Erfurter Herbstlese

Es lebe die Erfurter Herbstlese!
Okt. 24 2018

Suzanne von Borsody bringt dem Herbstlese-Publikum die große Frida Kahlo nahe

Leiden und Leidenschaft

Bereits seit 2005 tourt Suzanne von Borsody mit ihrem Kahlo-Programm, das inzwischen auch auf CD zu hören ist. Jetzt machte die Schauspielerin bei der Herbstlese Station.
Bereits seit 2005 tourt Suzanne von Borsody mit ihrem Kahlo-Programm, das inzwischen auch auf CD zu hören ist. Jetzt machte die Schauspielerin bei der Herbstlese Station.

Von Sigurd Schwager

„Ich lächelte. Weiter nichts. Und in mir wurde es hell...“ So beginnt der Erfurter Herbstlese-Abend, und so endet er auch. Die Zugabe setzt nach mehr als zwei Stunden alles wieder auf Anfang. „Ich lächelte...“ Das überwiegend weibliche Publikum im ausverkauften Kaisersaal lauscht noch einmal dem hellen Klang der Worte. Als Magdalena Carmen Frieda Kahlo y Calderon aus Coyoacan, Mexiko-Stadt, dieses Gedicht vor fast 100 Jahren schreibt, ist sie 15 Jahre jung. Sie weiß da noch nichts von der lebenslangen Leidenszeit, die sie erwartet und schon gar nichts von den Kränzen, die die Nachwelt Frida Kahlo flicht, der bekanntesten Malerin Lateinamerikas, der Revolutionärin und der Heiligen, dem feministischen Vorbild und der Pop-Ikone.

Dramatisiert, vertont und sogar getanzt wird ihre Geschichte. Stapelweise gibt es Bücher über sie und mit ihren eigenen Texten, Filme sowieso. Salma Hayek ist ihr Gesicht in Hollywood. Ausstellungen in Berlin, Frankfurt oder Wien bleiben den Kunstfreunden in guter Erinnerung.
Die Herbstlese 2018 präsentiert ein Frida-Kahlo-Langzeit-Projekt der Schauspielerin Suzanne von Borsody, die auch eine Malerin ist. Bereits seit 2005 tourt sie mit ihrem Programm, das sich in den vergangenen 13 Jahren natürlich gewandelt hat und auch auf CD nachhörbar ist.

Die Premiere, erzählt Suzanne von Borsody, sei damals auf einer Schiffsreise gewesen. Eine Lesung, vier Stunden lang, keine Musik. Heute erlebt das Publikum eine Collage und ein ausgeklügeltes Spiel. Es gibt viel zu sehen und viel zu hören. Die Schauspielerin, die sich mit Blumen im Haar und exotisch gewandet Frida Kahlo auch optisch zu nähern sucht, choreografiert aus Briefen, Gedichten, Tagebuchnotizen und Anmerkungen von Zeitgenossen einen bewegenden biografischen Reigen. Er korrespondiert mit der Leinwand, die im Wechsel Kahlo-Gemälde und Details der Bilder zeigt, dazu jede Menge Fotografien. Man sieht die Künstlerin, ihre Eltern und Geschwister, ihre Liebhaber, den doppelten Ehemann Diego Rivera. Vorwiegend sanft untermalt wird die Szenerie musikalisch vom Ensemble Azul, bestehend aus den Herren Anibal Civilotti, Omar Plasencia und Kurt Holzkämper.

Der Abend handelt, auf einen Nenner gebracht, von Leiden und Leidenschaft, von einem Leben in Leidenschaft. Mit sechs Jahren hat Frida Kinderlähmung, wird zum „Hinkebein“. Mit 18 gerät sie, die Ärztin werden will, in einen Verkehrsunfall. Eine Stange durchbohrt ihren Körper. Rückgrat, Becken, Fuß, eine menschliche Trümmerlandschaft.

Was dann passiert, reicht für zehn Leben und ist kaum in wenigen Worten zu beschreiben. Der Schriftsteller Peter von Becker hat es einmal so versucht: „Frida überlebt, beginnt nach Operationen und Torturen in Gips- und Streckverbänden im Liegen zu malen, steht auf, wird die Geliebte, dann die Frau des Revolutionsmalers Diego Rivera, den sie nach einer Scheidung ein zweites Mal heiratet. Wird von ihm immerzu betrogen, hat selber Liebhaberinnen und Liebhaber, einer ist Lenins ehemaliger Gefährte und Stalins Todfeind Leo Trotzki. Frida, die zeitlebens Schmerzensreiche, raucht und säuft, einen Liter Brandy am Tag, sie malt, schreibt, malt bisher nie Gemaltes in ihrer durch keinen Alkohol, keine Liebe, kein Morphium zu betäubenden Pein, sie erzählt schweinische Witze, ist eine Vollblutfrau und die Frau voller Blut: Krüppel und Diva, Märtyrerin und Mythos.“

Mehr als 30 Operationen, drei verlorene Kinder, körperliche und seelische Qual ohne Ende – eine solche Geschichte wäre wohl nicht auszuhalten, gäbe es nicht auch die andere Frida, die mutige, die schroffe, die zärtliche Frau, die bei aller Zerrissenheit immer wieder unbändige Lebens- und Liebesfreude ausstrahlt. Die 1926 im elendigen Krankenbett nicht verzweifelt, sondern ihr erstes Bild malt, das „Selbstporträt mit Samtkleid“, dem die Autodidaktin viele weitere Werke folgen lässt. Andre Breton, den sie in ihrer offenen Art gelegentlich einen „Großscheißer des Surrealismus“ nennt, macht ihr das schöne Kompliment, ihre Malerei sei wie eine Bombe, geschmückt mit einem seidenen Band.

Suzanne von Borsody zitiert diesen Satz in Erfurt, und je länger der Abend dauert desto besser versteht man, warum sie gerade Fridas Lächeln an den Anfang ihres Programms gestellt hat. Denn den Tragödien ihres Lebens setzt die Künstlerin im Tagebuch die Worte entgegen: „Nichts ist für das Leben wichtiger als das Lachen. Lachen bedeutet Stärke, Selbstvergessenheit und Leichtigkeit. Tragödien sind dagegen etwas völlig Albernes.“

Und als im Jahr vor ihrem Tod ein Unterschenkel amputiert werden muss, kommentiert sie: „Was brauche ich den schon. Ich kann ja fliegen.“

Frida Kahlo, die sich auf ihrer letzten Tagebuchseite erhofft, sie werde das Haus fröhlich verlassen, stirbt im Sommer 1954 im Alter von 47 Jahren.

Starker Beifall für Suzanne von Borsody und die Musiker.

„Seien Sie fröhlich!“ gibt die Schauspielerin dem Erfurter Publikum mit auf den Weg.

Suzanne von Borsodys Kahlo-Projekt im Kaisersaal

Fotos: Uwe-Jens Igel

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