Erfurter Herbstlese

Es lebe die Erfurter Herbstlese!
Nov. 24 2015

Landolf Scherzer stellt sein Buch „Der Rote“ über Bodo Ramelow vor - der kommt zum Ende als Überraschungsgast

Und in Thüringen gibt es immer noch Bananen

Im Frühling stellte Landolf Scherzer seine Idee über ein Buch der ersten Tage von Rot-rot-grün vor, jetzt ist "Der Rote" erschienen.
Im Frühling stellte Landolf Scherzer seine Idee über ein Buch der ersten Tage von Rot-rot-grün vor, jetzt ist "Der Rote" erschienen.

Von Sigurd Schwager

Dieser Herbstlese-Abend hat eine Vorgeschichte. Nach Ostern lud die die kleine Schwester des Festivals, die Frühlingslese, zu einer Begegnung mit Landolf Scherzer sowie mit dem Mann, über den er ein Buch zu schreiben gedachte: Bodo Ramelow. Das  anregende, zu Teilen vergnügliche Gespräch zwischen Schriftsteller und Politiker, dem ersten Ministerpräsidenten der Linkspartei, endete mit der Hoffnung, dass eine Fortsetzung folgen möge, wenn aus der Idee und dem noch mageren Manuskript-Bündel tatsächlich ein Buch geworden sei. Dessen Titel stand bereits damals fest: „Der Rote“.

Jetzt liegt das Werk vor und in den Regalen der Buchhandlungen. Zur Lesung in der Aula des Erfurter Ratsgymnasiums leuchtet auf der Bühnenwand das Cover von „Der Rote“ – natürlich in Rot. Zu sehen sind darauf:  Bodo Ramelow in Wanderzivil und, korrekt angeleint, sein Jack-Russel-Terrier Attila. Dem Titel „Der Rote“ beigefügt ist eine Unterzeile, die laut Autor dem Chef der rot-rot-grünen Thüringer Regierung nicht wirklich gefällt: „Macht und Ohnmacht des Regierens“.

Aber genau diese fünf Wörter fallen einem ein, wenn man möglichst kurz erzählen soll, wovon dieses Buch handeln möge, was sein Kerngedanke sei.

Landolf Scherzer, der, was man nicht von jedem Schriftsteller sagen kann, ein freundlicher, bodenständiger Mensch ist, bedankt sich zunächst beim Publikum. Dann liest er aus dem Ordnungsdienst-Papier vor, das er soeben in einem Klassenzimmer des Ratsgymnasiums gefunden hat; er erzählt von seinem Heimatdorf in Südthüringen, das nun auch richtig zur Welt gehört, weil es einen Dönerladen gibt. Die Plauderei geht fließend über ins Vorlesen. Man merkt, er hat darin schon einige Erfahrung.

Er beginne, sagt er, mit den ersten sechs Zeilen, doch es werden sogleich weit mehr als 60. Wir erleben darin Landolf Scherzer in Gummistiefeln im zähen Grabenschlamm. Mit einem Baggerfahrer sucht er das Leck in seiner Wasserleitung, die das Dietzhäuser Seßletal quert. Seine Stiefel stecken im dezemberkalten Matsch fest, er kann nur noch die Füße herausziehen. „Noch nie hatte ich bei den Schachtarbeiten barfuß im Schlamm des ausgebaggerten Grabens gestanden. Auch deshalb werde ich mich an diesen Tag – es ist der 5. Dezember 2014 – noch lange erinnern.“

Das „auch deshalb“ meint einen politischen Erdrutsch in Thüringen. Denn als Landolf Scherzer sich umziehen will, klingelt das Telefon. Ein Bekannter aus alten gemeinsamen Hochseefischertagen meldet sich: „Hey, Seemann, neuer Kurs! Um 10.52 Uhr, genau vor 2 Minuten, ist Bodo Ramelow in Erfurt zum ersten linken Ministerpräsidenten der Bundesrepublik gewählt worden. Ich möchte erwidern: Das geht mir im Moment am nassen Arsch vorbei, aber ich schalte das Radio ein." Dort reden die einen von Niedergang und Chaos, andere von einem außergewöhnlichen Moment der Geschichte. Dass er darüber ein Buch schreiben würde, kann Landolf Scherzer da noch nicht ahnen.

