Erfurter Herbstlese

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April 21 2015

Fortsetzung des Gesprächs mit Landolf Scherzer

„Als Ministerpräsident musst du das machen“

Zum Welttag des Buches ist der Südthüringer Schriftsteller bei einem Werkstattgespräch zu seinem neuen Buch "Der Rote" zu erleben. Mit dabei: Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow, einer der Hauptakteure der Langzeit-Reportage.
Zum Welttag des Buches ist der Südthüringer Schriftsteller bei einem Werkstattgespräch zu seinem neuen Buch "Der Rote" zu erleben. Mit dabei: Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow, einer der Hauptakteure der Langzeit-Reportage.

Nun hat der Autor Scherzer schon einige Bücher geschrieben . . .

 

. . . es sind über 20, natürlich „Der Erste“, „Der Zweite“ und „Der Letzte“, allein das sind über 25 Jahre deutsche Geschichte  . . .

 

. . . in deren Tradition der Langzeit-Reportage „Der Rote“ steht. Wie schwer fällt Ihnen dieses Buch im Vergleich zu seinen Vorgängern?

 

Das ist etwas ganz anderes. Heute ist es schwieriger. Klar, als ich über den 1. Sekretär der Kreisleitung in Bad Salzungen schreiben wollte, musste ich acht Jahre warten. Erst musste die Perestroika Gorbatschows kommen, ehe ich 1988 beginnen konnte. Aber ich war dann immer an der Seite von Hans-Dieter Fritschler, sechs Woche lang – mit einer Ausnahme: an die Grenze durfte ich nicht mit. Ich habe alle Probleme mitbekommen, und das waren alles Probleme, die ich kannte aus der Alltäglichkeit der DDR; über die konnte ich schreiben. Ich brauchte keine politischen Statements zu übernehmen, außer, dass er sich Zweifel leisten können möchte, auch als Genosse. Was damals gut und wichtig war.

 

Und heute?

 

Heute ist das Beschreiben des Drumherums fast interessanter, als mit einem Regierungsmitglied herumzulaufen. Der 1. Sekretär hatte damals nichts zu verbergen. Er hatte seine eine große Lüge, alles andere darum war die Realität. Heute hast du den Pluralismus von 100 verschiedenen Dingen, der Minister sagt also, jetzt muss ich mal so reagieren und morgen so. Das ist sicher notwendig, aber ich durchschaue das nicht. Ich komme einfach nicht hinterher, wie die Dinge wirklich laufen. Ich rede jetzt nicht vom Landtag, wo du vorher schon weißt, wie alles abläuft.

 

Es gab also keine größeren Erkenntnisse?

 

Doch. Ich habe manchmal bei den Abgeordneten fünf, sechs Wochen gebraucht, ein „Zeitfenster“ zu finden. Die sind wirklich alle von früh bis abends unterwegs und haben irgendwelche Termine. Da kannst du sie richtig bedauern. Die Frage ist nur – und da kannst du lange recherchieren, um da dahinterzukommen –, welche von diesen Terminen sind wirklich nötig und bringen etwas für gesellschaftliche Veränderungen zum Beispiel durch neue Gesetze. Und welche davon sind nur Blabla und Erscheinungstermine.

Ist denn das aktuelle Buch nicht immer das schwierigste?

 

Ich bin nach Wochen aus Griechenland oder China zurückgekommen und wusste, da kann ich jetzt einen Strich machen und darüber schreiben. Dann setzt du dich hin, und schreibst und quälst dich damit. Jetzt quäle ich mich schon mit dem Strich ziehen, weil ich die Möglichkeit habe, weiter zu fragen. Das kannst du nicht, wenn es um Griechenland geht; wenn du vergessen hast, den Popen etwas zu fragen, kannst du nicht einfach noch einmal bei ihm vorbeischauen. In Thüringen denke ich, na vielleicht bekommst du noch ein Zeitfenster, weil ich fühle, dass ich noch so viel Fragen habe.

 

Woran fehlt es denn noch?

 

Ich war zum Beispiel mit den Ministern bei NoSügida, dem Protest gegen den Pegida-Ableger in Südthüringen. Ich will natürlich versuchen auch mit denen zu sprechen, die da bei Sügida mitgelaufen sind, mit diesen älteren Leuten. Oder mit den Sternsingern, die Bodo Ramelow in der Staatskanzlei empfangen hat, über ihre Problem mit der Schule oder den Eltern. Mit dem Banker, der mit den Kommunen in Windkraft investieren will, damit das Geld im Dorf bleibt. Oder mit den Obdachlosen, die ich Weihnachten im Restaurant des Herzens in Erfurt getroffen habe.

 

Auch einer der ersten Termine des Regierungschefs . . .

 

. . . und ein ganz spannender, weil da Menschen hingehen, die nichts, aber auch gar nichts mehr haben. Auch weil Bodo Ramelow mir früher mal gesagt hat, er findet das Scheiße, wenn Politiker, die sich sonst nicht kümmern, zu Weihnachten in der Suppenküche Essen austeilen – aber als Ministerpräsident musst du das machen.

 

Wie lautet also Landolf Scherzers erstes Fazit der rot-rot-grünen Regierung in Thüringen?

 

Da ist – auch für mich als Linken – auf der einen Seite, dass Hoffnung geweckt wird mit diesem Neuen, das versucht werden soll, und auf der anderen Seite das Wissen darum, in der Realität anzukommen. Das gilt es auszubalancieren und die Dinge an der einen oder anderen Stelle zum Guten zu wenden. Die Euphorie, dass man sagt, mit einer linken Regierung sind die Dinge grundsätzlich oder sehr, sehr anders zu machen, teile ich so nicht, da bin ich inzwischen anderer Meinung.

 

Was bleibt dieser Regierung also zu tun?

 

Ehrlich zu arbeiten. Auf Augenhöhe ein neues Miteinander versuchen. Die Einsicht in die ökonomisch-gesellschaftlichen Notwendigkeiten und die Frage der Finanzierbarkeit – das ist das Spannungsfeld, in dem sich das Ganze bewegen muss. Dazu kommt die Frage, wie man mit der Verwaltung umgeht, also den Menschen in den Büros der Ministerien.

 

Ein Thüringer Beamter hat ja gerade geklagt, dass er aus Gewissensgründen nicht unter einem linken obersten Dienstherren Bodo Ramelow arbeiten könne und deshalb in den Ruhestand versetzt werden müsse . . .

 

. . . bei vollen Bezügen versteht sich! Das ist das zweite Spannungsfeld. Ich habe mich mit Bodo Ramelows Sekretärin unterhalten. Er ist bereits ihr vierter Ministerpräsident. Sie hat mir erklärt, wie sie früher die Post sortiert hat und wie sie es heute tut. So groß sind die Unterschiede nicht. Ob sich die gesellschaftlichen Realitäten oder andere Dinge eher ändern lassen, weil man dorthin jemanden mit linkem Parteibuch setzt, das weiß ich nicht zu sagen.

 

Teil 1 des Gesprächs: „Der Rote ist ein Bunter“

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