Erfurter Herbstlese

Es lebe die Erfurter Herbstlese!
Okt. 01 2014

Waldtraut Lewin in der Kleinen Synagoge

Keine Angst vor dicken Büchern!

Waldtraut Lewin bei ihrer Lesung in der Kleinen Synagoge.
Waldtraut Lewin bei ihrer Lesung in der Kleinen Synagoge.

Wenn man wie Waldtraut Lewin ein zweibändiges, insgesamt über 1400 Seiten starkes Werk über die Geschichte des jüdischen Volkes von den Anfängen weit vor unserer Zeitrechnung bis in die Gegenwart hinein vorstellen möchte, ist es kein schlechter Einstieg, dem Publikum erst einmal die Scheu vor dem schieren Umfang zu nehmen: Keine Angst vor dicken Büchern!, sagte sie bei ihrer Veranstaltung in der gut besetzten Kleinen Synagoge, diese zwei Bände könne man sehr gut in Etappen lesen. Zudem sei sie keine Historikerin, sondern Erzählerin, was sich in der Konzeption der Bände niedergeschlagen habe: Es gibt die Ebene der historischen Fakten und Zusammenhänge, und es gibt die Ebene der Geschichten, die immer erfunden sind - auch dann, wenn sie von Personen oder Ereignissen handeln, die es wirklich gegeben hat, erläuterte sie.

Welche Stellen aber auswählen zum Vorlesen aus dieser Stofffülle? Auch hier zeigte sich das Gespür für eine gute Dramaturgie, das Waldtraut Lewin, die lange Jahre an den Theatern in Halle und Rostock gearbeitet hat, eigen ist. Sie begann mit einer der vielen erzählerischen Miniaturen: In Mainz, das zu den drei deutschen „Schum“-Städten gehörte, in denen sich jüdisches Leben zunächst zu großer Blüte entfalten konnte, knien zwei Schwestern nebeneinander am Waschplatz. Die Szene spielt im 11. Jahrhundert. Die beiden Schwestern sind Mägde, eine arbeitet für christliche, die andere für jüdische Herrschaften. Bele muss sich rechtfertigen für ihre Tätigkeit im jüdischen Haushalt, und  Waldtraut Lewin zeigt mit diesem schwesterlichen Disput sehr anschaulich die religiös motivierte Ablehnung der Juden in dieser Zeit, den Antijudaismus. Gleichzeitig veranschaulicht die Episode, wie Vorurteile gegenüber den Fremden, den Anderen entstehen und wirken. Ein  Muster, das wir auch heute leider immer noch kennen.

Das gekonnte Vorlesen und das freie Sprechen gingen bei Waldtraut Lewins Buchvorstellung nahtlos ineinander über. Manchmal, wenn sie scheinbar noch nach der Stelle im Buch suchte und dabei weiter redete, war es, als ob sie schon aus dem Text auswendig rezitierte.

Die Schlussszene, die sie vortrug, spielte dann doch zur Nazizeit, obwohl sie die eigentlich auslassen wollte. Sie ist einem der „Gerechten unter den Völkern“ gewidmet, dem schwedischen Diplomaten Raoul Wallenberg. Er war Erster Sekretär der Schwedischen Botschaft in Budapest, und er hat Hunderte  ungarische  Juden mit einer diplomatischen List vor der Deportation gerettet, indem er für sie sogenannte Schutzpässe ausstellte und damit zu schwedischen Staatsbürgern machte.

Die Veranstaltung mit Waldtraut Lewin war eine ganz besondere Geschichtsstunde mit nur einem kleinen Wermutstropfen: Wir hätten uns im Publikum noch ein paar mehr jugendliche Zuhörerinnen und Zuhörer gewünscht. 

Waldtraut Lewin in der Kleinen Synagoge

Fotos: Vivien Schötz

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