Erfurter Herbstlese

Es lebe die Erfurter Herbstlese!
Nov. 14 2013

Tränen gelacht

Root Leeb weiß, wovon sie schreibt: Sie ist mit fünf Brüdern und Schwestern aufgewachsen. Foto: Holger John
Root Leeb weiß, wovon sie schreibt: Sie ist mit fünf Brüdern und Schwestern aufgewachsen. Foto: Holger John

Hero ist kein hero, kein Held, nicht im herkömmlichen Sinne. Hero ist die Kurzform von Herwig, so wurde er schon als Bub gerufen. Der Name blieb ihm, bis zum Ende. Dennoch ist Root Leeb nicht ungehalten, wenn ihr dritter Roman „Hero“ mit dem englischen Wort hero benannt wird. Schließlich, erklärt sie im Café Nerly, wird dem Patriarchen ein weiteres Enkelkind geschenkt. Sein Sohn Johannes und dessen amerikanische Frau Cleo nennen den Jungen nach dem Opa, in ihm sind Hero und hero gleichsam glücklich vereint.

Mit dem Glück ist das so eine Sache. Auch bei den Wielands, wie Heros Sippe mit Nachnamen heißt. Was wären das auch für „Impressionen einer Familie“, wenn nichts schief gehen würde; Kitsch?

Davon sind Root Leeb und das Personal ihres Buches weit entfernt. Selbst mit fünf Brüdern und Schwestern aufgewachsen weiß sie, was Großfamilie heißt. Die sich ihr Protagonist immer gewünscht hat. Als Einzelkind ist für Hero der Laden, wie er Frau, Kinder und Kindeskinder nennt, Programm. Pro Familia sozusagen, egal, wie die anderen damit zurechtkommen.

Nele zum Beispiel, sein drittes Kind, die zweite Tochter. Sie wird im Roman zum Gegenpol; da das laute und bestimmende, im Zweifelsfall alle mit seinen Tischreden zermürbende Familienoberhaupt, dort die scheue Tochter, die daran leidet, vom Rest gar nicht wahrgenommen zu werden. Ihr Verdacht, gar nicht dazuzugehören, entspricht ihrem Wunsch nach Abgrenzung. Was sollte sie mit denen gemein haben, ist sie nicht ganz anders?

In diese Konstellation platzt die Nachricht von Heros Krebserkrankung. Das Wissen um die eigene Sterblichkeit wird konkret, und wirbelt das scheinbar feste Gefüge der Wielands durcheinander. Wie sehr, lässt der Romananfang düster erahnen: „Sterben ist nicht lustig, es macht Angst. Dem, der stirbt, und denen, die zuschauen.“ Doch trotz aller Dunkelheit der Geschichte wird im Nerly herzlich gelacht. Tränen und Lachen können so nah sein.

Root Leeb lässt fast alle Wielands zu Wort kommen, doch Hero und Nele geben den Ton an. Die Autorin bedient sich dabei eines technischen Kniffs; vom Alten wird in der dritten Person erzählt, die Tochter spricht für sich. Beide sind die Leitplanken, die dem Leser durch die Handlung helfen. Mit einiger Berechtigung, schließlich nimmt der Roman mit jeder Seite mehr Fahrt auf.

Am nachdrücklichsten wird das an Hero deutlich, der immer schneller ein anderer Mann wird; anders als Partner, Vater und Opa. Der Dinge erst erduldet und schließlich genießt, die am Beginn des Romans noch undenkbar wären: Er akzeptiert Ken, Neles Freund, einen Schwarzafrikaner. Er nimmt die Nicht-Erziehung seines Urenkels hin, wie er sich an der Kochkunst der türkischen Mutter des Kleinen erfreut.

So ist alles gut? Im Gegenteil, Heros Ende naht. Ein unerwarteter, wenn auch nicht unvorhersehbarer Ausgang bildet den Schlusspunkt, der hier nicht verraten werden soll.

Kein Geheimnis ist dagegen der Erfolg der Lesung. Er liegt in der klaren Struktur begründet, die Root Leeb dem Abend gibt. Es ist die Begrenzung auf das Wesentliche, auf die Passagen mit Hero und Nele, die dem Vortrag Halt geben. So kann der einfühlsame Text, wunderbar von der Autorin vorgetragen, volle Entfaltung finden. Das Publikum ist davon sichtlich angetan.

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