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Erfurter Herbstlese
Es lebe die Erfurter Herbstlese!
Nov. 16 2019

Andreas Pflüger stellt mit „Geblendet“ Band III seiner Jenny-Aaron-Trilogie vor

Eine höchst ungewöhnliche Heldin

Als gebürtiger Thüringer erzählt Andreas Pflüger bei seiner Lesung auch einen Witz, der zumindest ein bisschen im Freistaat spielt.
Als gebürtiger Thüringer erzählt Andreas Pflüger bei seiner Lesung auch einen Witz, der zumindest ein bisschen im Freistaat spielt.

Von Sigurd Schwager

„Operation Rubikon“ 2004, „Endgültig“ 2016, „Niemals“ 2017 und „Geblendet“ 2019: Die Meinungen über das schriftstellerische Werk von Andreas Pflüger sind durchaus zweigeteilt. Für die einen gehört er mit seinen Romanen aktuell zu den besten deutschen Thriller-Autoren. Für die anderen ist er der beste.

Sein jüngstes Buch „Geblendet“ bestärkt die Literaturkritiker in ihrem Urteil. Das Sonntagslob einer Sonntagszeitung entspricht dabei der allgemeinen Tonlage: „Nichts ist zu viel an diesem Buch, vieles fast zu gut. Es ist blutig und lustig und philosophisch und poetisch. Es ist das, was dieser Herbst braucht.“

Was dieser Herbst braucht, das kann auch die Herbstlese gut gebrauchen. Mit dem dritten Buch über die blinde Elitepolizistin Jenny Aaron, kommt deshalb Andreas Pflüger als Gast in die Bibliothek am Erfurter Domplatz. Und er kommt gern. Thüringen, das ist für Andreas Pflüger, der im Saarland aufwuchs und seit vielen Jahren in Berlin lebt, eine Annäherung an seine Wiege. Denn das Licht der Welt erblickte er im Oktober 1957 in Bad Langensalza. Davon wird er dem Publikum zu Beginn des Abends erzählen. Unter den Zuhörern, das freut ihn besonders, ist auch sein Thüringer Onkel Jochen, der in der zweiten Reihe sitzt und einen Extra-Applaus erhält.

Sollten sich in der Bibliothek Mütter und Väter befinden, deren Kinder gerade mannigfaltig Anlass zur Sorge geben, dann spendet Pflügers Biografie Hoffnung: Sitzenbleiber, zweimal, Studienabbrecher, Philosophie und Theologie, Gelegenheitsjobs als Taxifahrer, Möbelverkäufer oder Koch. Zugleich unverdrossene Schreibbemühungen und der Zukunftssatz für die Eltern: „Ich werde Schriftsteller!“ Und tatsächlich wird er auf verschiedenen Wegen und Umwegen ein Berufsschreibender, ein Autor.

Der Zufall gibt dabei, wie man in Erfurt erfährt, die Richtung vor. Die erste Fernsehredakteurin, sagt er, die einen Text von ihm haben wollte, sei eine „Tatort“-Redakteurin gewesen. Wer weiß, lächelt Pflüger, was aus ihm geworden wäre, wenn es sich um eine Pilcher-Expertin gehandelt hätte. Er wird zum Dauertäter, schreibt für mehr als zwei Dutzend „Tatort“-Folgen das Drehbuch, beginnend 1994 mit dem Berliner Hauptkommissar Franz Markowitz, gespielt von Günter Lamprecht. Mit seinem Freund Murmel Clausen erfindet Pflüger den erfreulich unverwechselbaren Weimarer „Tatort“ und hält Kira Dorn und Lessing bis zum „höllischen Heinz“ am Neujahrsabend 2019 die Autorentreue.

Dann wechselt der charmante Plauderer Pflüger in Erfurt vom gedrehten zum gedruckten Buch, wo ihm niemand reinreden kann. „Als ich die Idee zu Jenny Aaron hatte“, sagt er, „da erklärten mich alle für verrückt.“ Er hat es trotzdem getan. Pflüger, der im richtigen Leben weder ein Supermann noch blind ist, mag seine Figur sehr und bekennt sich in Erfurt zu seiner Superblinden: „Jenny und ich haben viele Gemeinsamkeiten. Wenn Sie das Buch lesen, erfahren Sie auch viel über mich.“ 

Der Abend liefert dafür das eine oder andere Detail. Als Pflüger irgendwann Max Frisch als seinen Lieblingsschriftsteller bezeichnet, erinnert man sich, dass das auch auf Jenny Aaron zutrifft. Max Frisch, der unter anderem Gantenbein erschuf, einen Mann, der vorgibt, blind zu sein. Wiederholte Spiegelungen.

Das mit Pflügers Büchern vertraute Publikum erlebt einen Autor, der auch spannend über sein Schreiben zu reden vermag. Wie der Berichterstatter wird sich vielleicht mancher Zuhörer vornehmen, später noch einmal im Netz in des Dichters Denk- und Schreibwerkstatt vorbeizuschauen.

