Erfurter Herbstlese

Es lebe die Erfurter Herbstlese!
Okt. 23 2015

Gregor Weber im Bürgersaal des Hauses Dacheröden

Hip, hip – hoooooraaaaaayh

Gregor Weber war bei der Herbstlese nicht nur als Autor zu Gast, er trat auch schon zusammen mit dem Südafrikaner Deon Meyer in Erfurt auf.
Gregor Weber war bei der Herbstlese nicht nur als Autor zu Gast, er trat auch schon zusammen mit dem Südafrikaner Deon Meyer in Erfurt auf.

Kennen Sie diese Zeilen: „Schiffskoch will er, Jurist soll er werden. Studium in Paris – keine Neigung zum Provinzjournalisten. Sekretär an der Komischen Oper Paris, Lustspiel- und Librettobearbeitungen – kein Erfolg. Börsenmakler – keine Freude an der Arbeit. Freier Schriftsteller – keine Einkünfte.“ Wenn ja, sind Sie wohl in der DDR großgeworden. Dort war dieser Text seit 1972 auf der Rückseite der Jules-Verne-Ausgaben aus dem Verlag Neues Leben Berlin zu finden.

Gleichsam nebenbei kann man diese Worte auch als Stellenbeschreibung für einen Schriftsteller interpretieren, einen mit Schwerpunkt auf phantastische Geschichten und Abenteuer. Jules Verne gerät so zum Prototyp aller, die auf vielen Feldern des Berufslebens grandios scheiterten oder sich wenigstens ohne größeres Glück versuchten, ehe sie mit dem Schreiben Auskommen und Anerkennung fanden. Und sei letztere auch nur posthum.

Schaut man sich den Werdegang Gregor Webers an, erfüllt er auf alle Fälle das Kriterium einer professionellen Wechselhaftigkeit. Ein Umstand, der seinem ersten Beruf geschuldet sein mag, der Tätigkeit eines Schauspielers. Der verlangt Flexibilität in Bezug auf alles, was der Umgebung hilft, sich ein Bild vom Akteur auf Zeit zu machen.

Doch Schauspieler blieb der Saarländer ja nicht; nicht als junger Mann und Stefan als Sohn des ewig nörgelnden Heinz Becker, nicht als Theater-Schauspieler und Tatort-Kommissar. Er wurde Koch, nicht irgendwo. Gregor Weber lernte sein Handwerk in der Berliner Spitzen-Gastronomie. Drei Jahre lang, und mit IHK-Abschluss. Danach die nächste Volte. Er schaute sich bei der Mutter seiner Kinder das Schreiben ab. Sein erstes Buch handelte von Küchen und Köchen, doch bereits der Titel ließ Größeres erwarten: „Kochen ist Krieg“.

Wer diesen Titel dämlich fand, unterschätzte die ihm bereits innewohnende Entwicklung. Hier ist das Waffenhandwerk schon präsent, und eine Spur Abenteuer. Nicht umsonst spielt eines der Kapitel in der Kombüse der Fregatte „Mecklenburg-Vorpommern“. Long John Silver, ich höre dich trapsen! Dich und dein Holzbein.

Doch erst einmal macht der feine Herr Weber, seine wahre Intention versteckend, auf Kriminal-Roman. Zwei Bücher lang begleiten die Leser den geradlinigen, aber nicht gerade Chef-kompatiblen Kurt Grewe bei seinen Ermittlungen. „Feindberührung“ und „Keine Vergebung“ – das sind doch Titel, die sitzen. Spannend sind sie geschrieben, das schon. Aber sie sind auch nah an der Realität, wenn Grewe etwa Banküberfälle aufklärt, die an das Treiben des NSU erinnern.

Als vorletztes Buch legt Gregor Weber dann seine Erfahrungen aus Afghanistan vor. Drei Monate war er am Hindukusch, als Pressfeldwebel. „Krieg ist nur vorne Scheiße, hinten geht's! Ein Selbstversuch“ hat der Verlag seine Erinnerungen an die Zeit in Kundus benamst. Hoffentlich war es auch wirklich der Verlag. Er selbst fasste die Zeit irgendwie treffender zusammen: „Jammern gilt‘ nicht“.

Doch die ganze Zeit hatte der Weber Gregor schon eine andere Geschichte im Kopf, eine phantastische Synthese dessen, worauf er sich in seinem Leben bisher eingelassen hatte. Ein phantastische Geschichte, herrausgefallen aus der Zeit, ein Abenteuerroman, wie es sie heute gar nicht mehr gibt. Ein Buch, des Andenken der Herren Verne und Stevenson würdig. Herausgekommen dabei ist „Die Stadt der verschwundenen Köche“. Mann, Weber, es geht doch, möchte man ob dieses vielversprechenden Titels schreien.

Und das Buch und sein Autor, um im Gegensatz zur schönen Sprache des Buches ins Politikersprech dieser Tage zu verfallen, liefern. Und wie. Dieser Roman kommt mit allem Recht pünktlich zur Weihnachtszeit. Väter, kauft dieses Buch, und lest es euren Söhnen vor! Das geht natürlich nicht. Mütter und Töchter und was es sonst an familiären Patchwork gibt, alle sind auf das Herzlichste eingeladen. Zu einer Reise auf einem Kahn, der ein Kriegsschiff sein könnte oder ein Vogelkackedampfer, mit einem Helden, der Mulrooney heißt oder vielleicht doch Juniper, und der auf Leute trifft, die mit ihren Namen glatt Dienst auf der „Hispaniola“ tun könnten. Klingt denn Mulrooney nicht ein wenig nach Trelawney, dem Friedensrichter, zu dem sich Jim Hawkins rettet, als die Männer von Kapitän Flint die Spelunke „Zum Admiral Benbow“ überfallen?

Nein, es ist nicht der Klang der Namen, der das Buch so sympathisch macht; es ist der Sound seiner Handlung, die Erzählung von Dingen, die es nie gab, zu Zeiten, die nie kommen werden. Die Geschichte eines Mannes, der aus der auch ein Zeitreisender ist, der aus der Zeit fällt, mindestens einmal.

Gregor Weber hat das alles mit viel Liebe aufgeschrieben, auf eine Art, die alle seine Talente vereint. Sie wissen nicht, was ein Entremetier so treibt? In der Stadt der verschwunden Köche treffen sie einen. Keine Ahnung, was man mit einem Touchon anstellen kann? Dann bevorzugen sie wohl Grubentücher. Aber schmurgeln und brutzeln, davon haben Sie schon gehört?

Nun ist es auch so, dass die Geschichte nicht nur wunderbar erzählt wird, Gregor Weber trägt sie auch phantastisch vor. Nicht zu glauben, dass der Verlag noch kein Hörbuch in Planung hat.

Und des Meisters Pläne? Er hält die Füße still. Doch wer ihn kennt, wird an einer Stelle hellhörig. Seit einem Jahr esse er kein Fleisch mehr, erwähnt Gregor Weber eher beiläufig. Na, alles klar, es grünt so grün. Wetten, dass der Herr Weber demnächst als Gärtner zu erleben sein wird? Folgt man dem Gesetz der Reihe, fällt eine Vorhersage leicht: Auch das wird er wieder prächtig machen.

Für den Moment soll er das letzte Wort haben, er und sein Held Carl Juniper. „Er griff sich ein großes Messer und schrie laut: Hip, hip – hoooooraaaaaayh.“

Gregor Weber im Bürgersaal des Hauses Dacheröden

Fotos: Holger John

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