Erfurter Herbstlese

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Nov. 26 2015

Kurt Biedenkopf und seine Tagebücher im Collegium Maius

Von Bonn nach Dresden

Kurt Biedenkopf war von 1990 bis 2002 Ministerpräsident in Sachsen.
Kurt Biedenkopf war von 1990 bis 2002 Ministerpräsident in Sachsen.

Es ist noch gar nicht so lange her, da räumte Gregor Gysi mit Blick auf die turbulente Wendezeit einen Fehler ein. Er habe es, ungeachtet des Rates erfahrener Genossen, versäumt, sich regelmäßig Notizen zu machen. 25 Jahre später könne er sich so an manche Sachen schlecht, an einige gar nicht erinnern. Was für ein Pech.

Kurt Biedenkopf hat es da besser. Als er seine Frau Ingrid nach der Kindheit zum zweiten Mal, also richtig kennenlernte, verselbstständigen sich seine Brief an die große Liebe; sie sammelt die Papiere und schafft so den Grundstock für sein Tagebuch, das er schließlich mit einiger Regelmäßigkeit führt. Die Aufzeichnungen der Jahre 1989 bis 1994 sind jetzt in einer dreibändigen Ausgabe erschienen. Im Collegium Maius in der Michaelisstraße stellt sie Sachsens früherer Ministerpräsident dem Herbstlese-Publikum vor. Kooperationspartner des Literatur-Festivals ist an diesem Abend das Politische Bildungsforum Thüringen der Konrad-Adenauer-Stiftung.

Die Vizepräsidentin der Stiftung, Hildigund Neubert, führt dann auch in die Lesung ein, die nur zum Teil eine ist. Zwar liest der Erfurter Schauspieler Reinhard Friedrich einige Passagen aus Band 1 und 3 vor, bestimmt wird der Abend indes vom Zwiegespräch, das Henry Bernhard, Landeskorrespondent des Deutschlandfunkes, mit dem Verfasser der Tagebücher führt. Beiden gelingt das auf sehr sympathische Art – kleinere Programmänderungen, auf die sich beide Herren im Podium verständigen, inbegriffen.

Auch die, sicher unvermeidliche, Frage nach der Finanzierung der Edition wird gestellt. Die Antwort Kurt Biedenkopfs fällt knapp aus; schließlich sei das Sache des Freistaates Sachsen und der von ihm mit der Arbeit beauftragten Stiftung. Beim zweiten heiklen weil aktuellen Thema, den Dresdener Pegida-Aufmärschen, antwortet der Befragte erheblich ausführlicher. Doch diese Frage stellt Henry Bernhard erst zum Schluss, daher später dazu mehr.

Die ersten gelesenen Passagen handeln von den ersten Tagen unmittelbar nach dem Fall der Mauer. Der CDU-Abgeordnete und erfolgreiche Anwalt ist wie viele seiner Politikerkollegen nach Berlin gereist, um den historischen Moment zu erleben. Schnell wächst in ihm das Gefühl, helfen zu wollen und zu können. Selbst eine Annahme der DDR-Staatsbürgerschaft steht im Raum. Denn er will mitgestalten, auf eine praktische Weise, mit seinem Wissen und Fähigkeiten als Wirtschaftswissenschaftler.

Das ist ihm wichtig: seine Expertise. Es verwundert ihn, wie wenig die Entscheidungsträger in Bonn von der Situation in der DDR wissen. Nach einem Treffen mit Kurt Masur lässt er sich auf eine akademische Laufbahn in Leipzig ein. Als Professor glaubt er die nötigen theoretischen Vorarbeiten für eine kommende Vereinigung der beiden deutschen Staaten leisten zu können. Doch es kommt anders. Die Zeit reicht einfach nicht. Die Geschichte nimmt ihre eigene Geschwindigkeit auf.

