Erfurter Herbstlese

Es lebe die Erfurter Herbstlese!
Nov. 12 2013

Von Weimarern und Weimaranern

Wenn der Vater mit der Tochter: Juliane und Ulf Annel im Gewerkschaftshaus. Fotos: Holger John
Wenn der Vater mit der Tochter: Juliane und Ulf Annel im Gewerkschaftshaus. Fotos: Holger John

Es ist fast schon ein Ritual. Jedes Jahr muss die Herbstlese mit ein paar Veranstaltungen umziehen. Eine so nicht vermutete Nachfrage führt erst zu Wartelisten und – werden auch die länger und länger – zum Entschluss, sich einen größeren Raum zu suchen. So ist es vor Wochen mit Meike Winnemuth gewesen, so wird es am Samstag mit Matthias Dell sein.

Zwischen den beiden erwischt es Ulf Annel und seine Tochter Juliane. Ausgerechnet mit einem Buch über Weimar. Die Erfurter sind offensichtlich toleranter, als gemeinhin gedacht. Alle Stühle im Gewerkschaftshaus sind besetzt. Sie mögen ihren Annel, der seit Jahrzehnten in der Stadt seine kabarettistischen Fußabdrücke hinterlässt – was meint, dass er ständig mehr oder weniger wichtigen Zeitgenossen auf die Füße respektive die Zehen tritt.

Nach „111 Orte in und um Erfurt die man gesehen haben muss“ hat sich das kleine Familienunternehmen nun hinter Vieselbach umgeschaut, und ist doch tatsächlich fündig geworden. Auch im zweiten Buch bieten sie dem Leser eine gelungene Melange aus Orten, die jeder kennt, und solchen, die es zu entdecken gilt.

Dem ersten Eindruck nach sind letztere im Weimar-Buch in der Überzahl. Das mag an den Touristenpfaden liegen, die an der Ilm breiter ausgetreten sind als an den Ufern der Gera. Auch das Umland ist im neuen Werk präsenter; die Neugierde, eine Zentrifugalkraft, trägt hier schneller in eines der Dörfer oder Schlösser, in Erfurt liegen sie bei gleicher Entfernung meist längst in eingemeindeten Stadtteilen.

Aber egal, die Mischung stimmt. Liebevoll-knarzige Texte, schöne Fotos aus einem oft ungewohnten Blickwinkel und zu jedem Objekt noch ein guter Tipp – fertig ist die Laube. Im Prinzip stimmt das, im Detail fehlt aber Goethes Gartenhaus. Wie die beiden Herren vom berühmtesten Denkmal des Landes erstaunlich sparsam eingesetzt werden. Dafür kommen Dinge zum Vorschein, die längst nicht die Aufmerksamkeit erhalten, die sie verdienen.

Wie die Fotothek in der Liebknechtstraße, einem Refugium für längst vergessene Privatbilder. Im Buch steht dazu. „Manchmal gibt es Lesungen aus alten Fotoratgebern.“ Zum Publikum sagt Ulf Annel: „Da gehen sogar welche hin.“

Es wäre Unsinn, die in den kurzen Texten so trefflich beschriebenen Orte an dieser Stelle noch kürzer vorzustellen. Vielmehr scheint es angebracht, den Leser auf Entdeckungsreise einzuladen; zunächst, mit dem Buch, auf das heimische Sofa und dann, mit dem Buch, in die Gassen und Parks der Klassikerstadt. Wem die Sache zu anstrengend wird, findet auf den über 200 Seiten genug Hinweise auf eine gepflegte Einkehr, sei es zur Rast in einem Garten, Café oder Restaurant.

Oder einem Museum mit angeschlossener Restauration, wie der Thüringer Kloßwelt in Heichelheim. Ulf Annel weiß, wie sein Publikum auch, was den wirklichen, den echten Thüringer Kloß ausmacht: Ein Tröpfchen Blut, wenn beim Reiben die Kraft nachlässt, und die Finger – nur ein klein wenig – zu Schaden kommen.

Da ist es beim Kloß wie bei manchem Buch, nur dass es da Herzblut braucht. Juliane und Ulf Annel haben das richtige Quantum dieser  besonderen Essenz an ihr Buch gegeben; nicht zu wenig, dass es zu kühl wirkte, und doch nicht zu viel, auf dass sich die Erfurter nicht über ein Übermaß an Liebe für die Nachbarn empören müssten.

Im Gewerkschaftshaus stimmt das Rezept. Es gibt am Ende Beifall und Schokolade und beim Signieren noch so manches gute Wort für die Autoren.

Nachtrag: Was die Weimarer und die Weimaraner angeht, da halten sich die Annels klug zurück. Zwar meinen sie, letztere können nur bellen, aber das sollen die an der Ilm mal besser unter sich ausmachen.

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