Erfurter Herbstlese

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Nov. 17 2015

Johannes Hinrich von Borstel im Atrium der Stadtwerke

Getanzter Herzrhythmus

Witziger Aufklärer: Über den Science Slam kam Johannes Hinrich von Borstel zur Schreiberei.
Witziger Aufklärer: Über den Science Slam kam Johannes Hinrich von Borstel zur Schreiberei.

Johann Hinrich von Borstel möchte Arzt werden. Gerade arbeitet er an seiner Doktorarbeit. Es geht um ein kompliziertes Thema – die Bedeutung bestimmter Zellen des Immunsystems für die Entstehung von Gefäßverkalkungen. Zudem ist der junge Mann Fan des menschlichen Herzens. Seine Faszination für dieses Organ und seine wissenschaftliche Arbeit gibt er bei Auftritten im Rahmen von Science Slams weiter. Jetzt hat er auch noch ein Buch geschrieben, „Herzrasen kann man nicht mähen“, dass er im Atrium der Stadtwerke vorstellt.

Das Interesse am Herz wurde bei Johannes Hinrich von Borstel früh geweckt. Immer wenn er seine Oma besuchte beeindruckte ihn ein Foto seines Großvaters. Er konnte ihn nicht kennenlernen, war sein Opa doch schon lange vor seiner Geburt gestorben. Ein Herzinfarkt, hieß es.

Dieser Begriff ließ ihn nicht mehr los. Bald stand sein Berufswunsch fest: Arzt. Aber bis zum Studium wollte er nicht warten. Bereits mit 15 Jahren absolvierte er sein erstes Praktikum in der Notfallaufnahme des Krankenhauses seiner Heimatstadt im Harz. In diese Zeit fällt auch die erste Begegnung mit einem bewusstlosen Menschen. Auf dem Bahnhof in Hannover ist eine alte Dame umgekippt. Er ist der einzige mögliche Helfer in der Nähe. Beim Versuch, sie wiederzubeleben, bricht er ihr eine Rippe. Doch sie überlebt. „Seitdem sage ich immer: Bei der Reanimation ist eine gebrochene Rippe kein Beinbruch“, gibt er später in einem Interview zu Protokoll.

Denn inzwischen ist der angehende Mediziner ein gefragter Gesprächspartner. Das hat drei Gründe. Erstens gibt er die Ergebnisse seiner eigenen wissenschaftlichen Arbeit bei so genannten „Science Slams“ weiter. Das sind etwa zehnminütige Auftritte, in denen Forschung anschaulich dargestellt werden soll; das geht mit Videos, Dias oder Musik. Das Publikum bestimmt dann per lautstarker Abstimmung, wer Tagessieger dieses akademisch-unterhaltsamen Wettbewerbs wird. Im vorigen Jahr war es Henning Beck, ein junger Hirnforscher, dessen Vortrag als Science Slammer bei der Herbstlese für eine Premiere sorgte.

Der zweite Grund: Johannes Hinrich von Borstel hat seine Kenntnisse rund um das Herz in einem Buch zusammengefasst. Sein Titel „Herzrasen kann man nicht mähen“ weist auf Grund drei hin. Der Autor hat eine sehr lockere, oft sehr witzige Art, komplizierte Dinge darzustellen. Das gilt für die Bühne genauso wie für seinen Schreibstil.

Von diesem Witz können sich die Besucher im Atrium der Stadtwerke schnell ein Bild machen. Unprätentiös erzählt er von seinen Anfängen in der Medizin, dem Praktikum und später der Ausbildung zum Rettungssanitäter. Aber es fehlt auch nicht an nachdenklichen Momenten. So berichtet er von seinen Zweifeln, die richtige Berufswahl getroffen zu haben, nachdem ausgerechnet bei seinem ersten Einsatz der Patient trotz zweistündiger Reanimationsversuche verstarb. Aber dann fügt er auch schon wieder augenzwinkernd hinzu: „Inzwischen ist meine Quote viel besser geworden.“

Das glaubt ihm das Publikum gern, schließlich sind seine Erklärungen gut zu verstehen. Zumal er didaktisch höchst geschickt vorgeht. So singt er ein Liedchen, um den richtigen Rhythmus für die Herzdruckmassage vorzugeben. Und nicht nur eins, je nach Alter und Geschmack bietet er „Highway to Hell“ von AC/DC oder „Quit playing Games with my Heart“ von den Backstreet Boys an. Wem das noch zu hipp ist, der kann sich, um auf die 100 bis 120 Mal Drücken pro Minute zu kommen, ja gern des Radetzkymarsches bedienen, sagt er, und bläst ihn gleich durch die Backen.

Fast noch anschaulicher sind seine getanzten Herz-Rhythmen. Arme und Hände bilden die Vorhöfe, die Beine geben die beiden Herzkammern. Bei einem gesunden Sinus-Rhythmus erinnert das zwar stark an einen Hampelmann, beim Herzkammerflimmer wird indes mit einem Blick auf die zappelnden Extremitäten klar, was da im und am Herzen gerade richtig schiefläuft.

Nur bei einem Thema ergeht er sich lediglich in Andeutungen. Mag sein, über Sex vor über 400 Menschen zu reden ist auch für einen äußerst eloquenten Fast-Arzt eine zu große Herausforderung. Eher möchte Johannes Hinrich von Borstel mit der ständigen Anspielung auf diese Sache aber marketingtechnisch alles geben. Schließlich: Sex sells.

Das scheint auch zu funktionieren. Nicht nur in Erfurt, wo eine ganze Menge Bücher verkauft werden, und der Autor noch eine ganze Weile am Signiertisch zu schaffen hat; in der ganzen Republik ist sein Buch auf dem Vormarsch. Inzwischen haben er und sein Buch die Top Ten der Paperback Sachbücher fest im Blick. Großes erwartet man auch beim Ullstein Verlag. Der Vorgänger „Darm mit Charme“ von Giulia Enders führte insgesamt stolze 85 Wochen die Spiegel-Bestsellerliste an.  

Johannes Hinrich von Borstel im Atrium der Stadtwerke

Fotos: Holger John

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