Erfurter Herbstlese

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Okt. 05 2018

Olivier Guez stellt zur Herbstlese „Das Verschwinden des Josef Mengele“ vor

Ohne Reue

Neben Erfurt stellt Oliver Guez sein wichtiges  Buch im Osten Deutschlands nur noch in Rostock vor.
Neben Erfurt stellt Oliver Guez sein wichtiges Buch im Osten Deutschlands nur noch in Rostock vor.

Von Sigurd Schwager

An diesem Herbstlese-Abend geht es um eine Schreckensgestalt des 20. Jahrhunderts: um Josef Mengele, der als Arzt von Auschwitz ein Symbol für das Nazi-Grauen geworden ist. Abertausende KZ-Häftlinge schickt Mengele in die Gaskammern. Andere, vor allem Kinder, Zwillinge, Kleinwüchsige, wählt er aus für seine barbarischen Menschen-Experimente, die jegliche Vorstellungskraft übersteigen.

Viele Bücher über Mengele gibt es, auch Bühnentexte und eine ganze Reihe von Filmen. Gregory Peck spielt ihn 1978 in „The Boys from Brazil“ und Götz George 1999 in „Nichts als die Wahrheit“. 2013 bringt die Argentinierin Lucia Puenzo „The German Doctor“ ins Kino. Und wer „Marathon Man“ mit Dustin Hoffman kennt, der erinnert die Folterszene auf dem Zahnarzt-Stuhl. So furchteinflößend stellt Laurence Olivier einen ehemaligen KZ-Arzt dar, der deutlich Mengele nachempfunden ist.

Nun liegt ein neues Mengele-Buch vor und der Herbstlese sehr am Herzen. Deshalb laden der Verein und das Institut Français Thüringen zu einer Begegnung mit dem Autor Olivier Guez ein - und wechseln ob des großen Interesses vom Kultur: Haus Dacheröden in die Hugendubel-Buchhandlung am Anger. Der Schriftsteller und Journalist Guez, Jahrgang 1974, hat mit seinem Werk offensichtlich einen Nerv der Zeit getroffen. In seiner Heimat Frankreich ist sein Buch ein Bestseller, preisgekrönt obendrein. Jetzt liegt es auch in deutscher Sprache vor: „Das Verschwinden des Josef Mengele“.

Das Publikum empfängt den Gast bei seinem allerersten Erfurt-Besuch mit herzlichem Beifall, und es applaudiert kurz darauf noch einmal kenntnisreich kräftig, als der Moderator erwähnt, dass Olivier Guez mit Lars Kraume das Drehbuch für „Der Staat gegen Fritz Bauer“ (2015) geschrieben hat. Dieser starke Film handelt davon, wie der hessische Generalstaatsanwalt und einstige KZ-Häftling Fritz Bauer den Holocaust-Organisator Adolf Eichmann entdeckt.

Für das Bauer-Drehbuch habe er damals sehr viel über das Argentinien der 50er-Jahre gelesen, erzählt Guez im Interview. Dabei sei er oft auf Mengele gestoßen und auf die Beziehungen zwischen ihm und Eichmann, die er extrem interessant gefunden habe Man könne sagen, das neue Buch sei eine Folge des Films. Dieser wiederum geht zurück auf ein Guez-Buch aus dem Jahr 2011: „Die Heimkehr der Unerwünschten. Eine Geschichte der Juden in Deutschland nach 1945“. Darin findet sich ein Kapitel über Fritz Bauer.

2011, 2015, 2017. Das Thema treibt Olivier Guez also schon lange um. Auch für sein jüngstes Buch hat er wieder viel gelesen, die originalen Schauplätze von Günzburg bis Buenos Aires aufgesucht. Mengele wird, wie viele andere auch, getragen von einem Nazi-Netzwerk und immer unterstützt von seiner vermögenden Unternehmerfamilie mit Sitz im bayerischen Günzburg. Er gelangt in Südamerika zu Wohlstand und Ansehen. Doch später, nach Eichmanns Ergreifung, Verurteilung und Hinrichtung, wird er mehr und mehr ein Getriebener, ein Mann auf der Flucht und ständig in Angst.

Aber am Ende lautet die bittere Wahrheit, von der Guez in Erfurt spricht: Nicht eine einzige Sekunde verbringt Mengele in einem Gerichtssaal oder Gefängnis. Mit Ausnahme einer kurzen Zeit, wo der Mossad ganz nah an ihm dran ist, dann jedoch andere innenpolitische Prioritäten setzt, wird der Verbrecher kaum ernsthaft gesucht, nicht von den USA und schon gar nicht von den Instanzen der Bundesrepublik Deutschland.

