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Erfurter Herbstlese
Es lebe die Erfurter Herbstlese!
März 26 2019

Der Ärzte-Drummer stellt seinen Roman „Scharnow“ im Gewerkschaftshaus vor

Der doppelte Bela B

Bela B ist Schlagzeuger, Gitarrist, Sänger, Songwriter, Komponist, Schauspieler, Synchron-und Hörbuchsprecher, Drehbuch- und Kurzgeschichtenautor, Radio-Moderator sowie Comicbuch-Verleger - und jetzt auch Romancier.
Bela B ist Schlagzeuger, Gitarrist, Sänger, Songwriter, Komponist, Schauspieler, Synchron-und Hörbuchsprecher, Drehbuch- und Kurzgeschichtenautor, Radio-Moderator sowie Comicbuch-Verleger - und jetzt auch Romancier.

Von Sigurd Schwager

Glänzendes Gefieder, formvollendeter Auftritt, begabter Sänger: Nein, ein Allerweltsvogel ist der Star wirklich nicht. Ein Multitalent, obendrein geschätzt und besungen als Bote des Frühlings. Auch die Erfurter Frühlingslese hat ihren Star, ihren schillernden Überflieger, den sie zum Frühlingsanfang 2019 im alten Gewerkschaftshaus am Juri- Gagarin-Ring präsentiert.

Schon vor dem Beginn der Lesung kann man spüren, wie sich Starkult anfühlt und anhört. Erwartungsfrohe Spannung baut sich auf, weht halblaut durch den Saal und wird beim Erscheinen des Mannes zu einem Sturm der Begeisterung. Statt auf einem Bücherabend wähnt man sich bei einem Rockkonzert. Und irgendwie stimmt das ja auch. Denn hier jubelt keine Heerschar von Bibliomanen dem Dichter Dirk Albert Felsenheimer zu, der im zarten Alter von 56 Jahren seinen ersten Roman veröffentlicht. Sondern es verneigt sich lautstark die Thüringer Fangemeinde vor Bela B, dem Rockstar, dem Mitglied der Band „Die Ärzte“, die zu den wichtigsten und erfolgreichsten Gruppen der deutschen Rockmusikgeschichte gehört.

Natürlich ist der Auftritt des Ärzte-Drummers, der als Buchautor wohl nicht zufällig Bela B Felsenheimer heißt, ausverkauft. So ausverkauft, dass auf die 18-Uhr-Lesung noch eine zweite, ebenfalls ausverkaufte um 21 Uhr folgt. Hätte es noch eine dritte, eine Mitternachtslesung, gegeben, so wäre auch diese ganz gewiss ausverkauft gewesen. So geht das die ganze Tour. Auftakt in Dresden, dann Halle und Leipzig: jeweils zwei Veranstaltungen am Abend, immer volles Haus. Erfurt erlebt die Lesungen sieben und acht. 19 werden noch bis zum Finale in Hamburg folgen.

Wobei: Lesung ist eine höchst unvollkommene Beschreibung dessen, was Bela B treibt. Dieser Star wäre als Multitalent (Schlagzeuger, Gitarrist, Sänger, Songwriter, Komponist, Schauspieler, Synchron-und Hörbuchsprecher, Drehbuch- und Kurzgeschichtenautor, Radio-Moderator und Comicbuch-Verleger) mit reinem Vorlesen unterfordert. Der späte Romancier kommt mit Morgenmantel über dem Schlafanzug und in Schlappen auf die Bühne. Auf einer großen Leinwand neben ihm sieht man eine Zeichnung von Scharnow, jenem Ort, der den Titel für das Buch stiftet.

Scharnow, erzählt Bela B, sei ein Dorf nördlich von Berlin, wo, wie sich später noch zeigen werde, der Hund nur scheinbar begraben liege. Worum es in Scharnow gehe? Diese Frage sagt der Autor, sei schwer zu beantworten. Kein Wunder bei der Vielzahl der Akteure. Allein für das Verzeichnis der Personen benötigt ihr Schöpfer fünfeinhalb Buchseiten. Noch schwieriger gestaltet sich der Versuch, die Handlung in wenigen Worten zu skizzieren.

Daran scheitern auch zahlreiche, dem Werk wohlgesonnene Literaturkritiker. Der Roman, heißt es in einer Rezension, gleiche einer absurden Lindenstraße mit Splatter-Elementen. Man begegne knapp 40 Figuren: Während man die Gehirnwindungen der einen bis aufs Klo verfolge, hätten manch andere nur einen kleinen Gastauftritt. Es tummelten sich fliegende Menschen, schießende Verschwörungstheoretiker, Pornodarsteller und -gucker, Alkoholiker, ein mordendes Buch, nackte Räuber, Telepathen, Flüchtlinge. Am Ende hänge natürlich alles irgendwie zusammen. Und immer laufe Rex Gildos „Fiesta Mexicana“.

