Erfurter Herbstlese

Es lebe die Erfurter Herbstlese!
April 24 2017

Haus mit neuem Hüter: Christoph Hein liest zum Weltbuchtag aus seinem neuen Roman „Trutz“

Die Thüringer Klöße müssen warten

Der Zweite wird der Erste sein: Nach der Herbstlese-Premiere mit Marcel Reich-Ranicki las Christoph Hein im 97er Eröffnungsprogramm des Festivals. Nun startete mit ihm das das Engagement des Herbstlese-Vereins im Haus Dacheröden auch offiziell.
Der Zweite wird der Erste sein: Nach der Herbstlese-Premiere mit Marcel Reich-Ranicki las Christoph Hein im 97er Eröffnungsprogramm des Festivals. Nun startete mit ihm das das Engagement des Herbstlese-Vereins im Haus Dacheröden auch offiziell.

Von Sigurd Schwager

Welch erlesener Tag für Erfurt, dieser 23. April 2017: Am Welttag des Buches wird im Herzen der schönen alten Stadt ein traditionsbeladenes Gebäude offiziell wiedereröffnet, in dem einst schon Goethe, Schiller und andere große Geister ein und aus gingen.

Der neue Hüter des Hauses Dacheröden am Anger 37, der Erfurter Herbstleseverein, hat zur literarischen Feier des Tages Christoph Hein eingeladen, was man eine Idealbesetzung nennen darf. Zum einen gehört Hein zu den wichtigsten deutschsprachigen Autoren, mit denen sich jedes Literaturfest gern schmückt; zum anderen ist er wie Marcel Reich-Ranicki oder Fritz Raddatz ein Erfurter Lese-Gast der ersten Stunde. Denn als 1997 die Herbstlese mit bescheidenen zehn Veranstaltungen ihren Anfang nimmt, reist aus Berlin Christoph Hein mit einem Buch an, das den passenden Titel „Von allem Anfang an“ trägt.

20 Jahre später, wieder ein erfreulicher Lese-Anfang, sitzt er im Dacherödschen Saal, blickt freundlich auf sein Publikum und wundert sich ein bisschen. Sonntag, 12 Uhr, beste Thüringer-Klöße-Zeit, stattdessen Beginn einer Lesung. Das gehe gar nicht, habe er sich gedacht. So kann auch der klügste Dichter sich irren. Es geht natürlich. Die Klöße müssen warten. Kein Platz bleibt frei, zusätzliche Stühle werden hereingetragen.

Christoph Hein, im April 73 geworden, hat eine große und treue Leserschar, die sich gerade in jüngster Zeit besonders gut versorgt fühlt. Frühlingslese 2016: „Glückskind mit Vater“, ein neuer großer Wurf, ein wunderbarer Roman, mehr als 500 Seiten auf- und anregende Literatur. Frühlingslese 2017: „Trutz“, der nächste starke Roman, fast 500 Seiten.

Was der Berichterstatter vor einem Jahr nach der „Glückskind“-Lesung im Haus am Breitstrom geschrieben hat, das wiederholt er jetzt gern. Wie viele andere Hein-Leser auch fühlt er sich erneut im Sog einer großen Erzählkunst.

Heins „Trutz“ ist eine Jahrhunderterzählung vom Leben und Sterben, die bis in die Gegenwart reicht; ein Buch des Erinnerns an Tod und Terror, an Hitler und Stalin, an Willkür und Ohnmacht. Der Klappentext übertreibt nicht. Es ist ein Höllenritt durch das 20. und 21. Jahrhundert. Eindringlich berichtet werden im zumeist sachlichen Ton des Chronisten die Lebens- und Leidensgeschichten der deutschen Familie Trutz, die vor den Nazis 1933 nach Moskau flieht, und die der befreundeten russischen Familie Gejm.

Ob er denn glaube, dass es nie eine bessere Welt geben werde, ist Christoph Hein mit Blick auf sein bedrückendes „Trutz“-Panorama gefragt worden. Die Hoffnung auf eine bessere Welt bleibe, hat er geantwortet. Vielleicht sei es ja nur eine Utopie, aber eine für den Menschen lebensnotwendige.

 Im Dacherödschen Haus liest Hein eine schnörkellose Stunde lang aus dem ersten Teil, handelnd in einer Zeit, da die braune Front den Himmel über Deutschland verdunkelt. Die Zuhörer erleben mit, wie der junge Rainer Trutz nach dem Abitur in Anklam sein rasches Berufsglück in Berlin sucht. Er scheitert kläglich als Werber für Zeitungs- und Lotterieabonnements, wird er von einem Auto angefahren, dessen Fahrerin Lilija in der sowjetischen Botschaft arbeitet und den jungen Trutz im Romanischen Café in Künstler- und Journalistenkreise einführt. Später schreibt Trutz erste kleine Theaterkritiken, noch später ein misslungenes Drama, schließlich einen Roman, der dem Verleger sogar gefällt.

Entspannt und gelegentlich sogar dezent erheitert hört man dem Vorleser in Erfurt zu, doch dann ist Schluss mit lustig. Blut fließt. Trutz hat eine Karte für die ausverkaufte Premiere der Piscator-Bühne übrig und bietet sie einem jungen Mann an, einem Arbeiter. Der kneift die Augen zusammen und starrt ihn an. „Ach so, du bist ener von dem roten Pack. Judensau!“ Unvermittelt schlägt er Trutz ins Gesicht, so dass dessen Nase augenblicklich zu bluten beginnt. Man ahnt schon: Blut wird den Erzählstrom noch oft färben.

„Dieses Buch vergisst man nicht“, schreibt Frank Quilitzsch in seiner „Trutz“-Kritik in der Thüringer Allgemeinen. Die Mittagszuhörer im Hause Dacheröden bekräftigen dieses Fazit auf ihre Weise mit langem Applaus.

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