Da liest man dann: „Thriller mit einer blinden Hauptfigur zu schreiben, die noch dazu überwiegend aus deren Perspektive erzählt sind, war und ist für mich als Sehenden eine große Herausforderung – wie groß, wurde mir erst nach und nach offenbar. Sie werden dem Anhang der Bücher entnehmen können, dass ich alles unternommen habe, was in meinen Kräften stand, um in die vermeintlich dunkle Welt von Blinden eintauchen zu können...“

Und über Jenny Aaron gibt er der Leserschaft dies mit auf den Weg: „Wenn Sie die Bücher lesen/hören, wird Ihnen eine höchst ungewöhnliche Heldin begegnen. Einzelne von Jenny Aarons Talenten werden in Natura auch von anderen Blinden beherrscht. Aber gewiss nicht in einer einzigen Person gebündelt. Darüber hinaus beherrscht Aaron asiatische Kampfkünste und besitzt artistische Fähigkeiten, die ganz außergewöhnlich sind, zumal für eine Blinde. Sie werden eine blinde Ausnahmekönnerin kennenlernen, und das aus gutem Grund. Die Lebenswege blinder Menschen haben mich, so unterschiedlich sie sein mögen, vieles gelehrt – auch Folgendes: Das Augenlicht zu verlieren und nicht daran zugrunde zu gehen, heißt sehr oft, ums Überleben kämpfen. Ich habe meiner Heldin ihre herausragenden physischen Gaben nicht nur verliehen, um einen Schauwert für einen Thriller zu erzeugen, sondern auch, weil das, was dieser Frau geschieht und alles, was sie vermag, ein Gleichnis ist. Ja, Aaron ist größer als das Leben. Sie wird mit dem Unmöglichen konfrontiert und muss es bewältigen, um nicht zerschmettert zu werden. Mein Leitstern für meine Heldin ist jederzeit: Was ist die größte Herausforderung, vor die sie gestellt werden kann, und wie vermag Aaron sie zu meistern? Das ist eine Parabel auf die Behinderung an sich. Aarons Entschlossenheit, ihrer Sensibilität und ihrem Mut müssen die Sehenden standhalten. Nicht jedem gelingt dies, auch davon handeln die Romane...“

Pflügers Erzählungen in Erfurt sind zugleich immer wieder ein starkes Plädoyer für gründliche, für bestmögliche Recherche. Begeistert spricht er in diesem Zusammenhang von Prof. Dr. Bernhard Sabel, seinem Fachberater, der zum Freund wurde und dessen Alter Ego man im Buch trifft. „Eine ganz wunderbare Zusammenarbeit“, sagt er in Erfurt über den Magdeburger Professor. „Er liest jede Zeile gegen und achtet darauf, dass sie fachlich richtig ist.“ Die Jenny-Aaron-Bücher seien schließlich keine Science-Fiction.

Man hört es mit jeder Zeile, die der Autor zur Herbstlese aus „Geblendet“ vorliest: Die Liaison von Dichtung und Fachwissen funktioniert. Michael Helbing hat das in der „Thüringer Allgemeinen“ gut auf den Punkt gebracht. „Der Roman“, schreibt er, „besticht mit Sätzen und Szenen, die so zielgenau und treffsicher sind wie seine Protagonisten. Physiologische wie psychologische Recherchen überführt Pflüger mit poetischer Präzision in Literatur.“

Dass der literarische Präzisionsarbeiter auch über Entertainer-Qualitäten verfügt, verhilft der Veranstaltung zu vielen heiteren Momenten. Dazu gehört, dass er auf die zehn häufigsten Fragen an den Autor antwortet, bevor sie ihm gestellt werden. Macht Ihnen das Schreiben Spaß? Was machen Sie eigentlich tagsüber? Warum haben Sie mit dem Schreiben von Drehbüchern aufgehört? Und so weiter.  Er nutzt die ungestellten Fragen für Reflexionen und Anekdoten oder die Ankündigung einer Rauch- und Rotweinpause.

Der Witz mit Thüringen-Bezug, der es ins Buch geschafft hat, darf nicht fehlen: „Eine Frau und ein Mann wollen heiraten. Sagt sie: ‚Schatz, ich muss dir noch was sagen. Ich bin blind‘ Und er: ‚Ich muss dir auch was sagen. Ich komme nicht aus Gera, sondern aus Ghana.‘“

Er stelle erfreut fest, sagt Pflüger, dass Blinde seine Bücher, die es auch in Punktschrift gibt, lieben. Einmal sei bei einer Lesung eine blinde Schwangere zu ihm gekommen und habe gesagt: Wenn es ein Mädchen werde, dann solle es Jenny heißen - und im Falle eines Jungen Aaron. Der Autor lacht: „Mehr können Sie als Schriftsteller nicht erreichen.“

Wie es nach dem Abschluss der Trilogie weitergeht, möchte die Erfurter Fangemeinde am Ende vom Autor wissen. Kein Wort zu Jenny Aarons Bücher-Zukunft. Am Signiertisch von einer Leserin auf Film- oder Serienpläne angesprochen, antwortet Andreas Pflüger, man stehe in Verhandlungen, aber noch ohne Ergebnis. Sicher ist nur, das hat er zuvor schon verraten: Er sitzt an einem neuen Roman, diesmal ein Einzelstück. Erscheinen soll das Werk im März 2021. „Lassen Sie sich überraschen!“

Gar nicht überraschend bedankt sich das Publikum mit starkem Beifall.

Andreas Pflüger in der Bibliothek am Domplatz

Fotos: Viadata

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