Erfurter Herbstlese

Es lebe die Erfurter Herbstlese!
Nov. 05 2013

Erst blitzen, dann donnern

Erst blitzen, dann donnern
Erst blitzen, dann donnern

Der moderne Mensch sucht Antworten. Das geht seit über 3000 Jahren so. Mag sein, dass vor den Griechen schon andere die großen Fragen stellten, nach dem Sinn von all dem in dieser Welt, im Diesseits wie im Jenseits, aber sie, die Griechen, haben diese Suche dokumentiert. In großen Tragödien und Heldengeschichten, auf Vasen und Tellern, in Tempeln und Heiligtümern. Ihre Geschichten sind älter als ihre eigene, Veränderungen, Korrekturen, gehörten über die Jahrtausende hinzu.

Nun hat Christoph Hein die seinigen vorgelegt. „Vor der Zeit“ heißt sein Erzählband, den er im Kaisersaal dem Erfurter Publikum vorstellt. Es ist ein vergnüglicher Abend.

Das liegt zum einen am Text. Zum anderen ist Hein bestens aufgelegt. Nichts da mit strenger Form, die der Klassik eigen ist, mit festen Regeln, die unbedingt einzuhalten sind; hier geht es heiter zu, fast wie im Sommerurlaub.

Wir sind, wenn es um die ganz großen Stoffe geht, auf Mittler angewiesen; auf Homer natürlich und auf Gustav Schwab. Doch deren Aufzeichnungen und Übersetzungen mögen trügen, könnte es, damals vor Troja, nicht doch etwas anders zugegangen sein?

Christoph Hein stellt die großen Sagen nicht plump infrage. Mit feinem Strich malt er kleine Veränderungen, mit großer Wirkung für das Gesamtbild. Die Dinge spielen doch vor der Zeit, selbst kleinste Abweichungen, nur, ein zwei Jota vielleicht,  führen auf dem langen Weg bis in das Heute an ein ganz anderes Ziel.  So sehen wir die Taten des Odysseus plötzlich aus anderem Blickwinkel, betrügt Prometheus zweimal Zeus.

Doch Christoph Hein bleibt nicht beim Blick zurück. Durch seine Korrekturen sind die Streiche der Götter plötzlich hochaktuell. Ein Arzt, dem die Hände gebunden werden, weil er alle heilen kann und es keine Kranken mehr gibt, eine Orakelindustrie, die ihre Kunden im Überangebot ersaufen lässt und daran Pleite geht, oder Echo, die Nymphe, die alle lieben, weil sie allen alles nachplappert – man muss kein Experte für das griechische Theater sein, um diese Parabeln verstehen zu können.

So drängt sich im Verlauf des Abends ein anderer Gedanke auf. Die Griechen sind nicht nur die Erfinder all der Fragen, auf die sich bis heute nur wenig oder kaum, auf jeden Fall aber nur ungenügend Antworten finden lassen – sie haben auch den Witz erfunden. Zumindest drängt sich der Gedanke auf, wenn Christoph Hein Zeus sinnieren lässt:

„Ein unabänderlich eintreffendes Geschehen den betroffenen Menschen vorauszusagen, war für ihn vorwitzig und naseweis und überdies ein Vergehen am göttlichen Mysterium. Es verdrehte die olympische Ordnung. Es war so, als würde er, Zeus, erst donnern und dann seinen Blitz werfen, doch der Spaß liegt allein darin, den ahnungslosen Frevler unvermutet zu strafen und die Schuldlosen durch den nachfolgenden Donner an die Gesetze und die Götter zu erinnern.“

Vom Orakel zum Orakeln ist es dann nur noch ein kleiner Schritt. Der Leser geht ihn mit großem Vergnügen.

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