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Erfurter Herbstlese
Es lebe die Erfurter Herbstlese!
Aug. 15 2020

Margarete von Schwarzkopf sorgt für einen mörderischen Abend

Ein Spaziergang durch die Krimi-Landschaft

Margarete von Schwarzkopf (Foto: Kathleen Kröger)
Margarete von Schwarzkopf (Foto: Kathleen Kröger)

Von Sigurd Schwager

Maske tragen, Adresszettel ausfüllen, Abstand halten...Ein nettes Rahmenprogramm geht anders. Und doch lässt sich niemand, der an diesem Sommerabend den Dacherödschen Hof betritt, die Vorfreude verderben. Selbige gilt einem Ereignis, das unter den gegebenen Umständen zwar stets erhofft, jedoch nicht unbedingt erwartet werden durfte: Ja, es gibt eine Herbstlese 2020. Mehr noch, sie bietet im August erstmals als Ouvertüre eine literarisch-musikalische Sommerbühne.

Den Auftakt trägt das Wort allein, aber was für eines. Unter dem schönen Titel „Sommermorde" nimmt die den Herbstlese-Stammgästen bekannte Journalistin Margarete von Schwarzkopf das Publikum mit auf einen Spaziergang durch die aktuelle Krimi-Landschaft. Als begeisterte Kriminalroman-Leserin, kundige Krimi-Jurorin, erfahrene Interviewerin weltberühmter Größen des Genres sowie inzwischen auch als Krimi-Autorin ist sie dafür bestens geeignet.

Anderthalb pausenlose Stunden dauert der kenntnisreiche Streifzug, der zu keiner Sekunde langatmig wird und bei dem die Abwesenheit von Selbstdarstellertum sehr angenehm auffällt. Das temperamentvolle Erzählen gut ergänzend, liest die Schauspielerin Katrin Heinke kurze Texte aus den Krimis vor. Dass gleich in der ersten Lese-Passage die spanische Grippe Erwähnung findet, berührt und holt das Vergangene ins Heute...
Insgesamt 17 Bücher lernt die geneigte Zuhörerschaft näher kennen, von Dirk Kurbjuweits Roman über den Serienmörder Haarmann bis zu Gilly McMillans "Die Nanny". Den Abschluss bildet ein Sachbuch, "Kunst und Verbrechen" von Stefan Koldehoff und Tobias Timm. Nicht selten, sagt Margarete von Schwarzkopf, sei das tatsächliche Geschehen spannender als das Erfundene. Zudem habe sie beim Lesen viel für ihren neuen, ihren vierten Kriminalroman gelernt, der im September erscheinen werde.

Im Gegensatz zu ihrem expressiven Kritikerkollegen Denis Scheck, seit Jahren erfolgreich zuständig für das furiose Herbstlese-Finale, behelligt Margarete von Schwarzkopf ihr Erfurter Publikum gar nicht erst mit dem, was sie für Dutzendware oder hemmungslosen Schund hält. Sie stellt Autorinnen und Autoren vor, deren Bücher sie mag. "Doppelte Spur" von Ilija Trojanow zum Beispiel, mit dem sie sich 24 Stunden später als Moderatorin die Sommerbühne teilen wird. Oder Angie Kims "Miracle Creek", "Das schwarze Band" von Alex Beer, "Alter Hund, neue Tricks" von Adrian McKintey, Chris Carters "Bluthölle" und "Der Fall Alice im Wunderland" von Guillermo Martinez.

Viele der Krimis führen uns in die Geschichte, viele auch in die Untiefen der Politik. Sie alle handeln von Schuld und Sühne, von Rache, Verantwortung und Vergebung. Mal sind sie höchst unterhaltsam und manchmal nichts für schwache Nerven. In jedem Fall verspricht die Ausleserin spannende Krimi-Kost.

Am Ende eines schönen Abends gibt es viel Beifall für Margarete von Schwarzkopf und Katrin Heinke und natürlich die berühmten Brückentrüffel. Auf dem Tisch stapeln sich derweil die Bücher für die erwartungsfrohe Krimi-Kundschaft. Ein Hauch von freundlicher Normalität weht über den Hof und lässt für einen Moment die nach wie vor schwierigen Umstände vergessen. Denn natürlich kann heute niemand mit Gewissheit sagen, ob auf die Ouvertüre die Akte 2 und 3 der Herbstlese 2020 im September/Oktober und November/Dezember folgen werden können. Die Vorbereitungen jedenfalls laufen auf Hochtouren.

Der gelungene Sommerbühnen-Auftakt macht Mut. Der Berichterstatter könnte sich gut vorstellen, dass die ersten nicht die letzten "Sommermorde" bleiben. Ein jährlicher Krimi-Streifzug stünde als mörderischer Spaß der Erfurter Herbstlese allemal gut zu Gesicht.

 

Margarete von Schwarzkopf, „Sommermorde“ in der Übersicht:

1. Dirk Kurbjuweit, Haarmann. Penguin
2. Peter Grandl, Turmschatten. Das neue Berlin
3. Thomas Christos, 1965. Blanvalet
4. Angie Kim, Miracle Creek. Hanser
5. Andrea di Stefano, Tutto bene. S. Fischer
6. Alex Beer, Das schwarze Band. Limes
7. Thomas Ziebula, Der rote Judas. Rowohlt
8. Guillermo Martinez, Der Fall Alice im Wunderland. Eichborn
9. Adrian McKinty, Alter Hund, neue Tricks. Suhrkamp
10. Philip Kerr, Trojanische Pferde. Rowohlt
11. Mons Kallentoft, Verschollen in Palma. Tropen
12. Chris Carter, Bluthölle. Ullstein
13. Ilija Trojanow, Doppelte Spur. S. Fischer
14. Kathy Reichs, Das Gesicht des Bösen. Blessing
15. Anja Goerz, Jakobs Schweigen. Dtv
16. Gilly McMillan, Die Nanny. Blanvalet
17. Sachbuch: Stefan Koldehoff, Tobias Timm, Kunst und Verbrechen. Galiani

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