Erfurter Herbstlese

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Nov. 03 2017

Atrium statt Dacheröden: Politischer Salon mit Daniela Dahn, Wolfgang Thierse und Sergej Lochthofen

Ermutigung zum Gebrauch der Vernunft

Von der Pflege der Vernunft: Die Dame Dahn und die Herren Lochthofen und Thierse beim Politischen Salon im Atrium der Stadtwerke statt im Kultur: Haus Dacheröden. Foto: Holger John
Von der Pflege der Vernunft: Die Dame Dahn und die Herren Lochthofen und Thierse beim Politischen Salon im Atrium der Stadtwerke statt im Kultur: Haus Dacheröden. Foto: Holger John

Von Sigurd Schwager

Das freie Wort ist ein hohes Gut, es zu verteidigen eine immerwährende Aufgabe. Nun hat der Schriftsteller und langjährige Präsident des deutschen PEN-Zentrums Johano Strasser ein Buch herausgegeben, das in seinem Titel "Das freie Wort" führt. Darin sind 14 Damen und Herren aus Politik und Publizistik, Literatur und Wissenschaft versammelt, deren Wortmeldungen bei aller Verschiedenheit das Ziel eint: im sogenannten postfaktischen Zeitalter den öffentlichen Gebrauch der Vernunft zu hegen und zu pflegen.„Europa ist zu schön, wir sollten es nicht den Dummköpfen überlassen.“

Ein solches Buch scheint wie geschaffen, um damit eine neue Reihe der Herbstlese zu eröffnen, nämlich den Politischen Salon im Hause Dacheröden. Spannende Gespräche in überschaubarer Runde sollen es sein, doch zur Premiere müssen die Veranstalter das Konzept flexibel handhaben. Denn anders als kurz zuvor in Starnberg, wo laut Süddeutscher Zeitung die Buch-Vorstellung „vor einer Handvoll silberhaariger Bildungsbürger“ über die Bühne ging, sind in Erfurt die 100 Eintrittskarten derart schnell verkauft, dass ein Ortswechsel unvermeidlich wird. Also findet der kleine politische Salon im großen Atrium statt.

Im politischen Atrium erlebt das zahlreich erschienene Publikum ein Autoren-Trio, das sein Wurzeln im Osten Deutschlands hat: die Berliner Schriftstellerin Daniela Dahn, zur Wendezeit Gründungsmitglied des Demokratischen Aufbruchs; den ost- und später gesamtdeutschen SPD-Politiker Wolfgang Thierse, der in Südthüringen aufwuchs und in Weimar den Beruf des Schriftsetzers erlernte; sowie den Erfurter Publizisten Sergej Lochthofen, der zwei Jahrzehnte lang Chefredakteur der „Thüringer Allgemeine“ war.

Letzter gibt im Übrigen auch den Moderator, und das wie erwartet souverän.
Zunächst lesen alle drei aus ihren Texten. Dahn fragt: „Kooperation oder Konfrontation mit Russland?“ Einer ihrer Schlüsselsätze stammt vom amtierenden UN-Generalsekretärs: „Die größte Bedrohung für die Sicherheit ist das politische Establishment.“

Thierse denkt nach über „Deutschland als Einwanderungsland“. Vermutlich, sagt er, werden die Wirkungen dieser nicht mehr leugbaren Tatsache viel folgenreicher sein als die der Wiedervereinigung.

Und Lochthofen erzählt vom „Wetterleuchten“. Beginnend in der Kindheit und mit einem Wort des Vaters: „Pass auf Junge, die Dummen sind in der Überzahl!“ Endend in der Gegenwart  und mit dem Wort des Jungen als Großvater: „Europa ist zu schön, wir sollten es nicht den Dummköpfen überlassen.“

Das Publikum hört höchst interessiert zu, nickt zustimmend, verteilt ab und an Szenenapplaus. Noch interessanter gestaltet sich das daran anschließende Gespräch. Weil: Da wird tatsächlich gestritten und dabei das Argument des anderen, dem man widerspricht, ernst genommen. Schärfe des Wortes und Respekt schließen einander nicht aus, ebenso wenig eisklare Weltbeschreibung und wärmender Humor.

Ein wogendes Auf und Ab der Themen: Der Terrorismus und seine Ursachen, die Flüchtlinge, Trump, Putin und Erdogan, Merkel und Höcke, der Brexit und das hochgradig gefährdete Modell Europa, die AFD und Pegida, all die Rechtspopulisten dieser Welt.

Der Abend bietet, um im Bild von Lochthofens Wetterleuchten zu bleiben, einiges an Erhellendem. Gedanken, die man weiterdenken möchte, zumindest nimmt man sich das vor; Fakten, die man gegen die Lüge gut gebrauchen kann; oder einfach nur eine schöne, eine überraschende Formulierung, die man sich gern merkt. Was der politische Salon im politischen Atrium nicht bietet: einfache Antworten auf schwierige Fragen. Die Welt schaut am Ende der Veranstaltung nicht einen Hauch anders aus, sie bleibt aus den Fugen geraten.

Das Publikum dankt den drei Herbstlese-Gästen mit starkem Beifall - für die Ermutigung zum Gebrauch der Vernunft.

Es passt gut zu dieser Art von Abend, dass jedes verkaufte Buch „Das freie Wort“ die Arbeit eines Münchner Zentrums für Flüchtlinge und Folteropfer unterstützt.

Politischer Salon im Atrium der Stadtwerke

Fotos: Holger John

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