Erfurter Herbstlese

Es lebe die Erfurter Herbstlese!
Okt. 24 2015

Stefan Orth im Klub Franz Mehlhose

Ja, wo surfen Sie denn?

Der Autor arbeitet als Journalist bei Spiegel Online.
Der Autor arbeitet als Journalist bei Spiegel Online.

Wenn vom Iran zu hören ist, dann meistens nichts Gutes. Stichworte wie Atomprogramm, Unterstützung des Assad-Regimes oder die anhaltende Fatwa gegen Salman Rushdie, die erst vor wenigen Tagen zum Boykott der Frankfurter Buchmesse durch das offizielle Iran führte, genügen. Spätestens seit Präsident Bush Jr. steht die Islamische Republik für das Böse, dessen Achse sie mit dem Nachbarn Irak und den Nordkoreanern bilden soll.

Doch während von der Bevölkerung der anderen beiden Schurkenstaaten wenig bis gar nichts zu erfahren ist, sorgen die Nachfahren der legendären Perser immer wieder auch für gute Nachrichten; immer dann zum Beispiel, wenn einer ihrer Filmemacher allen staatlichen Repressalien zum Trotz wieder einen renommierten internationalen Preis abgeräumt hat. Oder bei Wahlen eine große Zahl der Einwohner nicht einfach alle Ideen der Mullahs absegnet.

Legendär, kann man trotz aller Abschottung des Landes immer wieder zu hören, ist zudem die Gastfreundschaft der Iraner. Im Privaten geben sie sich so, wie sie wirklich sein wollen, freundlich und durchaus aufklärt. Hinter verschlossenen Türen ist fast alles möglich, was das Regime sonst mit Nachdruck verbietet. Wie in allen totalitären Staatsgebilden gilt das Wort des russischen Liedermachers und Schauspielers Wladimir Wyssozkis, der über sein inzwischen untergegangenes Heimatland sinngemäß meinte: „Die Sowjetunion ist das Land, in dem es in den Läden nichts, und in den Wohnungen alles gibt.“

So etwas in der Art muss auch Stephan Orth gedämmert haben, als er den Iran offiziell und für eine kurze Reise besuchte. Als Couchsurfer kehrte er zurück und schlief bei einfachen Leuten, mit denen er sich über das Internet verabredet hatte. Zwei Monate reiste er dieses Mal kreuz und quer durch das Land. Immer auf der Suche nach der Normalität, die Sehenswürdigkeiten ließ er links liegen. Seine Eindrücke hat er zu einem Buch verarbeitet.

Im Klub Franz Mehlhose stellte er jetzt „Couchsurfing im Iran“ vor. Er traf auf ein volles Haus und ein aufgeschlossenes Publikum. Reisen ist in, die Trips abseits der ausgetretenen Touristenpfade stehen vor allem bei jungen Leuten hoch im Kurs. Und wer es sich selbst nicht recht traut, in den Dschungel, die Eiswüste oder eben den Iran aufzubrechen, der hört sich wenigstens die Erlebnisse der Mutigeren an. Denn Mut, da machen wir uns nichts vor, braucht es schon, um die Sicherheitsdienste eines Landes herauszufordern, das mit Demokratie weniger am Hut hat.

Es könnte also spannend werden, aber so recht können sich viele Gäste der Lesung im Publikum nicht entscheiden. Klar, Orth erzählt interessant und berichtet von lustigen Geschichten, er zeigt viele Bilder, die in klassischen Reiseführern eher nicht gedruckt werden, und doch will sich das Land, der aktuelle Iran, nicht recht greifen lassen. Ist das, was Orth da so trieb, noch lässig oder schon fahrlässig?

Am einfachsten lässt sich der Erfolg des Buches abseits der Verkaufszahlen doch daran ermessen, ob er zur Nachahmung ermuntert, ja gar verführt. Ehrlich, Verführung ist hier eher nicht angezeigt. Andererseits erreicht der Text aber auch nicht die Tiefe eines, sagen wir Wolfgang Büschers.

Das soll die Leistung des Autors nicht schmählern, es zeigt eher ein wenig auch das Maß der Saturiertheit der hiesigen Rezipienten. Die surfen halt nicht auf fremden Liegemöbeln, sie schmökern lieber auf dem eigenen Sofa. Oder sie gehen gepflegt in die Mehlhose, zu einem Latte oder einem kühlen Watzdorfer, Literatur inklusive. Und das ist ja auch gut so.

Stefan Orth im Klub Franz Mehlhose

Fotos: Holger John

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