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Erfurter Herbstlese
Es lebe die Erfurter Herbstlese!
Aug. 27 2020

Die Herbstlese-Sommerbühne präsentiert DEFA-Film von 1969

Zeit zu sehen, Zeit zu verstehen

Der Sohn des Protagonisten, Sergej Lochthofen, erklärte Hintergründe zu Zeit und Entstehungsgeschichte des Films.
Der Sohn des Protagonisten, Sergej Lochthofen, erklärte Hintergründe zu Zeit und Entstehungsgeschichte des Films.

Von Sigurd Schwager

Zu anregenden Herbstlese-Stunden gehört oft auch ein Gefühl von Kino. Von Kopfkino, das die Fantasie beflügelt. An diesem Sonntagvormittag auf der Sommerbühne können die Gedanken ausgiebig fliegen, denn das Kopfkino holt sich seine Bilder direkt von der Leinwand im Haus am Breitstrom. Dort ist Kino in den Farben der DDR und in den gestalterischen Grenzen von 1969 zu besichtigen. Hergestellt in Totalvision auf Orwo-Color.

Doch die halbhundertjährige sozialistische optimistische Tragödie muss noch etwas warten. Vor dem zahlreich erschienenen Matinee-Publikum erinnert Herbstlese-Programmchefin Monika Rettig zunächst an die im Vormonat beendete Ausstellung „Drehort Thüringen: DEFA-Produktionen 1946-1992“ im Dacherödschen Haus. Die Schau hinterlässt nicht nur einen bleibenden Eindruck, sondern auch ein informatives Begleitbuch des Kurators Michael Grisko. Der Kulturwissenschaftler nimmt in Erfurt im Sonntagskino-Vorprogramm die eher ältere Zuhörerschaft mit auf eine Zeitreise entlang des DEFA-Schaffens.

Rund 700 Spiel-, 450 Kurz-, 950 Animations- und 2000 Dokumentarfilme entstehen, etwa 900 haben einen Bezug zu Thüringen. Wenn Grisko erzählt, viele Zahlen, Titel, Namen und Orte nennt, läuft das Kopfkino im Saal auf Hochtouren. „Das kalte Herz“ im Thüringer Wald und der Buchenwald-Film „Nackt unter Wölfen“, „Die Flucht“ in Erfurt, „Lotte in Weimar“ oder „Alfons Zitterbacke“ in Jena. Insgesamt 27 in Thüringen gedrehte Spielfilme werden im Buch vorgestellt.
Darunter befindet sich natürlich auch der Sommerbühnen-Film des Tages, der so viele Leute weg vom Sonntagsfrühstück in die Aula des Ratsgymnasiums gelockt hat: „Zeit zu leben“.

Regisseur und Drehbuchautor ist Helmut Seemann, damals ein junger Mann von Anfang 30. Der Film, der im Herbst 1969 als Beitrag zum 20. Jahrestag der DDR in die Kinos kommt und es auf zwei Millionen Besucher bringt, handelt von einem Widerstandskämpfer und Kommunisten, dem nur noch wenig Zeit zu leben bleibt. Das Herz! Dennoch übernimmt er einen verschuldeten Großbetrieb und führt ihn aus den Misswirtschaftstiefen zu Weltmarkthöhen.

Vorbild für den Filmhelden Lorenz Reger ist der Widerstandskämpfer und Kommunist Lorenz Lochthofen (1907-1989), der in den 1960er Jahren das Büromaschinenwerks in Sömmerda sowie die VVB Datenverarbeitungs- und Büromaschinen Erfurt leitet. Michael Grisko bittet Lochthofens Sohn Sergej zum Gespräch über Film und Wirklichkeit auf die Bühne. Sergej Lochthofen, langjähriger Chefredakteur der „Thüringer Allgemeine“, hat in seinem Buch „Schwarzes Eis“ ausführlich vom Leben seines Vaters und der Familie erzählt. Man darf sicher sein, dass viele im Saal es gelesen haben.

Für das Zustandekommen des Films gilt Lochthofens ausdrücklicher Dank dem Weimarer Schriftsteller Wolfgang Held (1930-2014). Von ihm, einst mehrere Jahre Betreuer des Zirkels schreibender Arbeiter in Sömmerda, stammt das Szenarium. Viele Figuren, bestätigt Lochthofen, sind durchaus der Realität entnommen, beim Haupthelden Lorenz Reger ist allerdings eine Lebenslinie für den Film gravierend verändert worden. Dass der Kommunist Lorenz Lochthofen 1937 als Opfer von Stalins Terror in Workuta im Arbeitslager landet und erst 1958 mit der Familie in die DDR ausreist - davon kein Wort im Film.

