Erfurter Herbstlese

Es lebe die Erfurter Herbstlese!
Nov. 13 2017

„Auf gut Deutsch?“: Thea Dorn, Steffen Mensching und Christoph Stölzl im Theater Erfurt

Von der Schönheit des Gedankens

Kluge Unterhaltung vor dem Sonntagsbraten: Thea Dorn, Steffen Mensching und Christoph Stölzl auf der Bühne des Theaters Erfurt.
Kluge Unterhaltung vor dem Sonntagsbraten: Thea Dorn, Steffen Mensching und Christoph Stölzl auf der Bühne des Theaters Erfurt.

Von Sigurd Schwager

Der zweite Sonntag im November beginnt grau und trüb und feucht. Und so trist und dunkel bleibt er dann auch. An Tagen wie diesen sehnt sich der Mensch noch mehr als sonst nach Erbauung, nach Erhellendem – und findet manchmal beides tatsächlich: zum Beispiel im großen Saal der Erfurter Oper. Die Herbstlese und das Theater haben zu einer Matinee eingeladen, die den roten Faden des Theaterspielplans aufgreift und mit einem Fragezeichen versieht: Auf gut Deutsch?

Darüber denken auf der Bühne öffentlich eine Dame und zwei Herren im Gespräch nach. Aus Berlin gekommen ist die in Goethes Geburtsstadt aufgewachsene Schriftstellerin Thea Dorn, bekannt durch ihre Bücher und durch ihr streitbares Reden über Bücher im Fernsehen. Neben ihr sitzt der gebürtige Ostberliner Steffen Mensching, Autor, Clown, Schauspieler, Regisseur und seit neun Jahren sehr erfolgreich tätig als Intendant des Theaters Rudolstadt – ein wahrer Glücksgriff für die Thüringer Theaterszene.

Der Dritte im Bunde ist ein weltläufiger Mann. Er war: Direktor des Deutschen Historischen Museums in Berlin, Feuilletonchef der „Welt“ und TV-Moderator, Senator sowie CDU-Landeschef in Berlin. Seit 2010 leitet Prof. Dr. Christoph Stölzl als Präsident die Geschicke der Weimarer Musikhochschule Franz Liszt - auch er ein echter Gewinn für die Thüringer Kulturszene. Der ebenso wortmächtige wie stilsichere Stölzl gibt in Erfurt zugleich den Moderator, was man wohl eine Idealbesetzung nennen darf.

Was also ist deutsch? fragt Stölzl eröffnend Thea Dorn. Das Schöne am Deutschen sei, antwortet diese, dass es sich jeglicher einfachen Definition entziehe. Man könne das nicht in „Eins-Dreißig“ erklären (eine Minute und eine halbe sind in der Regel die einzelnen Beiträge in den TV-Nachrichtensendungen wie der „Tagesschau“ lang).

Das Publikum wird im weiteren Verlauf des Gesprächs erleben, dass dafür auch eine Stunde und dreißig Minuten nicht ausreichen. Der Weg ist das Ziel.

Thea Dorn buchstabiert das Deutsche von A wie Abendbrot und Arbeitswut über Ordnungs- und Waldesliebe bis zu Z wie Zerrissenheit. Steffen Mensching kann mit diesen Begriffen nicht viel anfangen, und noch weniger mit Stölzls Anekdote über Wolf Biermann, der in den USA in einem Football-Stadion weinte, weil dort alle die Nationalhymne sangen und nur er das nicht gekonnt habe. Nein, sagt Mensching, wegen der Hymne hätte er nie geweint. Dann erzählt er, wie ihn seine DDR-Biografie einmal sogar bis nach Amerika verfolgt hat. Die prägende Verschiedenheit von Herkunft West und Herkunft Ost wird später noch mehrfach zur Sprache kommen.

Stölzls Zwischenfazit: Wir Deutschen sind interessant, wir sind kompliziert. Je komplizierter desto interessanter, ergänzt Thea Dorn.

Was sind unsere Werte?  Was können, was müssen wir als unser Erbe annehmen? Natürlich kreist das Gespräch unvermeidlich auch um den Kanon, um die Leitkultur und all die hitzigen Debatten darüber. Und dass ausführlich das hohe Lied der weltweit einzigartigen deutschen Theater-, Opern- und Orchesterlandschaft angestimmt wird, versteht sich bei dieser Runde der Theater- und Musikliebhaber von selbst.

Es entwickelt sich ein munterer, anekdotenreicher Herbstlese-Vormittag. Anderen Menschen beim Denken zuzusehen, dem geschliffenen Wort zu lauschen, das bereitet dem Erfurter Publikum ganz offensichtlich Freude.

Zum Schluss befragt Stölzl die Gesprächspartner, was ihnen von den deutschen Dingen in besonderer Weise das Herz wärme. Thea Dorn, erfahren wir, lernt immer noch regelmäßig Gedichte auswendig, und sie liebt seit ihrer Kindheit Wagner. Mensching sagt, Wagner brauche er nicht. Er liebe alles von Bach. Und Goethe, den lese er immer wieder, vor allem die Gedichte. Auf solche geistigen Leistungen könne man als Deutscher stolz sein.

Dann beginnt der Zugabe-Teil. Thea Dorn trägt, gelernt ist gelernt, Joseph von Eichendorffs Gedicht „In der Fremde“ vor: 

„Aus der Heimat hinter den Blitzen rot 
Da kommen die Wolken her,
Aber Vater und Mutter sind lange tot,
Es kennt mich dort keiner mehr.
Wie bald, ach wie bald kommt die stille Zeit,
Da ruhe ich auch, und über mir
Rauscht die schöne Waldeinsamkeit,
Und keiner kennt mich mehr hier.“

Das letzte Wort aber hat Goethe, denn Christoph Stölzl rezitiert den Anfang der Ode „Das Göttliche“, die der Dichter in Weimar schrieb:

„Edel sei der Mensch,
Hilfreich und gut!
Denn das allein
Unterscheidet ihn
Von allen Wesen,
Die wir kennen.“

Schönheit des Gedankens: Das Herbstlese-Publikum bedankt sich mit langem Beifall.

"Auf gut Deutsch?" im Theater Erfurt

Fotos: Holger John

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