Dazu bedarf es später einer wodka-seligen Nacht mit dem TLZ-Kulturredakteur Frank Quilitzsch, dem er seine Beobachtungen nach der Wahl erzählt. Und der ihm anschließend rät: „Schreib das auf! Vielleicht in einem Buch. Der neue Erste oder: Der Rote.“

Gesagt, getan, denn Aufbau, der Hausverlag, ist von der Idee höchst angetan. Bodo Ramelow macht auch mit. Er und Scherzer kennen sich seit langem, seit der Erfurter Erklärung, seit Bischofferode. Und es gibt so manche Querverbindung. Hans-Dieter Fritschler, der einstige 1. Sekretär der SED-Kreisleitung Bad Salzungen, über den Scherzer zu DDR-Zeiten, 1988 ist das, sein berühmtestes Buch „Der Erste“ schreibt, ist ein Jahrzehnt später Wahlkampfmanager von Ramelow. Mit Scherzers „Zweitem“ (1997), dem Bad Salzungener CDU-Landrat Steffen Baldus, liefert sich Ramelow einige politische und juristische Scharmützel. Und in „Der Letzte“, einem Report von 2000 aus dem Landtagsleben, hält Bodo Ramelow auch namentlich Einzug in Scherzers gesammelte Werke zum Thüringer Politbetrieb.

Wenn man das liest, was der Autor über die ersten 100 Regierungstage des Ministerpräsidenten berichtet und wenn man ihm in Erfurt beim Erzählen zuhört, dann fällt auf:  Er ist Ramelow nicht nahe gekommen. Weder ist er in dessen privaten vier Wänden gewesen noch haben sie viele Stunden unter vier Augen geredet.

Das illustrieren auch die meisten Passagen, aus denen Scherzer vorliest. Die beiden begegnen sich im Restaurant des Herzens, wo der Ministerpräsident vorbeischaut, beim Besuch der jungen Sternsinger in der Staatskanzlei, beim Friseur und beim Gipfeltreffen der bekanntesten Hunde Thüringens: Chef-Terrier Attila und Zeitungsdackel Herr Lehmann.

Aus solchen Begegnungen und vielen Gesprächen entsteht durchaus ein anschauliches Bild des Menschen und der Zwänge eines Treibenden wie Getriebenen im Politikeralltag mit seinen Zeitfenstern. Das Mitleid über fehlende Privatheit hält sich allerdings in Grenzen. Wer ein hohes politisches Amt anstrebt, weiß, was ihn erwartet.

Um Bodo Ramelows Bild noch genauer zu konturieren, hat Scherzer, der nicht Kommentator, sondern Beobachter ist, einen Bescheid Wisser erfunden; den Kanalarbeiter Frieder, der diesen und jenen kennt, der Interessantes vom Ministerpräsidenten zu berichten weiß. Die Phantasie beschädigt hier nicht die Realität. Sie macht sie plastischer.

Buch und Lesung enden am 110. Ramelow-Regierungstag. An selbigem erhält Scherzer eine SMS über den 100. Tag des Ministerpräsidenten. Er war mit seiner Frau wandern. „Dabei ist ihm quasi niemand begegnet. Und das fand er sehr spannend.“

Damit und mit ein paar Fragen aus dem Publikum wäre der Abend eher ruhig ausgeklungen, gäbe es nicht den immer wieder für Überraschungen guten Bodo Ramelow.

Der ist von Hamburg über Leipzig gerade in Erfurt eingetroffen, durch sein enges Zeitfenster geklettert – und besucht die Lesung. Der Auftritt in der Aula sei spontan, sagt er, und dankt Landolf Scherzer für sein „tolles Buch“. Dann hält er gleich noch eine kleine Volksrede. Ein Politiker kommt eben nicht raus aus seiner Haut. Gern erinnert er das Auditorium an den Bananen-Satz aus dem Buch: „Heute regieren wir 75 Tage, und es gibt in Thüringen immer noch Bananen.“

Dann tun Landolf Scherzer und Bodo Ramelow gemeinsam das, was den Personenschützern ein Graus sein muss:  Im Trubel signieren sie gemeinsam Buch für Buch „Der Rote“.

Landolf Scherzer im Ratsgymnasium

Fotos: Uwe-Jens Igel

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