Man merkt, schreibt ein anderer, wie Bela B sich einerseits bemühe, die deutsche Provinz in ihrer ganzen realistischen Tristesse abzubilden, ihr andererseits aber eine eigene, skurrile Note zu geben. An Einfällen jedenfalls mangele es ihm nicht, er habe Sinn für Klamauk, Action und Absurditäten.  Dem Vergnügen bei der Lektüre dieses Buches habe der dünne Erzählfaden keinen Abbruch getan. Auch B-Movies schaue man sich ja schließlich nicht an, weil sie eine schöne, nachvollziehbare Geschichte erzählen, gar neue Erkenntnisse lieferten. Und besser schreiben als viele seiner Pop-Kollegen, die seit einigen Jahren als Buchautoren hervortreten, könne Bela B Felsenheimer allemal.

All das und noch viel mehr findet in Erfurt beim Verfolgen des Geschehens auf der Bühne seine Bestätigung. Lesen, erklären, plaudern, Comics zeigen, spielen - Die Inszenierung funktioniert, Grenzen sind fließend. Gepflegte Anarchie. Es darf viel gelacht werden, und es wird viel gelacht. Sozusagen: Lachen, bis die Ärzte kommen.

Davor, dazwischen und danach stellt Bela B aus Korn und Fanta "Mische" her, ein Lieblingsgetränk seiner Buchhelden, und lässt die vollen Gläser durch die Besucherreihen im Saal wandern. Der Berichterstatter erinnert sich dabei gern an die legendären Auftritte „Harry Rowohlt liest und trinkt“, die nun eine nette Variation erfahren: „Bela B liest und lässt trinken“. Das Publikum animiert zu „Trinken gegen Rechts!“ Nebenher bekommt auch Björn Höcke sein Fett weg.

Nach knapp anderthalb Stunden dann der Abgang. Pfiffe, Jubel, Beifall begleiten ihn und begrüßen ihn bei der Rückkehr zur Zugabe. Er nimmt das Publikum mit ins Netz, wo Leser „Scharnow“ bewertet haben. 4,5 von 5 Punkten lautet das bisherige Ergebnis, das dem Urteil einiger Berufskritiker ziemlich nah kommt. Andere wie Denis Scheck („eher eine Freak Show als ein Roman“) sind etwas strenger, neigen den Daumen zur Seite.

Bela B liest in Erfurt eine 5-Sterne-Amazon-Kundenrezension mit dem Titel „knorke Produkt“ vor. Schrägschöner hätte sie der Dichter selbst kaum verfassen können: „Das frisch erschienene Werk (Debüt) von Bela B Felsenheimer überzeugt in vielerlei Hinsicht. Durch seine praktischen Maße und das angenehme Gewicht verfügt es über eine 1A-Haptik und macht sowohl auf dem Kaffeetisch als auch im Regal eine super Figur. Die postapokalyptisch anmutende komplementäre Farbharmonie des Coverdesigns spricht in Verbindung mit dem fliegenden Männeken sowohl Fernreisende als auch Daheimgebliebene auf stilvolle Weise an.

Wie in den Produktabbildungen weiter oben dargestellt, empfehle ich den Erwerb von 3-4 Exemplaren. 3 fürs Regal und eines für den Nachttisch oder die Schmökerecke. Bewundernde Ausrufe erstaunter Besucher wie ‚Ah, du hast auch schon die neue Scharnow-Trilogie!‘ werden dann keine Seltenheit sein. Einen Kritikpunkt muss sich das Buch allerdings gefallen lassen: der schwarz eingefärbte Buchschnitt! Fast könnte man meinen, man hielte eine dieser Fake-Hüllen in der Hand, mit denen einst in der Anbauwand ganze Kollektionen von VHS-Kassetten als Bücher getarnt wurden, nun ja. Zum Inhalt wurde bereits eine Menge gesagt, weswegen ich an dieser Stelle niemanden länger auf die Folter spannen möchte. Diesen kann man übrigens auch bequem als E-Book herunterladen.“

Hernach erfreut Bela B vor dem finalen Jubel noch mit einer genüsslich gelesenen pechschwarzen Szene, in der ein Buch seinen Kritiker angreift und mordet.

Während sich das überwiegend recht junge Publikum fröhlich gestimmt und oft mit signiertem Buch oder Hörbuch in der Hand auf den Heimweg begibt, wartet auf Bela B Felsenheimer, den Neuen in der Riege der deutschen Bestseller-Autoren, einen zweite Erfurter Halbzeit, die ab 21 Uhr Geist und Physis noch einmal fordern wird. Was der neuen deutschen Fußball-Nationalmannschaft im Frühling noch nicht gelingt, schafft der bühnenerfahrene Bela B zur Frühlingslese spielend: zwei gleichermaßen starke Auftritte.

Bela B Felsenheimer im Gewerkschaftshaus

Fotos: Uwe-Jens Igel

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