Erfurter Herbstlese

Es lebe die Erfurter Herbstlese!
April 20 2017

Der Rechtsmediziner Michael Tsokos stellt seinen neuen True-Crime-Thriller „Zerbrochen“ im Gewerkschaftshaus vor

Eine ganz besondere Vorlesung

Mit seinem dritten True-Crime-Thriller war Deutschlands bekanntestem Rechtsmediziner zum zweiten Mal in Erfurt.
Mit seinem dritten True-Crime-Thriller war Deutschlands bekanntestem Rechtsmediziner zum zweiten Mal in Erfurt.

Von Sigurd Schwager

Wäre man an diesem schneekalten Aprilabend  auf der Couch geblieben und mit der Fernbedienung durch die endlose Programmeinfalt geeilt, so hätte man dort wie immer alsbald die üblichen Serien-Verdächtigen getroffen: die Verbrecher und ihre Jäger, die tapferen Gesetzeshüter - und natürlich auch ihre seit den guten alten Dr.-Quincy-Zeiten unentbehrlichen Helfer. Sie heißen heute Dr. Temperance „Bones“ Brennan, Samantha Ryan, Dr. Robert Kolmaar oder Prof. Dr. Dr. Karl-Friedrich Boerne.

Aber an diesem Erfurter Abend müssen all die Fernsehberühmtheiten ohne uns ihres Amtes walten, denn die Frühlingslese hat einen echten Rechtsmediziner eingeladen, noch dazu den berühmtesten des Landes: Prof. Dr. Michael Tsokos.

Der Saal im alten Gewerkschaftshaus ist voll. Man sieht mehr Männer als sonst bei den Lesungen. Sie sind gewiss nicht nur das Taxi für die Gattin oder die Freundin.
Michael Tsokos, gerade 50 geworden, verheiratet und Vater von fünf Kindern, lebt ein erstaunliches Leben, bei dem man sich fragt, wie er das alles schafft. 

Der international gefragte Experte leitet an der Berliner Charité das Institut für Rechtsmedizin und die Gewaltschutzambulanz sowie das Landesinstitut für gerichtliche und soziale Medizin in Moabit. Er ist Herausgeber wissenschaftlicher Publikationen, moderiert Fernsehsendungen, hat fünf Sachbücher verfasst sowie gemeinsam mit Sebastian Fitzek respektive Andreas Gößling vier Krimis geschrieben. Tsokos geht in Talkshows und auf Lesereisen, trainiert Taekwondo und trägt den schwarzen Gürtel.

Ohne gute Organisation würde  sein Leben nicht funktionieren, hat er in einem Gespräch gesagt und betont: „Der wichtigste Punkt für mich bleibt, dass meine Arbeit Spaß macht. Ich freue mich jeden Morgen auf meinen Job.“

Obendrein, das kann man bei seinem zweiten Erfurter Auftritt erneut beobachten, hat er Entertainer-Qualitäten. Bestsellerautor und „True Detective“-Fan Tsokos stellt sein jüngstes Werk vor, auf neudeutsch True-Crime-Thriller genannt, also auf wahren Begebenheiten beruhend. „Zerbrochen“ ist nach „Zerschunden“ (2015) und „Zersetzt“ (2016) das dritte Buch, dessen Hauptfigur der Rechtsmediziner Dr. Fred Abel ist, der in seiner Leidenschaft für den Beruf seinem Schöpfer Michael Tsokos gleicht.

Die Handlung von „Zerbrochen“ setzt ein Jahr nach den Ereignissen in „Zerschunden“ ein, bei denen Abel  nach einem Überfall fast zu Tode kam. Es ist sein erster Arbeitstag bei der BKA-Einheit „Extremdelikte“ nach 12 Monaten Zwangspause.

Tsokos liest in Erfurt das erste Kapitel: Freitag, 9. Juli, glutheißes Berlin. Ein mörderischer Psychopath, der Darkroom-Killer, geht in der Hauptstadt um. Außerdem: Vier der zehn deutschen Terroropfer des Anschlags auf dem Istanbuler Sultan-Ahmed-Platz sind noch nicht identifiziert. Abel soll das von einer Seniorin Verbliebene obduzieren.

Später trägt der Autor noch ein zweites Buch-Kapitel vor. Es handelt von 16-jährigen Zwillingen aus Gouadeloupe, die bei ihrem Berlin-Besuch entführt werden.

Vor, zwischen und nach diesen Texten erzählt Tsokos aus einem Vierteljahrhundert Berufsleben. Trotz beklemmender Details ist es ein sehr interessanter, ein spannender Vortrag über die Rechtsmedizin und ihren wichtigen Platz in unserer Gesellschaft.

Die Bilder, die der Aufklärer Tsokos dazu auf der Leinwand zeigt, sind kaum auszuhalten. Zerstörung, Leichen, immer wieder Leichen. Srebrenica, Kosovo, Tsunami, Terroranschläge in Istanbul und auf dem Berliner Weihnachtsmarkt, Leichen im Seziersaal und im Koffer, Ermordete, Selbstmörder, Unfalltote . . .
„Aber“, sagt Tsokos, der Anwalt der Toten, „wir Rechtsmediziner haben nicht nur mit Toten zu tun, sondern häufig auch mit Lebenden.“ Sie untersuchen Opfer von Gewalt,  sie sichern Spuren, sie erstellen Gutachten.

Man schaut auf die schrecklichen Bilder, hört dem Professor gebannt zu und versucht sich dabei vorzustellen, wie stabil einer sein muss, der diesen Beruf ausübt. In einer Selbstauskunft von Tsokos kann man dazu nachlesen: „Ich bin ein sehr fröhlicher Mensch und habe eine solide psychische Verfassung. Wer depressiv ist, wird sicherlich nicht Rechtsmediziner.“

Gelacht werden darf auch an diesem Abend der Toten. Insbesondere als Tsokos zum Teil lustige Fotos von Dreharbeiten präsentiert, denn das Buch „Abgeschnitten“ wird verfilmt, und zwar mit ziemlich prominentem Personal: Moritz Bleibtreu, Jasna Fritzi Bauer, Fahri Yardim sowie der große Lars Eidinger als Psychopath. 

Kongenial ist übrigens die Rolle eines Uni-Professors besetzt. Den spielt nämlich ein  wirklicher Uni-Professor - ein gewisser Michael Tsokos.

Dann ist die Erfurter Vorlesung beendet. Der Rechtsmediziner bedankt sich für den schönen Abend. Seine Kurzzeit-Studenten danken mit kräftigem Beifall zurück.

Michael Tsokos im Gewerkschaftshaus

Fotos: Holger John

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