Erfurter Herbstlese

Es lebe die Erfurter Herbstlese!
Nov. 19 2015

Die Erfurter Spätlese 2015 mit Ryo Takeda in der Schotte

Junge Literatur aus Thüringen

Charmanter Gastgeber: Ryo Takeda.
Charmanter Gastgeber: Ryo Takeda.

Von Viktoria Menzel

Ein kühler Herbstabend lud alle Literaturbegeisterten in die gemütliche Schotte zur „Erfurter Spätlese“ ein. Junge Nachwuchsautoren bekamen die Gelegenheit, ihre noch unveröffentlichten Gedichte, Kurzgeschichten oder andere literarischen Ausflüge auf die Bühne zu bringen. Der Erfurter Sänger& Songwriter Andrei Vesa, in Begleitung von Gitarrist Maik Wetzel, eröffnete die Spätlese mit dem Song „Rhythm“. Innerhalb von Sekunden war der Bann zwischen Bühne und Publikum gebrochen. Eine heitere, herzerwärmende Stimmung verbreitete sich, die später in tobenden Beifall mündete. 

Der laute Applaus galt nicht nur dem musikalischen Gast Andrei Vesa, sondern auch dem Moderator Ryo Takeda, der mit einem breiten, freundlichen Lächeln die Bühne betrat und mit einem: „Die Schotte ist voll“ die Veranstaltung eröffnete. Wieder Beifall. Zugleich wurden die Spielregeln der Veranstaltung erklärt. Ryo zeigte eine Sanduhr für die Bemessung der zehn Minuten Lesezeit und die Lesewiese; ein kleines Podest, auf dem die Autoren gleich vorlesen würden. Dann wurde der erste Künstler auf die Bühne gebeten.

Als „besonders mutig“ wurde Dario-Lucas Helbing, Medizinstudent aus Jena, herzlich von Ryo Takeda begrüßt. Als schon erfahrener Gast der Spätlese mussten Dario die Regeln nicht noch einmal erklärt werden, allerdings erinnerte Ryo ihn lachend daran, dass er im vorigen Jahr bei einem anderen Vorleser die Sanduhr fünf Mal umdrehen musste.

Freundschaftlich bat er den Gast auf die Lesewiese und überließ ihn nun den aufmerksamen Blicken des Publikums.

Vorbereitet hatte Dario zwei Fabeln und zwei Gedichte. Er betonte, dass er das Publikum zum Denken anregen will. Mit „Dampfer ohne Anker“, „Er sitzt auf dem Dach und beobachtet das Haus“, „Grenzen“ und insbesondere mit der Fabel „Pfadwahl“ über Entscheidungen und verpasste Gelegenheit des Lebens zog Dario das Publikum in seinen Bann. Mit der Botschaft „Denk nicht darüber nach, welchen Weg du nehmen sollst, nimm ihn“ brachte er seine Zuhörer zum Nachdenken.

Als nächsten Gast begrüßte das Publikum Sarah Labude, eine Literaturstudentin aus Erfurt. Mit ihrer lockeren, charmanten und zugleich witzigen Art erklärte sie, dass Emotionen für sie das Ventil zum Schreiben sind. Sie fügte hinzu, dass es ihr auch wichtig sei, kritisches Denken anzuregen. Für die „Spätlese“ hatte sie drei Gedichte zum Thema Utopie/Dystopie geschrieben. Mit „Illusion“, „Ameise“ und „Mathe“, eine Zusammenfassung ihres ganzen mathematischen Abiturwissens, gelang es ihr, die Zuhörer zu begeistern.

Die heitere, freudige Stimmung nahm der nächste Gast, Geschichtsstudent Niklas Linnenbach, gleich unbeschwert auf. Das Publikum kam Dank seiner lässigen, lustigen Art gar nicht mehr aus dem Lachen heraus. Mitgebracht hatte er einen Auszug aus einem Buch, an dem er gerade schreibt. Er verriet, dass der Versuch, ein Buch zu schreiben, damit vergleichbar ist, das Rauchen aufzugeben. Deswegen sagte er nicht, dass er ein Buch schreibt, sondern, dass er es „versucht“. Ganz schön raffiniert. Ebenso raffiniert war der Text, dem er dem Publikum anbot. Gesellschaftskritisch in Bezug auf Werbung und das Kategorisieren der sozialen Schichten, und trotzdem humorvoll und jugendlich, bot er einen kleinen Einblick in sein entstehendes Werk.