Buchwald statt Workuta. Anders, sagt Sergej Lochthofen, wäre der Film damals nicht möglich gewesen. Es ist die eiserne Zeit, in der sowjetische Panzer den Prager Frühling niederwalzen. Zudem darf im Film-Abspann ein Name nicht auftauchen, nämlich der des Dramaturgen: Walter Janka, Kommunist, Spanien-Kämpfer, KZ-Häftling und in der jungen DDR Leiter des Aufbau-Verlages. Mitte der 50er Jahre wird er in einem Schauprozess als angeblicher Konterrevolutionär zu mehrjähriger Haft verurteilt. Nach der Entlassung hat er irgendwann wieder Arbeit, findet aber als Person öffentlich nicht statt.
Dann sind in Erfurt der Worte genug gewechselt. Die Vorhänge werden geschlossen. Der Film beginnt. Wie wirkt ein Werk mehr als 50 Jahre nach seiner Entstehung? Dem Berichterstatter geht es wie den meisten, die sich „Zeit zu leben“ und „Suse, liebe Suse“ im DVD-Doppelpack gekauft und nach Ansicht ihre Kritik ins Netz gestellt haben: Der Eindruck ist ein zwiespältiger. „Eine geträumte DDR“, „ein DDR-Werbefilm“, „unfreiwillig komisch“ oder „DDR-Nostalgiker dürfen hier gern zugreifen“ – so urteilen die einen. Anderen gilt der Film als „sehenswertes Plädoyer für eine bessere Zeit“. Sie loben die „ungewöhnlich offenen Töne“ und die „ungeschminkten Einblicke in den sozialistischen Produktionsalltag“.

Der Berichterstatter sieht viel Pathos bis hin zum Kitsch, große Gefühle und Gestelztes, Humorvolles und Albernes, Glück und Tragik. Und die Musik spielt dazu die Theo Schumann Combo. Der Film bietet das komplette Paket und erfreut bei alledem durch Abwesenheit von Langeweile. Man wundert sich, dass die 100 Minuten so schnell vergangen sind. Das hat wohl mit der künstlerischen Qualität der Beteiligten zu tun: Der Regisseur Horst Seemann, der später mit Filmen wie „Beethoven“, „Levins Mühle“ und „Ärztinnen“ auf sich aufmerksam machen wird. Der renommierte Kameramann Helmut Bergmann, dessen jüngerer Bruder Werner bei Konrad Wolf an der Kamera brilliert. Der Hauptdarsteller Leon Niemczyk, ein Schauspielstar aus Polen, den die Welt aus Polanskis „Messer im Wasser“ und „Die Kreuzritter“ kennt. Ihm leiht in „Zeit zu leben“ Otto Mellies die deutsche Synchronstimme.

Überhaupt die Schauspieler! Es scheint so, als laufe die halbe DEFA und das halbe Fernsehen unentwegt durch die Szenerie. Ein bekanntes Gesicht folgt dem anderen. Die wunderbare Jutta Hoffmann zeigt ihr großes Talent und Traudl Kulikowsky ihre Jugendlichkeit. Wir begegnen Jürgen Hentsch und Fred Delmare, Dieter Wien und Werner Lierck, Mathilde Danegger und Carmen-Maja Antoni, Gudrun Ritter und Karin Gregorek, Erik S. Klein und Jürgen Frohriep, Dieter Montag und Erik Veldre.

Auf den Bildern aus der Region, aus Erfurt, Weimar und Sömmerda, entdeckt man auch bekannte heimische Mimen, Linde Sommer, Renate Hundertmark und Manfred Heine...
Das eingangs erwähnte Kopfkino hat gut zu tun. Es erinnert daran, dass der 2000 verstorbene Horst Seemann mit der Wende von der künstlerischen Bühne verschwindet und es dem noch viel bekannteren Jürgen Frohriep fast ähnlich geht. Man denkt an Jutta Hoffmanns großartige Filme und ihren Weggang aus der DDR. Auch Traudl Kulikowsky verlässt das Land. Nach der Wende stellt sich heraus: Bevor die Stasi sie kritisch beobachtet, hat sie selbst über ein Jahrzehnt als IM Künstlerkollegen bespitzelt.

Andere Akteure von 1969 sind bis heute vor allem in Fernsehfilmen und -serien präsent. Ein besonders umtriebiger Fall bleibt bis 2005 der gebürtige Thüringer Delmare. Bei all seinen Filmen und Serien verliert man leicht den Überblick. Doch auch er lebt nicht nur auf der Sonnenseite. Familiäre Tragödien überschatten die Karriere. Und nicht zuletzt Walter Janka (1914-1994). Seine Memoiren „Schwierigkeiten mit der Wahrheit“ erscheinen im Oktober 1989 bei Rowohlt. Wenig später, im Januar 1990, hebt das Oberste Gericht der DDR das Urteil von 1957 auf. Was für ein dramatisches und filmreifes Leben.

Sommerbühnen-Kino-Fazit: Mit „Zeit zu leben“ Zeit zu sehen und Zeit zu verstehen, das kann eine höchst anregende Sonntagsbeschäftigung sein.

"Zeit zu leben"

Fotos: Kathleen Kröger

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