben.

Peter Stamm hat sich mit diesem Buch nicht leichtgetan. Ein paar Jahre wollte es gar nicht vorangehen. Ein Stück dieser Sprödigkeit hat sich erhalten. „Nacht ist der Tag“ ist kein Buch, das sich in einem Ruck liest. Es braucht Zeit zur Verarbeitung, auch oder gerade, wenn es ausgelesen ist.

Wenn er einen Roman vollendet hat, dann ist er auch mit seinen Protagonisten fertig; Fortsetzungen, erklärt Pater Stamm, sind nicht seine Sache. Die wünscht man sich in diesem Fall auch nicht. Es bleiben genug Fragen, denen es nachzuspüren gilt. Weil es die einfachen Fragen sind, ist das kompliziert genug.

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