Erfurter Herbstlese

Es lebe die Erfurter Herbstlese!
Nov. 08 2016

Von der Talkshow zur Erfurter Herbstlese: Wolfgang Bosbach spricht im Atrium der Stadtwerke

Der Abschied eines Politikers, den man vermissen wird

Von Anne Will zur Herbstlese: Wolfgang Bosbach zählt ohne Zweifel zu Deutschlands sichtbarsten Politikern.
Von Anne Will zur Herbstlese: Wolfgang Bosbach zählt ohne Zweifel zu Deutschlands sichtbarsten Politikern.

Von Sigurd Schwager

Ausverkauft! Natürlich ausverkauft! Schließlich kommt mit Wolfgang Bosbach einer der bekanntesten Politiker des Landes nach Erfurt. Die Bekanntheit hat Gründe. Keiner wird häufiger als er in die großen politischen Fernseh-Talkshows eingeladen. Seit Jahren geht das so. Da kann allenfalls noch Sahra Wagenknecht mithalten.

Aber nicht nur für Illner, Maischberger, Will oder Plasberg ist Wolfgang Bosbach ein Top-Gast, auch Böhmermann und Welke buhlen um ihn. Dabei stehen doch TV-Dauergäste gemeinhin eher für Langeweile und Ödnis auf dem Bildschirm. Alles schon mal gesehen. Alles schon mal gehört.

Nicht so der „Mister Talkshow“, der allgegenwärtige Bosbach. Er löst keinen blitzschnellen Griff zur Fernbedienung aus, nicht mal ein seufzendes „der schon-wieder!". Weil man eben aus Erfahrung weiß: Der hält mit seiner Meinung nicht hinterm Berg und sogar an ihr fest, der stürzt sich mit Freude ins Debattengetümmel, der vermag sich klar und verständlich auszudrücken. Und der verfügt als rheinische Frohnatur über ein nicht unbeträchtliches Maß an Unterhaltsamkeit.

Nun ist Wolfgang Bosbach, der langjährige stellvertretende Vorsitzende der CDU-Bundestagsfraktion und Chef des Innenausschusses des Bundestages, gewissermaßen auf Abschiedstournee. Den im Sommer angekündigten Rückzug aus dem Tagesgeschäft begleitet sein „Endspurt“ genanntes Buch, das er auch zur Erfurter Herbstlese vorstellt. Es ist die Essenz vieler Gespräche zwischen ihm und dem Journalisten Hugo Müller-Vogg. Den Abend im Atrium der Stadtwerke moderiert ebenso unaufdringlich wie souverän Hanno Müller, der bereits in einem Interview der „Thüringer Allgemeinen“ den CDU-Politiker zu seinem Buch befragt hatte.

Der Titel „Endspurt“, sagt Wolfgang Bosbach, enthalte zwei Botschaften. Zum einen, dass er nicht mehr für den Deutschen Bundestag kandidieren werde und er daher in die Schlussrunde seiner politischen Arbeit gehe. Zum anderen werde er bis zum letzten Tag sein Bestes geben. Das kenne jeder Sportler. Endspurt bedeute: Zum Schluss strenge man sich noch einmal ganz besonders an. Bis zum letzten Tag sein Bestes geben.

Bereits am Vorabend der Herbstlese-Veranstaltung ging es wieder einmal genau darum. Nach dem Sonntags-Tatort greift Anne Will dessen brisantes Thema auf und sucht nach Gründen, warum junge Menschen in Deutschland dem Islamismus verfallen. In der Runde sitzt der wie immer extrem engagierte Wolfgang Bosbach – nicht weit entfernt von einer vollverschleierten Muslima aus der Schweiz. Deren Äußerungen hallen am Ende der hitzigen Diskussion öffentlich nach. Die ARD-Runde, so lautet später die harsche Kritik, habe dem radikalen Islam, der Verharmlosung des IS-Terrors, eine Bühne geboten.

Auf die Frage, warum er nicht einfach aufgestanden und gegangen sei, antwortet Wolfgang Bosbach in Erfurt: Wer gehe, der nehme sich selber die Chance, dagegen zu halten. Auch wenn es schwerfalle, sitzen zu bleiben und zu argumentieren, sei dies die bessere Form des Protestes. Wer das Studio verlässt, habe schon verloren.

Das Publikum im Atrium applaudiert. Überhaupt gibt es immer wieder Zwischenbeifall, obwohl hier keineswegs eine Art CDU-Heimspiel stattfindet. Man merkt: Dieser Mann, dem Journalisten das Etikett Nervensäge und Quälgeist von Angela Merkel angehängt haben, weicht keiner Frage aus. Es wird ein angenehm offenes Gespräch.

Herz, Schrittmacher, Defibrillator. Krebs. Operationen. Wolfgang Bosbach redet gleich zu Beginn ohne Scheu von seinen Krankheiten. Nein, er lasse sich nicht unterkriegen, und ja, er sei trotzdem ein rundum zufriedener und glücklicher Mensch.

Der weitere Verlauf des Abends spiegelt in seiner Themenvielfalt die Unterzeile des „Endspurt“-Buches: Wie Politik tatsächlich ist - und wie sie sein sollte. Viel Raum nehmen das Anne Will-Thema und die Flüchtlingsströme ein. Wir müssen versuchen, sagt der Politiker Bosbach, Maß und Mitte zu halten und gleichzeitig unser Land sicherer zu machen. „Wir müssen wissen, wer in unser Land kommt!“

Beifall folgt auf diesen Satz und auch auf jenen, den nicht jeder teilen wird: Dass für ihn der Ruf des Muezzins und der Islam nicht zu Deutschland gehöre.

Die Bundeskanzlerin kommt ausführlich vor, über die er, Person und Sache trennend, respektvoll und zugleich distanziert spricht. Der ihn 2011 sprachlos machende Satz des Parteifreundes Pofalla „Ich kann deine Fresse nicht mehr sehen“ darf nicht fehlen und auch nicht das Abkanzeln durch Generalsekretär Tauber. Es geht um Rot-Rot-Grün und CSU, die Gauck-Nachfolge, Hillary Clinton und Trump - das volle Programm.

Herzerwärmend erzählt Wolfgang Bosbach, der auch gut Selbstironie kann, von der Familie, den Eltern, der Schwester, der Frau, den Töchtern, der Schwiegermutter. Fröhlich weist er einmal den Moderator gestreng in die rheinländischen Schranken: Man könne über alles Scherze machen - aber bitte nicht über den Karneval! Starker Applaus.

Dann signiert Wolfgang Bosbach sein Buch, das mit dem Satz endet: „Wenn ich den Deutschen Bundestag verlasse, gehe ich nicht zur politischen Konkurrenz, sondern einfach nach Hause.“

Man wird diesen Politiker vermissen.  

Wolfgang Bosbach im Atrium der Stadtwerke

Fotos: Holger John

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