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Nov. 19 2019

Ulrich Tukurs Roman-Debüt „Der Ursprung der Welt“ im Theater Erfurt

Die Seelenreise eines Träumers

Ulrich Tukur stellt sich auf der Bühne den Fragen von Alexander Solloch. (Foto: Holger John, Viadata)
Ulrich Tukur stellt sich auf der Bühne den Fragen von Alexander Solloch. (Foto: Holger John, Viadata)

Von Sigurd Schwager

Wer der Star der Herbstlese 2019 ist? Ein Mann von schwäbischem Geblüt, ein Nachfahre des berühmten Sagen-Erzählers Gustav Schwab, ein gewisser Herr Scheurlen. Gerade hat ihm Arte ein starkes Filmporträt gewidmet. „Träumer und Suchender“ heißt es. Und der Rolling Stone beschreibt ihn in seiner jüngsten Ausgabe ausführlich und bewundernd als „Wonnemensch, Unzeitgemäßer, Kunstfreund, begabt als Schauspieler, Musiker, Zeichner und Autor, Schwärmer und Erzähler, Genießer und Romantiker.!

Dieser allseits gepriesene Ulrich Bernhard Scheurlen also hat im gehobenen Alter von 62 Jahren als Romancier debütiert. Nun zieht er mit seinem späten Erstling „Der Ursprung der Welt“ lesend durch die Republik und sorgt überall für volle Häuser, denn unter seinem Künstlernamen Ulrich Tukur kennt ihn schließlich (fast) jeder im Lande. Hier in Erfurt war der große Saal der Oper schon vor dem Erscheinungstag des Romans ausverkauft. Wenn der Vieles-Könner Tukur kommt, dann möchte man sich das nicht entgehen lassen.

Erfurt ist für ihn ein Heimspiel. Er wird hoch geschätzt und sehr gemocht. Die Vorfreude, die schon im Foyer in der Luft liegt und der rauschende Beifall, der den Gast beim Betreten der Bühne empfängt, beglaubigen das ohren- und augenscheinlich. Kein Eis, das erst noch zu brechen wäre. Als Moderator Alexander Solloch vom NDR mit dem Tukur-Zitat beginnt, dass er in seinem Leben immer vor etwas auf der Flucht sei, antwortet der Künstler vergnügt: „Jetzt bin ich angekommen in Erfurt.“ Applaus. Einmal in heiterem Schwung, wird dem Publikum zurückgedankt für dessen glücklich beendete Flucht vor dem nasskalten Novembergrau ins trockene, warme Theater.

Dann widmet sich Literaturredakteur Solloch dem Anlass des Abends und erzählt, wie es ihm beim Lesen des Romans ergangen sei. Gern hätte er ab und an gewusst, was sich der Autor bloß dabei gedacht habe. „Ich manchmal auch“, sagt der Autor.

Etwas später greift er den Gedanken wieder auf: „Das Buch ist nicht so ganz einfach.“ Wohl wahr! Tukurs Roman ist ein komplexes Gebilde. Er handelt in Deutschland und Frankreich in den Jahren 2033 und 1943. Paul Goullet, der Protagonist, wandert durch die Zeiten, bewegt sich zwischen einer dunklen Vergangenheit und der ebenso dunklen nahen Zukunft in einem zerfallenden Europa. Historische Gestalten wie Walter Benjamin tauchen auf, und das berühmte Gemälde von Gustave Courbet, das den Buchtitel stiftet, spielt eine gebührend wichtige, eine symbolträchtige Rolle.

Im Gespräch mit Alexander Solloch nimmt Ulrich Tukur die Zuhörer mit zu den Roman-Anfängen. Alles beginnt mit einem alten Fotoalbum, das einen Menschen zeigt, von dem er nichts weiß. Die Neugier ist geweckt, doch weder hat er einen Plan noch einen Schreibrausch. Aber er notiert, recherchiert, schreibt in Drehpausen Abgründiges und Phantastisches. Worte fügen sich und wachsen oft zwischen Tür und Angel. Drei Jahre dauert es, bis Tukur das letzte Wort aufschreibt – in einem Hotelzimmer in Zürich. Sein Roman, sagt er in Erfurt, habe sehr viel mit ihm selbst zu tun. Vor dramatischem Hintergrund handele es sich um die Reise eines Menschen in seine eigene Seele.

„Der Ursprung der Welt“ hat nicht alle Literaturkritiker erfreut. Was der eine als kraftvolle Mahnung und intelligentes Lesevergnügen empfindet, ist für den anderen einfach nur anstrengend. Besonders hart zur Sache geht die FAZ: „Verstiegener Plot, verblasener Stil: Ulrich Tukurs erster Roman sucht die finstere Vergangenheit in einer blassen Zukunft und scheitert fulminant.“ Der vorzügliche Moderator spricht den Autor auf das „Sperrfeuer des Feuilletons“ an. Ulrich Tukur duckt sich nicht vor Kritik, wehrt sich, verteidigt sein Buch. Er ist dabei sichtlich um sachlichen Ton und Gelassenheit bemüht, aber man merkt schon, dass ihn das nicht gleichgültig lässt. Der Saal stimmt mit den Händen ab: spontaner Applaus für den Autor.

Knapp zwei Stunden dauert der pausenlose Abend. Das Publikum folgt dem Geschehen auf der Bühne gebannt und genießt. Lesung, Gespräch, Monolog: Die Übergänge sind fließend und fügen sich bei dem wunderbaren Schauspieler Ulrich Tukur natürlich zu einem szenischen Ganzen, das seine eigene Bühnenqualität hat. Da wirkt selbst die schon oft erzählte kleine Geschichte seines Pseudonyms so frisch, als rede er heute das allererste Mal darüber: Über sein Kinodebüt „Die weiße Rose“ im Jahr 1981 und den Regisseur Michael Verhoeven, der den Namen des jungen Schauspielers für keinesfalls plakat- und abspanntauglich hält. Dass er sich an einen seiner Vorfahren erinnert, der Anfang des 19. Jahrhunderts von einem napoleonischen Offizier gefragt wird, wie der neugeborene Sohn heißen solle. Seine Antwort: „Napoleon, tout court.“ Manchmal sind die Dinge eben – ganz einfach –, und so wird aus tout court der deutsche Name Tukur.

Auch das Lesen ist in Erfurt mehr als lesen. Vor dem Vortrag des Eigenen kommt beim Träumer Tukur erst noch Shakespeare, „Der Sturm“ und der Stoff, aus dem die Träume sind: „We are such stuff as dreams are made on, and our little life is rounded with a sleep.“ Später unterbricht er sich gelegentlich, um zu erklären oder zusammenfassen, erzählt von den Eltern und vom Großvater, nennt sich selbst einen aus der Zeit gefallenen Menschen, der relativ altmodisch schreibe, und fügt hinzu: „Ich bin digital obdachlos.“

Die letzte Frage des Abends gilt einem möglichen zweiten Roman. Ulrich Tukur lächelt: „Man hat mir schon wieder einen Vorschuss gegeben...“

Auf den langen Beifall folgt das noch längere Anstehen beim Signieren.

Ulrich Tukur im Theater Erfurt

Fotos: Holger John, Viadata

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