Erfurter Herbstlese

Es lebe die Erfurter Herbstlese!
April 13 2016

Am Fenster in Casablanca: City-Frontmann Toni Krahl stellt seine Autobiografie mit und ohne Gitarre vor

Flieg ich durch die Welt

Toni Krahl zählt zu den deutschen Stimmen mit hohem Wiedererkennungswert, selbst wenn er - wie in Erfurt - stark erkältet ist.
Toni Krahl zählt zu den deutschen Stimmen mit hohem Wiedererkennungswert, selbst wenn er - wie in Erfurt - stark erkältet ist.

Von Sigurd Schwager

Die berühmtesten Zeilen der DDR-Rockgeschichte beginnen so:

Einmal wissen dieses bleibt für immer
Ist nicht Rausch der schon die Nacht verklagt
Ist nicht Farbenschmelz noch Kerzenschimmer
Von dem Grau des Morgens längst verjagt.

Und das Lied endet im beseelten Geigenrausch mit den Worten:

Einmal fassen tief im Blute fühlen
Dies ist mein und es ist nur durch dich
Klagt ein Vogel ach, auch mein Gefieder
Näßt der Regen flieg ich durch die Welt.

Flieg ich durch die Welt!

Mit „Am Fenster“ fliegt die Berliner Band City seit nunmehr fast 40 Jahren durch die Welt. Ein Deutschrockklassiker. Ein Lied für die Ewigkeit. Abermillionenfach auf Platten und CDs verkauft. Abertausendfach in Arenen und Sälen wieder und wieder gespielt und mitgesungen.Mal vier Minuten lang, mal sieben, fünfzehn oder fast achtzehn. Es kann gar nicht lang genug sein. Manchmal, man kann es heute nachhören, fehlt auch die eine oder andere Zeile, dafür wird eine andere wiederholt. Was niemand stört. „Am Fenster“ ist „Am Fenster“ ist „Am Fenster“.

Verfasst hat den rätselhaft schönen, erstmals 1970 veröffentlichten Text kein Rockpoet, sondern die Leipziger Schriftstellerin Hildegard Maria Rauchfuß, Jahrgang 1918. Toni Krahl, seit mehr als 40 Jahren Frontmann und Stimme von City, erinnert in seiner Autobiografie „Toni Krahls Rocklegenden“ auch an die im Jahr 2000 in Leipzig verstorbene Dichterin: „Als man sie tot auffand, war das in einer sehr aufgeräumten Wohnung, und in der sehr aufgeräumten Wohnung lag auf dem sehr aufgeräumten Schreibtisch ein einzelnes Blatt Papier, und auf dem einzelnen Blatt Papier stand der Text zu unserem gemeinsamen Lied Am Fenster.“

Mit seinem Buch ist Toni Krahl als Gast der Erfurter Frühlingslese in das alte Erfurter Gewerkschaftshaus am Juri-Gagarin-Ring gekommen. Der heute 66jährige gehört nicht zu den Musikern, die mit ihren größten Erfolgen hadern, sie eher als Fluch denn als Segen betrachten.Deshalb steht er mit seinen Erinnerungen für die neugierigen Leser oft „Am Fenster“, nennt ein spezielles Buchkapitel „Der Fenster-Ausblick zum Weltruhm“.

Im Gespräch mit Kai Suttner, der freundlich-souverän moderiert, sagt Toni Krahl in Erfurt: „Am Fenster ist ein Geschenk des Himmels. Für die Band und für das Publikum.“ Was selbiges im Saal applaudierend bestätigt.

Die Entstehung im Stenogramm: Der eine, Schlagzeuger Klaus Selmke, erhält von seinem Onkel eine Geige. Der andere, Bassist Georgi Gogow, erweist sich damit als balkanischer Teufelsgeiger. Der Dritte, Emil Bogdanow, bringt ein Gedichtbändchen mit, darin die Rauchfuß-Zeilen. Das passt. Die Seele darf fliegen. Der Rest ist Geschichte. 1977 Single bei Amiga und in der BRD. 1978 LP in beiden deutschen Staaten. Vordere Hitparadenplätze, Goldene Schallplatten. Tourneen.

Wie im Buch so auch in Erfurt: Toni Krahl erzählt eher unsentimental, aber nicht trocken, aus seinem bewegten Leben. Weder wäscht er schmutzige Wäsche noch tritt er nach. Und für Klagesüchtige schreibt er, sicher ist sicher, in die Autobiografie den Satz: „Alles hat sich genau so abgespielt – oder eben ganz anders.“

Nachkriegskindheit, Schule in Moskau und Berlin, die Beatles, erste musikalische Versuche, Prager Frühling, Protest vor der sowjetischen Botschaft, Knast, Bewährung, Tauwetter, Mehltau, Stillstand, dann Gorbatschow, noch mehr Stillstand, Protest mit Worten und Füßen, Mauerfall. Davor, dazwischen, danach: Musik, Musik, Musik.