Vor allem der Satz „Kommt die D-Mark nicht zu uns, gehen wir zu ihr“ im Januar 1990 alarmiert ihn. Der laute Schrei nach dem Westgeld hat das „Wir sind das Volk“ und die fast stillen Märsche mit Kerzen in der Hand auf dem Leipziger Ring abgelöst. Doch wenn die Leute alle gehen, wer soll dann die Transformation der alten Plan- in eine Marktwirtschaft realisieren? Die Zeit für Gedankenspiele wird immer knapper; es ist die Zeit zu handeln – und sei es um den Preis, nicht alles in Ruhe bedenken zu können.

Kurt Biedenkopf hat sich für das Handeln entschieden. Nach all seinen spannenden Erlebnissen um die Irrungen und Wirrungen der Währungsunion und des Einigungsvertrages wird er im Oktober 1990 Ministerpräsident in Sachsen. Er bleibt es bis 2002.

Doch neben all den interessanten Geschichten, die dort auf dem Podium zu hören sind, macht ein Aspekt auf die Gäste im Saal besonders großen Eindruck: Wie kann Politik gestaltet werden, wie gestaltet Politik, dass am Ende das Land vorankommt?

Da passiert dem inzwischen fast 86-Jährigen einfach viel zu wenig. Seit Jahrzehnten wissen die Deutschen um ihre demografische Lage, die richtigen Schlüsse daraus? Fehlanzeige. Eine sichere Rente, nachhaltiges Wirtschaften? Wenig passiert. Zwei Namen nennt er dabei. Den von Helmut Kohl, seinem Intimfeind, dem es nur um den Machterhalt geht, und den von Gerhard Schröder, der Reformen durchsetzt, obwohl er um das hohe Risiko für sein eigenes politisches Überleben weiß.

Er selbst jedenfalls, Kurt Biedenkopf, ist „dankbar für die Chance, Bleibendes zu gestalten“, notiert er in sein Tagebuch. Dazu präsentiert er jetzt seine ganz eigene Formel: „Die Kosten eines vertagten Problems steigen mit dem Quadrat der verlorenen Zeit.“

Daher kann Kurt Biedenkopfs Credo nicht überraschen: Schenkt den Leuten reinen Wein ein. Nicht die Schließung der Kali-Grube von Bischofferode war der Fehler, sondern weil man den Menschen in der Region nicht wirklich erklärte, was Sache ist. Einige im Saal werden vielleicht – etwa der frühere Erfurter Propst Heino Falcke ­– bei diesem konkreten Beispiel anderer Meinung sein.

Volle Zustimmung gibt es eher zu seinen Aussagen zu den Ursachen der aktuellen Flüchtlingswelle. 300 Jahre hat Europa auf Kosten Afrikas und des Nahen Ostens gelebt. Die Menschen dort sehen aber inzwischen im Internet, wie gut es uns geht – und machen sich auf den Weg. Wer die Fluchtursachen bekämpfen will, muss sie also vor Ort bekämpfen.

Dann kommt die Frage nach Pegida. Zu viel würde darüber berichtet, meint Kurt Biedenkopf. Wo blieben die Bilder über das weltoffene Dresden, das sich den oft älteren Protestierenden entgegenstellt? Er sieht diese Auseinandersetzung auch als eine der Generationen. Zudem sollte man sich in der Auseinandersetzung auf die Leute an der Spitze konzentrieren; gefährlich als die Verführten sind die Verführer.

Wobei er auch zu Gelassenheit mahnt. Es ist doch noch gar nicht so lange her, dass die Extremen im CDU-geführten Baden-Württemberg auf 13 Prozent der Stimmen kamen.

Als er geboren wurde, sagt Kurt Biedenkopf, gab es zwei Milliarden Menschen auf der Erde. Inzwischen sind es 7,5 Milliarden. Unsere Enkel werden wissen wollen, was wir mit unserem Reichtum, mit all dem ökologisch bedenklichen Wachstum angefangen haben. Dabei wäre es doch das klügste, gemeinsam mit den Enkeln Wissen zu erwerben.

Ein schönes Schlusswort, sagt Moderator Henry Bernhard. Danach: herzlicher Applaus.

Kurt Biedenkopf im Collegium Maius

Fotos: Holger John, Uwe-Jens Igel

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