Als nächstes durfte das Publikum Madita Heubach, ebenfalls eine Literaturstudentin, kennenlernen. Mit jungen 13 Jahren hat Madita das Schreiben von Romanen begonnen. Nun ist es ihr Ziel, bald eigenständig ihre Werke über createspace.com verlegen zu können. Für den gemütlichen Anlass in der Schotte hatte sie einen Auszug aus ihrem Fantasy-Drama „Ein Königreich im Waldland“ mitgebracht. Auch hier war die Begeisterung des Publikums nicht zu bremsen. Da der junge Moderator nicht nur an den literarischen Werken, sondern auch an seinen jungen Gästen interessiert war, wollte er unbedingt wissen, wie Madita auf ihre Romanideen kommt. Sie verriet Ryo, dass ihre nächtlichen Träume ihre größte Inspiration sind.

Nach der kurzen Pause lauschten wieder alle dem jungen Musiker Andrej Vesa, der ein Lied über die Geschichte eines Obdachlosen sang.

Doch der Literaturgenuss war noch lange nicht ausgekostet. Mit ihren in der Pause aufgefüllten Gläsern warteten die Zuhörer gespannt auf den nächsten Gast.

Tadeo Poller, Schauspieler in der Schotte, betrat als nächstes lächelnd die Bühne. Er las zuerst eine Anekdote über Beutel und Ranzen in der Schule vor. Danach folgten ein Gedicht über ein Hippopotamus, ein Text über die Haltbarkeit, ein Gedicht zu „Vergessen heißt Verstehen“, ein Text über das Wort „eigentlich“ und zuletzt ein Zitat von ihm selbst. Er sorgte nicht nur für viele Lacher, sondern brachte die Zuhörer in eine gesellschaftskritische Stimmung.

Es folgte ein Gespräch mit Ryo über Hiphop und die Benutzung des Wortes „Alter“. Danach kam Alexandra Fevrier, die das Publikum mittels lauten Zurufen entscheiden ließ, welchen Text sie vorlesen soll. 1, 2 oder 3. Es wurde Text 2, ein „Literarischer Einblick ins Schwarz der Nacht“. Dieses literarische Kunststück handelt von einer Stadt, die niemals schläft.

Zuletzt durfte das Publikum Ulrich Kersten begrüßen. Ulrich war mit seinen Werken schon in Berlin und Hamburg unterwegs, und hatte gestern endlich die Gelegenheit, auch Erfurt literarisch zu verzaubern. Das tat er auch gleich mit einem Gedicht über Thüringens Landeshauptstadt. Dann folgten „Raum und Zeit“ über seine Jugend am Steinplatz, „Bergpredigt“ über den Ringelberg, „Märzenwind“ und „Caféhausnachmittag" über den Domplatz, „Balkon“ über sein Zuhause,„Wegmarke“ und „Wegmarke 2“ über die Bibliothek am Domplatz und schließlich „Augen der Nacht“ über das Nachtleben. Er erntete sehr viel Applaus. In die euphorische Stimmung mischte sich aber ein wenig Melancholie, da sich der schöne Abend dem Ende zu neigte.

Andrei Vesa griff noch einmal zur Gitarre und sang „Golden Rain“, bevor sich das Publikum langsam auf den Heimweg machte. Gesichter mit leuchtenden, inspirierten Augen und glühenden Wangen vor Aufregung verließen langsam den Raum – in Richtung Bar, an die Garderobe oder an die frische Luft. Aber immer mit der Erinnerung an wundervollen literarischen Erlebnisse des Abends. 

 

Viktoria Menzel absolviert gerade ein Freiwilliges Soziales Jahr. In ihrer Freizeit schreibt sie für das Jugendmagazin "juma".

Spätlese in der Schotte

Fotos: Holger John

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