Erfurter Herbstlese

Es lebe die Erfurter Herbstlese!
Okt. 15 2014

Katja Petrowskaja in der Buchhaltung Hugendubel

Vielleicht Esther

Trotz Erkältung beeindruckte Katja Petrowskaja in der Buchhandlung Hugendubel
Trotz Erkältung beeindruckte Katja Petrowskaja in der Buchhandlung Hugendubel

von Holger John

 

Von der Berliner Gegenwart zu den Schrecken des 20. Jahrhunderts: In "Vielleicht Esther" erzählt Katja Petrowskaja von einer Zeitreise in die eigene Familiengeschichte - und schafft ein großartig erzähltes Panorama des 20. Jahrhunderts. Muttersprache Russisch, Literatursprache Deutsch: Trotz Erkältung erlebten die Herbstlese Besucher eine wunderbare Begegnung mit der Autorin und ihrem glänzenden Debüt. Spürbar beeindruckt und kongenial moderiert von Professor Dietmar Herz.

Der geneigte Zeitungsleser von Format, also der, der sich zum Sonntag nicht die großen Buchstaben, vielmehr die großen Worte ins Haus holt, kennt die 1970 in Kiew geborene Autorin durch die Kolumne „Die west-östliche Diva“.  Mit ihrem Roman-Erstlingswerk betritt sie Neuland und schafft ein Kunstwerk, wie man es in der deutschsprachigen Literatur selten findet: Eine Familiengeschichte, die weder von den literarischen Konventionen noch von der historischen Last des erzählten Stoffes erdrückt wird.

"Vielleicht Esther" beginnt in der Gegenwart, am Hauptstadtbahnhof, dem mächtigen Bau inmitten der Einöde im Zentrum Berlins, in dem es kein Ankommen, nur die Verabschiedung der Abreisenden gibt. Und das mit dem Namen Bombardier, der, selbst wenn man seine Bedeutung kennt, ungute Assoziationen weckt. Von hier aus macht sich die Ich-Erzählerin in Richtung Warschau auf, die Lebensumstände ihrer Vorfahren zu ergründen. Dementsprechend erzählt sie auch von der Vergangenheit, bis ins Jahr 1864, als ein Zeitungsartikel von einem Ahnen Petrowskajas berichtet. Der hatte in Wien eine Schule für taubstumme Kinder gegründet.

Über Generationen hinweg waren es Lehrer, Taubstummenlehrer, eine Tradition, die ihr Urgroßvater in Warschau begründete und die später in Russland und in vielen anderen Ländern Europas weitergeführt wurde. Dies zieht sich durch die Familiengeschichte, bis diese Tradition in der Generation der Autorin abgebrochen ist. Genauso wie das Jüdische in ihr verloren gegangen ist. Erst der Bruder Petrowskajas macht für sich diesen alten Glauben der Vorfahren wieder lebendig.

Einige Ereignisse werden etwas ausführlicher dargestellt. Dazu gehören die Geschichten in den Taubstummenschulen, das Attentat auf den deutschen Botschaftsrat durch Judas Stern, das mit einem politischen Schauprozess bedacht wurde, dessen Ausgang vorherbestimmt war. Oder das große Massaker an den Juden in ihrer Geburtsstadt Kiew.  

In Mauthausen entwickelt Petrowskaja eine Art Arithmetik des Schreckens. Die Vorstellungskraft versagt angesichts der Zahl der Ermordeten. Sagen uns die vierzehn Männer, die der Lagerkommandant zum vierzehnten Geburtstag seines Sohnes in den Baum hängen ließ, mehr als die vielen Tausend anonymen Toten, die vorzustellen uns einfach überfordert? Der Schrecken der Lager wird heutzutage fast zur Normalität, wenn er von Menschen im Radlerdress in den Gedenkstätten besichtigt wird. Das, was ihn außerhalb von Raum und Zeit stellt, geht dabei verloren.

Die Sprache ist für die Autorin von großer Wichtigkeit. Sie denkt Russisch, sie schreibt Deutsch, auf diese Sprache hat sie sich gestürzt auf Teufel komm raus. Sie analysiert Begriffe, Bedeutungen, Symbolisches, das Assoziative ist ihr eigen, die Bedeutung von Namen z.B. wichtig und manchmal zu zufällig, um zufällig zu sein, springt sie zwischen den Sprachen hin und her.

Katja Petrowskaja ist eine Entwurzelte im eigenen Land, das sie gar nicht benennen kann, zu viele Zeitläufe haben alles durcheinander gewirbelt. Ist sie Russin, in dieser Sprache denkt sie, gehört sie zur Ukraine, in diesem Staat steht jetzt ihr Geburtshaus, wohnen ihre Eltern, wohnen Freunde, Verwandte? Im Jahr 1999 ist sie nach Deutschland gekommen, hier mit dem eindeutigen Status einer Fremden. Wundert es, wenn so ein Mensch zumindest seine familiären Wurzeln sucht, um an ihnen Halt zu finden? Diese Wurzeln zu suchen bedeutet auch, diese Menschen dem Vergessen zu entreißen, ihnen ein spätes Denkmal zu setzen, sie zu ehren mit all ihrer Widersprüchlichkeit, ihrer Tapferkeit, ihres Menschseins.

Alle Geschichten über ihre Familie in „Vielleicht Esther“ sind wahr, und sie zielen mitten hinein in das vergangene Jahrhundert des Massenmordes und der Kriege. Ihre Reisen, Recherchen, Erinnerungen und Beobachtungen führten Katja Petrowskaja neben Warschau, Kiew, Wien und Mauthausen auch in die Schlucht von Babi Jar, wo mehrere Familienmitglieder ermordet wurden.

In einem Interview sagte Katja Petrowskaja: „Ich schreibe keine Literatur. Das einzig Fiktive ist die Sprache“, und genau das macht ihr Buch zu einem besonderen literarischen Erlebnis.

Trotz spürbar zunehmender Erkältung erfüllte Katja Petrowskaja geduldig auch den letzten Autogrammwunsch mit ausgesprochener Freundlichkeit. Ihr gutgemeinter Hinweis auf Ansteckungsgefahr konnte die Menschen in der langen Schlange vor ihrem Tisch nicht abschrecken.

Katja Petrowskaja "Vielleicht Esther"

Fotos: Holger John

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