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April 17 2015

Friedrich Schorlemmer und Gregor Gysi erzählen auch in Thüringen Hans-Dieter Schütt „Was bleiben wird“

Genuss kommt von Genossen

Drei Herren im Kaisersaal: Gregor Gysi, Hans-Dieter Schütt und Friedrich Schorlemmer
Drei Herren im Kaisersaal: Gregor Gysi, Hans-Dieter Schütt und Friedrich Schorlemmer

Wo kommen wir her und wo gehen wir hin? Wer prägt uns, von wem müssen wir uns abnabeln? In welchem Land lebten wir einst und leben wir jetzt? Fragen, die sich zwei stellten, die oft im Licht der Öffentlichkeit stehen und deren Biographien bis ins Detail bekannt sind: Gregor Gysi und Friedrich Schorlemmer. Zwei Tage haben sie sich zusammengesetzt und geredet, aufgeschrieben hat ihr Gespräch der Berliner Journalist Hans-Dieter Schütt. Jetzt gehen die drei damit auf Reisen. In Thüringen heißen ihre Stationen Nordhausen, Erfurt und Meinigen. Überall ist der Zulauf groß, warten die Menschen, bis ihnen ein größerer Raum geöffnet wird oder die Abendkasse auch noch das letzte zurückgegebene Ticket verkauft. Am Ende ist in allen drei Städten die Begeisterung über „Was bleiben wird“ groß.

Der Politiker Gysi praktiziert auch als Anwalt, der Pfarrer Schorlemmer ist zugleich Publizist. Beide Männer, den Jahren nach nur ein wenig auseinander, standen zu DDR-Zeiten wohl auf verschiedenen Seiten. Heute sind beiden Genossen, der eine bei der Linkspartei, der andere hat das Parteibuch der Sozialdemokraten, sagt Hans-Dieter Schütt einleitend mit genüsslichem Unterton. Beide Herren sind Männer der Worte. Ihnen zuzuhören, ist zumeist ein Genuss. Ein Genuss also, der von Genossen kommt.

Die Präsentation des Buches „Was bleiben wird“, die Essenz ihres zweitägigen Dialogs, zieht allein in Erfurt Hunderte in den seit langem ausverkauften Kaisersaal. Sie bekommen zunächst viel Privates zu hören: Über die Rolle der Väter für frühe Prägungen, über das Streben der Söhne nach Anerkennung und Zuneigung. Über familiäre Sitten im gutsituierten Diplomatenhaushalt der Gysis und im Pfarrhaus der Schorlemmers. Über das Angeln als Ruhepunkt und das Lesen von Gedichten, über Freunde und kritische Begleiter.

Bei jedem Blick ins Familiäre im Spiel: die gesellschaftliche Entwicklung. Vielfach ist die Rede davon, wie in der DDR die Widersprüche wuchsen und der eine zum Anwalt von Ausreisewilligen wurde und der andere zum Verweigerer des Wehrdienstes in der NVA und zum Widerständler. Wie überlebensnötig in der DDR offene Gespräche waren. „Lieber vertrauen als die Atmosphäre zu verderben“, lautet Schorlemmers Credo – trotz Bespitzelung durch die Stasi und andere Geheimdienste. „Wir wussten, welchen Anwälten im Kollegium wir vertrauen konnten“, erinnerte sich Gysi. Beide einte die Hoffnung auf eine reformierbare DDR. Beide hätten gern die Chancengleichheit für Kinder und die Gleichstellung der Geschlechter mitgenommen ins neue Deutschland.

Heute sehen sich beide im Einsatz für Gerechtigkeit, als Mahner und Fragensteller. „Kapitalismus kann keinen Frieden sichern, weil er an Kriegen zu viel verdient. Und er kann auch keine ökologische Nachhaltigkeit sichern“, findet Gysi. „Wenn die UN-Klimakonferenz in Paris scheitert, scheitert unser Planet“, sagt Schorlemmer. Mit Flüchtlingen anständig umzugehen sei wichtig, vor allem aber müssten die Ursachen von Flucht bekämpft werden, sagt Gysi. Und Schorlemmer wünscht sich einen Bundespräsidenten, der mit Putin spricht.

„Wenn wir keine andere politische Kultur bekommen, bekommen wir auch keinen Umgang miteinander“, sind sie sich einig. Dass Gespräche auf Augenhöhe eine gute Idee für jedwede Auseinandersetzung sind, beweisen sie auf der Bühne. Die zwei Genossen.

Gysi, Schütt und Schorlemmer im Erfurter Kaisersaal

Fotos: Holger John

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