Erfurter Herbstlese

Es lebe die Erfurter Herbstlese!
Nov. 04 2015

Matthias Steiner auf der Bühne des Ratsgymnasiums

Erkenne dich selbst!

Der frühere super schwere Gewichtheber Matthias Steiner ist fast nicht wieder zu erkennen.
Der frühere super schwere Gewichtheber Matthias Steiner ist fast nicht wieder zu erkennen.

Ist er das wirklich? Nein. Doch! Derart Kommentare hat Matthias Steiner oft gehört. Zu groß ist die Veränderung, die er vor aller Augen vollzogen hat; vom superschweren Jungen und stärksten Mann der Welt hin zum schlanken Mittdreißiger und Motivations-Trainer.

Zwar liegt sein größter sportlicher Triumph schon einige Jahre zurück – 2008 wurde er in Peking Olympiasieger im Gewichtheben –, doch die emotionale Siegerehrung, bei der er mit der Goldmedaille auch das Bild seiner verstorbenen Frau in die Kameras hielt, prägte sich fest in das kollektive Gedächtnis ein. Doch spätestens im Sommer 2015, als er grazil und gekonnt mit seiner Partnerin Ekatarina Leonova bei „Let’s Dance“ über die Bildschirme huschte, stimmte das Bild nicht mehr. Matthias Steiner hatte in nur einem Jahr 45 Kilogramm an Gewicht verloren.

Darüber hat er jetzt ein Buch geschrieben, zusammen mit seiner Frau Inge. In Erfurt, in der Aula des Ratsgymnasiums, stellt er es allerdings allein vor.

Bereits sein Einmarsch gerät zum Hingucker. Er steckt in einem speziellen Kostüm, das von innen mit Luft gefüllt ist. Bevor er sich auf der Bühne der künstlichen Pelle wieder entledigt, können so Erinnerungen aufkommen. An Matthias, den Athleten. Den schweren Jungen.

Der Spaß kommt gut an, hat aber einen ernsten Hintergrund. Mit seinem Buch möchte Matthias Steiner anderen Menschen zu ihrem Wohlfühlgewicht verhelfen. Er weiß, er kann nur anleiten und unterstützen. Die Arbeit haben seine Leser. Doch bevor sie sich der Herausforderung Abnehmen stellen können, fordert der Mann auf der Bühne Ehrlichkeit. Am besten anhand alter Fotos sollen sie sich ein realistisches Bild von sich selbst machen; der Spiegel, da hat er Recht, kaschiert die schleichenden Veränderungen.

„Das Steiner Prinzip“ ist nicht nur ein Motivationsbuch. Das auch, und ohne den Kampf gegen den inneren Schweinehund purzeln wohl nirgends die Pfunde. Der Autor erklärt aber, wo die Tücken liegen: Beim unkontrollierten Essen zuerst, weil viele gar nicht wissen, was sie so alles in sich hineinstopfen. Also regiert auch hier die Ehrlichkeit. Matthias Steiner empfiehlt ein Tagebuch, in dem wirklich alles aufgeschrieben wird, was auf den Teller und in die Schüsseln und Tassen kommt. Ein Woche lang. Das ist zwar nervig, gibt er zu, doch ohne korrekte Bestandsaufnahme ist die Mission Gewichtverlust stark gefährdet.

Seine zweite Forderung: Schau auf die Brennwert-Angaben auf den Flaschen und Verpackungen! Was sich darin so alles – vor allem an Zucker – verstecke, erstaune auch ihn selbst immer wieder. Dabei ist es Matthias Steiner gewohnt, genau hinzusehen. Seit seinem 18. Lebensjahr, als nach einer Erkrankung seine Bauspeicheldrüse aufhörte, Insulin zu produzieren, muss er sich das Eiweiß täglich spritzen.

Der Vortrag, von gelesenen Passagen unterbrochen, gerät kurzweilig und unterhaltsam, aber auch durchaus lehrreich. Damit steht er in einer Reihe mit dem Buch, das, so der feste Eindruck, wirklich beim Kampf mit sich selbst und der Suche nach dem eigenen Gleichgewicht helfen kann. Nur der Titel ist ein wenig irreführend. Es gibt kein „Steiner Prinzip“, dafür aber elf Thesen, die überzeugen. Die wichtigsten: Verbrenne bei Sport und aktiver Ernährung mehr Kalorien, als du in dich reinfutterst (und wenn du eben mehr naschst, musst du dich auch mehr bewegen). Achte darauf, was du isst. Beschäftige dich mit deinen Lebensmitteln. Kurz: Genieße mit ein wenig Verstand, hungern brauchst du nicht.

Nach gut einer Stunde ist Matthias Steiner mit seinem Vortrag fertig, danach bittet er um Fragen, die reichlich gestellt werden. Auch hier erklärt er geduldig. Er warnt vor der Macht der Zahlen am Beispiel des BMI. Bei seiner Größe, 1 Meter und 83 Zentimeter, sei er nach diesem Maßstab bereits adipös, scherzt er von der Bühne.

Die tauscht er danach mit dem Büchertisch von Hugendubel, wo er fleißig sein Buch signiert und sich mit seinen Besuchern fotografieren lässt. Es ist die dritte Halbzeit. Und Matthias Steiner genießt sie ganz offensichtlich.

Matthias Steiner im Ratsgymnasium

Fotos: Holger John und Uwe-Jens Igel

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