Erfurter Herbstlese

Es lebe die Erfurter Herbstlese!
Nov. 30 2018

Der Tiroler Bernhard Aichner gibt sein Herbstlese-Debüt mit dem Thriller „Bösland“

Heiter gestimmt an einem mörderischen Abend

2014 gelang Bernhard Aichner mit der „Totenfrau“, dem ersten Teil der Trilogie einer mordenden Bestatterin, der Durchbruch.
2014 gelang Bernhard Aichner mit der „Totenfrau“, dem ersten Teil der Trilogie einer mordenden Bestatterin, der Durchbruch.

Von Sigurd Schwager

„Ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett...“ Mag der gute alte Bill Ramsey bis in alle Schlager-Ewigkeit klagen, die Stammkundschaft der Herbstlese dürfte Mimis Krimi-Liebe verstehen und teilen. Nicht von ungefähr sind die kriminellen Lesungen Jahr für Jahr immer wieder bestens besucht, insbesondere von der Damenwelt.

Diesmal sorgt zum Beispiel ein Autor aus Tirol für Gedränge in der Buchhandlung Hugendubel am Anger. Es ist der erste Herbstlese-Auftritt eines Mannes, den „Die Zeit“ - nicht ohne Sympathie - so beschreibt: Bernhard Aichner müsse dem Traum eines Marketingstrategen entsprungen sein. Breitschultrige Statur, kurze, leicht angegraute Haare, stets freundlich lächelnd wie ein Vorabendserien-Kinderarzt. Ein charmanter Optimist, ein perfektes Produkt, ein perfektes Image. Er sei so etwas wie die Helene Fischer unter den Bestsellerautoren.
Der Innsbrucker Bernhard Aichner eröffnet seine Erfurter Premiere tatsächlich perfekt. Erfurt, sagt er, sei wunderschön, die zweitschönste Stadt der Welt nach Innsbruck. Er blickt dabei vergnügt in die Runde, das Publikum lächelt zurück, sozusagen von Landeshauptstadt zu Landeshauptstadt.

Der Autor, geboren 1972 in Innsbruck und aufgewachsen in Sillian im Osttiroler Oberland, plaudert über seine Kindheit in unaufgeregter dörflicher Enge und die Jugend in Lienz. Schulabbrecher, Kellner, Fotolaborant, Abendschul-Abiturient, Student, Fotograf mit eigenem Atelier -  ein bewegtes Leben. Und er erzählt leidenschaftlich vom roten Lebensfaden in all den Jahren, dem Schreiben. Gedichte, Erzählungen, verschiedenste Texte.

Beim Zuhören fühlt es sich an, als säße man auf der Couch neben einem Mann, der in seinem Familienalbum blättert. Bild für Bild, Geschichte für Geschichte. Zwischendurch trägt er erbauliche Gedichte vor, die musikalisch untermalt werden, und er zitiert Fragen aus seiner Fanpost im Netz. Wann hatten Sie das erste Mal Sex? Was war die bisher schlimmste Kritik? Wollen Sie für immer und ewig Krimis schreiben? Gibt es einen Plan B ohne Leichen? Wie entspannen Sie? Haben Sie einen Hund? Natürlich gibt es dazu auch die pointierten Antworten.

So fröhlich gestimmtes Publikum hat man selten an einem mörderischen Herbstleseabend gesehen. Der Schriftsteller als Teilzeit-Komödiant. Was ein Kritiker über Aichners Bücher schreibt, gilt auch für deren Präsentation: „Er macht das, was ihm wichtig ist: Er will unterhalten, Literatur schreiben, die gelesen wird. Und er will Erfolg damit haben.“
Der charmante, selbstbewusste und bühnensichere Mitvierziger wirkt wie einer, dem das Glück spielerisch leicht zufliegt. Schön wär‘s ja, sagt er in Erfurt rückblickend. Aber der Erfolg seiner ersten sieben Bücher, darunter drei Tiroler Max-Broll-Krimis, sei überschaubar gewesen. Sein Traum, irgendwann einmal vom Schreiben leben zu können, habe sich erst 2014 durch seine Romanheldin Brünhilde Blum erfüllt. Das Publikum nickt wissend, weil belesen.

Damals gelingt Aichner mit der „Totenfrau“, dem ersten Teil der Trilogie einer mordenden Bestatterin, der Durchbruch. Eine halbe Million verkaufte Exemplare der Reihe im deutschsprachigen Raum, Spitzenplätze auf den Bestsellerlisten, renommierte Krimi-Preise, Buchausgaben in 16 Ländern, eine Fernsehserie in den USA...

Doch die Totenfrau war gestern. Jetzt ist „Bösland“, das überall sein könnte, angesagt. Wieder eine Rachegeschichte, aber stiller und mit etwas gedrosseltem Erzähltempo. Irgendwann gönnt der über sich plaudernde Autor in Erfurt der freien Rede eine Pause und liest den „Bösland“-Beginn: „Er hing an dem Gürtel, mit dem er mich immer geschlagen hat. Ich starrte sein Gesicht an, seinen offenen Mund, seine weiße Haut. Und die Hände, die still an seinen Armen herunterhingen. Da war nichts mehr, das mir Angst machte. Ich war glücklich, vielleicht zum ersten Mal in meinem Leben...“ Später folgen noch zwei weitere Passagen, die die Zuhörer in ihren Bann ziehen und Lust aufs eigene Lesen machen

Nach der Entstehung von „Bösland“ befragt, antwortet Aichner in Erfurt, dass am Anfang der Albtraum von einem mordenden Jungen stehe. Er sei nachts aufgewacht und habe den Traum aufgeschrieben. Was am Ende daraus geworden ist, fasst der Klappentext des neuen Buches zusammen: „Sommer 1987. Auf dem Dachboden eines Bauernhauses wird ein Mädchen brutal ermordet. Ein dreizehnjähriger Junge schlägt sieben Mal mit einem Golfschläger auf seine Mitschülerin ein und richtet ein Blutbad an. Dreißig Jahre lang bleibt diese Geschichte im Verborgenen, bis sie plötzlich mit voller Wucht zurückkommt und alles mit sich reißt: Der Junge von damals mordet wieder.“

Ausführlich erklärt Bernhard Aichner in Erfurt das Besondere seines neuen Romans, den stark dialogischen Charakter. Er freue sich, dass das offensichtlich gut ankomme. Wenig später hat dann auch die Lesung selbst ihren kleinen, aber feinen dialogischen Höhepunkt. Als der Autor um Fragen bittet, meldet sich eine Dame, lobt den neuen Thriller und sagt, dass sie aus Frankfurt am Main angereist sei. Nachdem ihr der schwer beeindruckte Herbstlese-Gast dafür herzlich gedankt, beendet sie ihren Satz: ...angereist, um in Erfurt den Enkel zu besuchen.

Ansonsten bleibt die Zahl der Wortmeldungen überschaubar. Gründe dafür sind weder mangelndes Interesse noch Schüchternheit. Vielmehr liegt es daran, dass sich der Autor die besten Fragen längst schon selbst gestellt und beantwortet hat.

Am Ende gibt es starken Applaus für Bernhard Aichner und sein neues Werk sowie die Ankündigung des Autors: Der nächste Thriller kommt bestimmt, im Oktober 2019.

Wer nicht so lange warten möchte, dem verspricht er für das kommende Frühjahr etwas komplett Leichenfreies. „Einen kleinen Liebesroman.“

Bernhard Aichner bei Hugendubel

Fotos: Uwe-Jens Igel

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