Erfurter Herbstlese

Es lebe die Erfurter Herbstlese!
Nov. 11 2015

Michael Tsokos und sein True-Crime-Thriller „Zerschunden“ im Atrium der Stadtwerke

Wahre Fiktion

Michael Tsokos leitet das Rechtsmedizinische Institut der Berliner Charité
Michael Tsokos leitet das Rechtsmedizinische Institut der Berliner Charité

„Spannung bis der Arzt kommt“ hat die Herbstlese ihr Krimi-Programm dieses Jahr überschrieben. So soll auf den neuen Partner des Festivals, die Zentralklinik Bad Berka, hingewiesen werden. Jetzt machte im Rahmen der acht Veranstaltungen Michael Tsokos im Atrium der Stadtwerke Station. Der Abend mit „Deutschlands bekanntestem Rechtsmediziner“ – so der Knauer-Verlag über seinen Autor – sprengt den Rahmen einer Lesung. Mit Hilfe von Videos und Fotos aus prominenten TV-Serien und seinem Arbeitsgebiet zeigte der Forensiker die Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit.

Um es kurz zu machen: Nach einer halben Stunde Vortrag wurde es einem Besucher der Veranstaltung schlecht. Die Angehörigen der Feuerwehr und der Stadtwerke kümmerten sich sofort um den Mann, schnell wurde auch ein Arzt gefunden. In wenigen Augenblicken war die Unterbrechung vorbei, von denen die meisten der knapp 450 Besucher des Abends noch nicht einmal etwas mitbekommen haben dürften. Dennoch sei von dieser Stelle dem Betroffenen alles Gute gewünscht, und natürlich, bei Bedarf, gute Besserung.

Michael Tsokos sagt zu Beginn, dass so etwas passieren könnte. Schließlich zeigt er in seiner 90-minütigen True Crime-Show auch explizite Bilder aus seinem Arbeitsalltag. Doch liegt bei denen der Schwerpunkt auf Authentizität, nicht auf Grusel oder gar Horror. So war die ältere Dame, die jüngst in Hamburg medizinische Hilfe benötigte, nicht wegen der Ausführungen Michael Tsokos einer Ohnmacht nahe, sondern weil sie noch an den Folgen einer Zahnwurzelbehandlung laborierte. Auch ihr konnte schnell geholfen werden.

Denn Spannung, gar eine, die einen Arzt auf den Plan ruft, lässt sich mit einem populär-wissenschaftlichen Vortrag nur schwer aufbauen. Dieses Kunststück gelingt auch einem Tausendsassa wie Michael Tsokos nicht, der sonst auf allen Gebieten, auf und in die er sich begibt, zu reüssieren vermag. Zum Beispiel als Schriftsteller. Hier stand sein Name zuletzt noch gleich groß wie der von Buddy und Co-Autor Sebastian Fitzek bei „Abgeschnitten“ auf dem Cover. Als Sachbuchautor war er zudem erfolgreich in Single-Mission unterwegs. Jetzt, bei „Zerschunden“, prangt allein sein Name auf dem Titel; Kollege Andreas Gößling hat es nur auf Seite 3 geschafft.

Doch sei es drum. Michael Tsokos sitzt nicht auf dem Podium, um nur ein paar Passagen aus seinem neuen Buch vorzutragen. Ihm geht es darum, die Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit aufzuzeigen. Auf der einen Seite die Arbeit eines Rechtsmediziners in Deutschland, mit all seiner Einbindung in die Strafprozessordnung, auf der anderen die Hochglanz-Ermittlungen diverser Krimi- und Profiler-Serien im Fernsehen. „Zerschunden“ bewegt sich eher zwischen diesen Polen, sein Vortrag tendiert dagegen deutlich zur Realität. Anders ausgedrückt: mehr BBC denn HBO.

So entsteht ein wenig der Eindruck einer Chimäre. Zum einen erklärt Tsokos routiniert, wie Rechtsmediziner vorgehen. So erfährt und sieht der Besucher der Show wirklich viel Interessantes; er hört von röntgendichten Fremdkörpern oder postmortaler Computertomographie, von DNA-Wischspuren und Haplotyp-Analyse, er schaut gar in eine fahrende Folterkammer. Dazu gibt es Ausschnitte aus „CSI Miami“, „Sleepy Hollow“ und „Die letzte Instanz“ (letzteres für den regelmäßigen Herbstleser von besonderem Reiz, geben sich doch mit Jan-Josef Liefers als Anwalt und Udo Samel als Opfer auf dem Seziertisch alte Bekannte des Festivals die Ehre).

Doch die Abschnitte aus „Zerschunden“, die Michael Tsokos dazwischen vorträgt, mögen nicht recht passen, obwohl doch das, was im Buch geschieht, gerade erklärt wurde. Ein dramaturgischer Fehlgriff? Das klingt zu hart. Aber die Spannung, die der Thriller eigentlich erzeugen soll, bleibt so auf der Strecke. Sonst bräuchte der Autor auch nicht vor der vorletzten Passage sein eigenes Werk kommentieren: „Jetzt nimmt das Tempo zu“.

Natürlich wird am Ende nicht verraten, wie die Geschichte ausgeht. Das zählt zum kleinen Marketing-Einmaleins. Da drehen Michael Tsokos und sein Verlag an einem viel größeren Rad. Man muss wohl kein Prophet sein, um „Zerschunden“ eine TV-Zukunft vorherzusagen. Zunächst können sich alle Fans des Autors und seines Helden Fred Abel auf zwei weitere Bücher freuen.

So lange wollen viele Besucher nicht warten. Sie holen sich gleich eine Unterschrift in ihr Exemplar von „Zerschunden“. Die Schlange, die sich vor dem Signiertisch von Michael Tsokos aufbaut, kann sich mehr als sehen lassen. Also: Alles richtig gemacht.

Michael Tsokos im Atrium der Stadtwerke

Fotos: Holger John, Uwe-Jens Igel

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