Erfurter Herbstlese

Es lebe die Erfurter Herbstlese!
April 01 2014

Gelegenheiten ohne Ende

Schlosser, Krankenpfleger, Germanist - Gregor Sander, 1968 in Schwerin geboren, legte mit "Was gewesen wäre" seinen zweiten Roman vor. Foto: Holger John
Schlosser, Krankenpfleger, Germanist - Gregor Sander, 1968 in Schwerin geboren, legte mit "Was gewesen wäre" seinen zweiten Roman vor. Foto: Holger John

Monotonie, Monotonie, Monotonie, singt Katharina. Sie ist Künstlerin. In Berlin hat sie Ausstellungsverbot. Nun lebt sie in der Provinz, irgendwo im Nichts des Nordens. Heute gibt sie in dem alten Forsthaus ein Sommerfest. Keine Party. Ihr Sohn Julius spielt Gitarre. Seinetwegen sind die beiden Mädchen gekommen. Jana und Astrid gehen in die 11. Klasse. In Neubrandenburg, der Vier-Tore-Stadt.

Eine merkwürdige Stadt, dieser Geburtsort von Otto Ernst Remer. 1912 war das. Ein DDR-Witz geht so: Welches ist das katastrophalste Jahr? 1912 – die Titanic geht unter und Erich Honecker wird geboren.

Neubrandenburg kann über 1912 nicht lachen. Remer erlangt 1944 als Kommandeur des Wachbataillons „Großdeutschland“ Berühmtheit. Er soll nach dem Attentat auf Hitler dessen Propagandaminister festsetzen. Doch statt Goebbels verhaftet er nach einem Telefonat mit dem Führer seinen Vorgesetzten Generalleutnant Paul von Hase. Der Stadtkommandant wird in Plötzensee gehängt, Remer ist Held der Stunde.

Als 1945 die Rote Armee einrückt, fällt ihr die Stadt kampflos in die Hände. Dennoch werden 80 Prozent Neubrandenburgs zerstört. Über die Brandschatzung wird im Arbeiter- und Bauernstaat nicht gesprochen. Umso mehr heimlich geredet. Hat Remer die Rache der Sieger provoziert? Oder geht es Neubrandenburg einfach nur wie anderen Orten  der Region, wie Neustrelitz oder Prenzlau, die noch zum Ende des Krieges ein ähnliches Schicksal ereilt?

Wie wohl Jana und Astrid über ihre Stadt denken? Gregor Sander verrät es nicht. Dafür ist in seinem Roman zu lesen, dass Neubrandenburg stillschweigend verkabelt wird. Westfernsehen für alle. Wer hätte das gedacht. Eine Nebenbemerkung nur, flüchtig erwähnt. Also passend zu einem Land, das per Randnotiz sein Finale einläutet.

Doch das können Jana und Astrid nicht ahnen. Die eine will Schauspielerin werden, die andere – wie ihre Eltern – Ärztin. Sie leben das normale Leben in der normalen DDR. Junge Leute, die zu Partys gehen. Manchmal auf ein Sommerfest.

Jana will ihre Freundin mit Julius zusammenbringen. Er ist der richtige für ihre beste Freundin. Doch will die das auch? Wird Astrid die Gelegenheit nutzen?

Die DDR ist ein Sammelsurium von Gelegenheiten. Es wird gekauft, wenn es etwas gibt, nicht, wenn man es braucht. So ist es mit Studienplätzen oder Wohnungen, mit Autos und oft auch mit dem Partner. Nur keine Gelegenheit auslassen. Was man hat, hat man. Zur Not lässt es sich tauschen. Auch Ungarn ist so eine Gelegenheit. Man muss dahin, auf der Jagd nach Platten und einem Stückchen Freiheit.

Astrid, so viel kann verraten werden, geht lieber auf Nummer sicher. Sie entscheidet sich für den falschen, weil für den soliden Mann. Sie macht Kompromisse, sie passt sich an. Sie ist, Jahrzehnte später, nicht nur unglücklich damit.

Gregor Sander zeigt in seinem Roman keine Alternativen, keine verpassten Möglichkeiten. Er beschreibt, wie es ist. „Was gewesen wäre“ steht nicht wirklich zur Debatte. Es ist keine Entschuldigung für das Leben in einem untergegangenen Land, keine Erklärung. Es ist eine Beschreibung.

25 Jahre später akzeptieren das alle. Sie schauen vielleicht ein wenig wehmütig zurück, aber sie sind sich nicht gram. Als die neue Freundin sich bei Astrid nach dem Treffen mit Jana erkundigt  – „Ach du Scheiße, du siehst ja furchtbar aus. Mir hat das zu lange gedauert mit euch. Wie war es denn?“ – antwortet sie: „Schön. Fast wie früher.“ Und fängt zu weinen an.

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