Erfurter Herbstlese

Es lebe die Erfurter Herbstlese!
Okt. 28 2014

Marianne Sägebrecht und Lenn Kudrjawizki

Nur eine Rose als Stütze

Es kann nur eine geben: Marianne Sägebrecht auf der Bühne der Aula des Ratsgymnasiums.
Es kann nur eine geben: Marianne Sägebrecht auf der Bühne der Aula des Ratsgymnasiums.

Von der Bühne schaut Hilde Domin hinunter. Das schwarz-weiße Bild stammt wohl aus dem Jahr 1930, als sie in Köln studierte. Ihr Blick geht nach links über die Schulter, als wollte sie sagen, da seid ihr ja. Zwei dunkle Augen unter fein geschwungen Brauen, darüber eine hohe helle Stirn, von Locken umrahmt. Ein gerade Nase und ein Mund, der in seinen Winkeln die ersten Erfahrungen des Lebens trägt. Fragend dieser Blick einer, wer wollte es bestreiten, schönen Frau.

Am Tisch davor sitzt Marianne Sägebrecht. Auch sie eine schöne Frau, auf ihre Art. Eine Schönheit, die das Herz sieht, und deren Attribute Ehrlichkeit sind und Freundlichkeit, Menschlichkeit eben. Die Schauspielerin ist ungeheuer populär, sie wird geliebt. Auch vom Erfurter Publikum. Zur Herbstlese ist es ihr ein leichtes, den Saal des Ratsgymnasiums zu füllen. Mit einem Lyrik-Programm.

Das ist nicht eben oft zu finden, beim Erfurter Literatur-Festival. Lyrik ist schwierig, keine Sache für große Räume. Ein Innehalten, ein Nachdenken, ein Zurückblättern wie zu Hause im Lesesessel ist nicht möglich. Während die Zeilen des letzten Gedichtes noch nachklingen, ist schon das nächste zu hören. Lyrik fordert; den Vortragenden und das Publikum.

Von Hilde Domin ist zu hören, sie habe ihre Gedichte immer zweimal vorgetragen. Darauf verzichtet Marianne Sägebrecht. Sie gibt den Gedanken Luft, indem zwischen den Blöcken von vier fünf Gedichten Musik zu hören ist, manchmal auch mittendrin. Eine Geige erklingt, von Lenn Kudrjawizki virtuos gespielt. Seine Auftritte sind indes mehr als musikalische Atempausen. Der gebürtige Leningrader hat sich längst einen Namen als Schauspieler gemacht, zuletzt stand er auch selbst hinter der Kamera. Sein Sinn für die Dramaturgie wird spätestens deutlich, als er mitten in einer Nummer von der doch recht hohen Bühne springt, und er weiter singt. „Lass bitte die Dame in der ersten Reihe“, mahnt da Marianne Sägebrecht belustigt von oben, „sie ist doch verheiratet“.

So ist sie nun einmal, die Sägebrecht, dafür liebt sie ihr Publikum. Sie nutzt diese Gunst nicht für sich, sie stellt sich in den Dienst der von ihr verehrten Dichterin. Sie wirbt für eine Lyrikerin, deren Worte den wenigsten im Saal geläufig sein dürften, und die es dennoch verdient haben. So ungerecht ist die Zeit. Darum erzählt sie am Anfang auch etwas über eine Frau, die noch im hohen Alter auf Lesereise ging. Weil sie etwas zu sagen, weil sie etwas zu berichten hatte.

Die Lyrik Hilde Domins braucht für ihre Wirkung die Kenntnis des Lebens der Dichterin nicht, aber dieses Wissen schadet auch nicht. Diese Lebensgeschichte einer Frau, die als Jüdin Deutschland verlassen musste, über Italien und England schließlich in der Dominikanischen Republik einen sicheren Zufluchtsort fand, und die später doch zurückkehrte, in dieses Land der Täter, dieses Deutschland. Die bei ihrem Alter drei Jahre einfach strich, um als Lyrikerin Anerkennung zu finden, um als Debütantin nicht schon über 50 zu sein. Was gibt es nicht für Geschichten.

Von all dem weiß Marianne Sägebrecht, ein wenig davon steckt auch in ihren Interpretationen der Gedichte – klar und unprätentiös, wie sich die Zuhörer, die Leser auch Hilde Domin vorstellen können. Dabei mit einer Tiefe der Gedanken, die ein Nachlesen unumgänglich machen. Nur so lässt sich der Zauber des Augenblicks bewahren und verstehen. Eines ihrer Gedichte bleibt in besonderer Erinnerung:

 

Ziehende Landschaft

Man muss weggehen können
und doch sein wie ein Baum:
als bliebe die Wurzel im Boden,
als zöge die Landschaft und wir ständen fest.

 

Diese Erinnerung ist zuerst Marianne Sägebrecht zu danken, natürlich auch ihrem kongenialen Begleiter. Es ist ein Abend, der nicht nur der Herbstlese im Gedächtnis bleibt. Ein Abend, der ermuntern mag, es mit der Lyrik wieder zu versuchen. Der lang anhaltende Applaus eines dankbaren und begeisterten Publikums spricht sehr deutlich dafür.

Nur eine Rose als Stütze

Hilde Domin Abend mit Marianne Sägebrecht und Lenn Kudrjawizki Fotos: Holger John

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