Toni Krahl ist kein spektakuläres, aber ein interessantes Buch gelungen. Was und wie er davon in Erfurt erzählt, bekräftigt die Worte seines Freundes Sebastian Krumbiegel: „Toni hat nie vergessen, dass in dem Wort Unterhaltung das Wort Haltung steckt.“

Haltung ist auch ein sehr passendes Wort für den zweiten großen Wurf, für das City-Werk „Casablanca“ von 1987. Es gehört ganz ohne Frage zu den besten Rock-Alben der DDR. Dass es 1987 überhaupt erscheinen konnte, grenzt bis heute an ein Wunder. Vom Moderator danach gefragt, antwortet Toni Krahl, dies sei der Soundtreck zum nahenden Untergang der DDR gewesen.

Obwohl der Sänger seinen Erfurter Auftritt ziemlich erkältet bestreiten muss („Meine Stimme ist im Arsch“), und er dankbar zum Hustenbonbon greift, das ihm die Dame aus der ersten Reihe reicht, erfreut er das Publikum auch noch musikalisch. Zur Gitarre singt er von der „Casablanca“-Platte „Wand an Wand“ sowie den Titelsong, rezitiert wie einst bei DDR-Konzerten den „Halb und Halb“-Text von der geteilten Stadt im geteilten Land.

Schließlich schlagert er noch mit „Traudl“ ein wenig vor sich hin. „Eine Weltpremiere in Erfurt“, lacht Kai Suttner. Er hört sich Toni Krahls Gesang an wie „Schöner krächzen mit Bob Dylan“ oder „Nachts um vier mit Keith Richards“, klingt aber, und das ist nicht ironisch gemeint, in seiner rohen Art ganz wunderbar. Das Erfurter Publikum jedenfalls zeigt sich begeistert.

Und es nimmt auch die Ankündigungen von Toni Krahl erwartungsfroh zur Kenntnis: 2017 ist Am-Fenster-Jahr. 40 Jahre „Am Fenster“. Das wird, verspricht Toni Krahl, ausgiebig gefeiert. Mit einer Tour und allem Drum und Dran. Der Berichterstatter denkt sich noch dazu, was Toni Krahl nicht sagt: 2017 ist auch Casablanca-Jahr. 30 Jahre „Casablanca“. Am Fenster in Casablanca.

Zum 70-jährigen Bestehen von City, schmunzelt Toni Krahl, werden wir Echo-Preisträger.

Toni Krahl im Gewerkschaftshaus

Fotos: Holger John

Jetzt Artikel bewerten!

  • 0 / ø 0

0 KommentareNeuen Kommentar schreiben

  • Bisher wurden noch keine Kommentare geschrieben

Allgemein

Erfurter Herbstlese ist verantwortlich für die Moderation und das Löschen von Kommentaren.

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

Alle Kommentare werden, bevor sie erscheinen, von einem Moderator bzw. einer Moderatorin geprüft.

Datenschutz

Unsere Datenschutzerklärung beschreibt, wie Ihre persönlichen Daten erfasst und verarbeitet werden.

Neuen Kommentar schreiben

Bitte melde Dich an, um einen Kommentar zu schreiben.

Für den Newsletter anmelden

Bleiben Sie immer informiert und abonnieren Sie unseren Newsletter.

Mit dem Abonnement des Newsletters stimmen Sie zu, dass ein personalisiertes Nutzungsprofil erstellt wird. Diese Daten werden nur für den Versand des Newsletters genutzt. Diese Information werden elektronisch gespeichert und verarbeitet. Sie können Ihre Registrierung jederzeit widerrufen, indem Sie den Newsletter abbestellen oder uns kontaktieren. Ihre Daten werden anschließend gelöscht. Weitere Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Über uns

Erfurter Herbstlese e.V. - Es lebe die Erfurter Herbstlese!

  • Anger 37
    99084 Erfurt
    Deutschland
  • +49 361 644 123 75
  • kontakt@herbstlese.de
  • Mo-Fr: 12.00 - 17.00 Uhr
    Sa: 10.00 - 15.00 Uhr

Neuigkeiten

Aktuelles von der Erfurter Herbstlese, der Frühlingslese und aus dem literarischen Leben Thüringens

Neuigkeiten

Partner