Erfurter Herbstlese

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Dez. 01 2015

Daniel Höra verbindet die Erfahrungen aus Flucht und Vertreibung von heute und vor 70 Jahren

Eine ungewöhnliche Freundschaft

Im Predigerkeller stellte Daniel Höra sein inzwischen bereits fünftes Jugendbuch vor.
Im Predigerkeller stellte Daniel Höra sein inzwischen bereits fünftes Jugendbuch vor.

Die aktuelle Debatte um die deutsche Flüchtlingspolitik kennt bisher nur wenige literarische Beiträge. Einer davon ist Daniel Höras Buch „Das Schicksal der Sterne“. Darin verbindet er die Erzählungen seines Vaters über Flucht und Vertreibung aus Schlesien mit denen eines jungen Mannes aus Afghanistan, den er in Berlin bei einer Lesung kennenlernte. Im Predigerkeller stellt er sich und sein Buch einem interessierten, vor allem aber jungen Publikum vor. Neben viel Betroffenheit gab es dabei auch einigen Grund zum Schmunzeln.

Es ist die Geschichte von Karl und Adib. Die beiden treffen sich in Berlin. Bis dahin haben es beide nach einer gefährlichen Flucht geschafft. Der Ältere kam vor 70 Jahren, nachdem die Sieger des Weltkrieges fast alle Deutschen aus Schlesien vertrieben. Der Jüngere musste aus Afghanistan fliehen. Sein Vater hatte als Dolmetscher für die Bundewehr gearbeitet. Weil er nicht damit aufhörte, erschossen ihn die Taliban. Auch seiner Familie drohten sie mit dem Tod. So blieb nur die Flucht.

Eher zufällig finden die beiden Protagonisten des Buches zueinander. Karl erleidet auf einer Parkbank einen Schlaganfall. Adib findet sein Buch, dass die Rettungssanitäter übersehen haben. Karls Adresse steht in dem Buch. So kann es der junge Flüchtling seinem Besitzer zurückgeben. Es ist ein Fachbuch, es geht um Astronomie. Sie ist die Leidenschaft der beiden ungleichen Bekannten. Die Liebe zu den Sternen wird zur Basis für ihre ungewöhnliche Freundschaft.

Für seine Lesung hat sich Daniel Höra indes einen anderen Schwerpunkt ausgesucht. Sein Thema im Predigerkeller ist die Flucht. Zwar sind die Nachrichten voll davon,  wie gefährlich es ist, erst einmal auf die so genannte Balkanroute zu kommen, doch erst durch die bedrückende Authentizität des Buches bekommen die Zuhörer einen Vorstellung von den unmenschlichen Zuständen, denen die Flüchtlinge ausgesetzt sind. Sie erfahren von tagelangen Fahrten auf holprigen Pisten, immer in der Angst, erwischt zu werden. Vom quälenden Warten in Grenzstädten oder dem Kentern der viel zu kleinen Booten bei der Überfahrt in das gelobte Land nach Europa.

Ähnlich drastisch beschreibt der Schriftsteller Flucht und Vertreibung der Deutschen nach dem zweiten Weltkrieg. Er berichtet von den Vorwürfen, die sich Karl noch Jahrzehnte später macht, weil er für das eine Ziel, für sein nacktes Überleben und das seiner Familie, weil er dafür Dinge getan hat, für die er sich bis heute schämt.

Es sind diese drei Ebenen, die Daniel Höra für seine Leser kunstvoll verknüpft; die Erfahrung der Flucht gestern und heute, dazu die Freundschaft zwischen einen Deutschen und einen jungen Afghanen. Er zeigt damit, wie ähnlich die beiden in ihrem Menschsein, in ihrem Streben nach Glück letztlich sind.

Nach einer guten Schulstunde macht sich durchaus Betroffenheit im Predigerkeller aus. Auf das Angebot, Fragen zu stellen, geht zunächst keiner der Besucher ein. Doch zunächst zögerlich und dann drängender wächst das Interesse; Daniel Höra wird gebeten zu erzählen, wie er aufwuchs, warum er mit dem Schreiben begann, wie erfolgreich er damit ist.

Das werden dann fidele Minuten, in denen von abgebrochener Schulzeit, verkorkster Lehre und dem Scheitern als Taxifahrer zu hören ist. Dabei stand für Daniel Höra indes eine Sache immer felsenfest: Er wird ein Schriftsteller. Inzwischen hat er sechs Bücher geschrieben, fünf davon für Jugendliche. Er halt also Recht behalten.

Daniel Höra im Predigerkeller

Fotos: Uwe-Jens Igel

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