Makabrer Verlauf der Geschichte: Mengele ist bereits lange tot, ertrunken 1979 in Brasilien beim Baden im Meer, als endlich die Bemühungen intensiviert werden, ihn zu finden und anzuklagen. Dass die Fahnder ein Phantom suchen, wissen sie nicht. Die Gespensterjagd endet 1985 auf einen brasilianischen Friedhof. Ein Grab wird geöffnet, die Untersuchungen beginnen. Doch es dauert noch weitere sieben Jahre, bis eine DNA-Analyse 1992 die letzten Zweifel beseitigt: Mengele ist tot.

„Das Verschwinden des Josef Mengele“, sagt Olivier Guez in Erfurt, sei weder ein klassischer Roman noch ein Journalistenbuch. „Es ist eine wahre Geschichte, geschrieben wie ein Roman. Es gibt ein bisschen Fantasie in meinem Buch, aber nicht zu viel. Die historischen Fakten sind verbürgt“. Das schmale Buch, aus dem Martin Schink bei Hugendubel einige Passagen liest, beginnt 1949 mit der Ankunft Mengeles, der sich Helmut Gregor nennt, in Argentinien. Es handelt von Mengeles Flucht und seinem Leben in Südamerika.

Wie kommt man als Autor diesem Mann glaubhaft nahe? Guez hat seine Methode einmal so erläutert: „Ich konnte natürlich nicht ‚Ich, Josef Mengele‘ schreiben, das war unmöglich. Ich wollte auch nicht ‚Ich, Olivier Guez‘ schreiben. Die Idee war, Josef Mengele in Südamerika zu folgen. Ich bin immer da, hinter Josef Mengele. Ich bin nicht in seinem Kopf. Manchmal bin ich es, aber ich will nicht wie Josef Mengele denken, natürlich nicht, aber ich bin hinter Josef Mengele in Südamerika. Das Vorbild war ein bisschen Truman Capotes ‚In Cold Blood‘".

Mengele, Spross aus reichem Bürgertum, Mediziner und Anthropologe, gebildet, klassische Musik und Literatur liebend - wie wird aus einem Bildungsbürger ein Schlächter, ein Sinnbild für das Böse? Das fragt sich der Leser, das fragen sich die Zuhörer in Erfurt. Eine Erklärung von Guez: „Man darf nie vergessen, warum Mengele nach Auschwitz gekommen ist. Er wollte Professor an der Universität sein nach dem Krieg. Er hat geglaubt, dass es schneller für ihn klappen würde mit solchen Experimenten, nicht mit Tieren, sondern mit Menschen. Das wäre viel besser für diese Karriere. Dieses kleine Böse, transformiert sich in ein sehr großes Böses.“

Eine andere Frage, die das Publikum bewegt, die nach später Reue und Scham, beantwortet bereits die Lesung. Martin Schink trägt aus dem Kapitel vor, in dem Sohn Rolf seinen alten Vater Josef Mengele 1977 trifft und fragt: „Papa, was hast Du in Auschwitz gemacht?“ Unwirsch antwortet Mengele: „Meine Pflicht als Soldat der deutschen Wissenschaft: die biologisch-organische Gemeinschaft schützen, das Blut reinigen und von seinen Fremdkörpern befreien.“

Und der Sohn fragt weiter: „Hast Du gemordet Papa? Hast Du Neugeborene gefoltert und ins Feuer geworfen?“ Wieder beschwört der Vater seine Pflicht als Soldat und Wissenschaftler. Als Chirurg des Volkes habe er für das ewige Bestehen der arischen Rasse und das Glück der Gemeinschaft gekämpft. Das Individuum zählte nichts. „Ich habe nichts Schlimmes getan, Rolf, hörst Du?“

Das Erfurter Herbstlese-Publikum nutzt die Gelegenheit, mit Olivier Guez ins Gespräch zu kommen. Der Autor fragt zurück, was man in der DDR über Josef Mengele erfahren habe. Zuvor jedoch geschieht Unvermutetes. Ein junger Mann steht auf und stellt sich vor: Dieter Mengele, der Neffe von Josef Mengele, sei sein Onkel. Ob er denn mit seinem Onkel über die Familien-Vergangenheit gesprochen habe, will Guez wissen. Der junge Mann verneint. Das habe er sich noch nicht getraut, aber vielleicht jetzt, mit diesem Buch in der Hand, werde er es versuchen.

Der Berichterstatter denkt in dem Moment an die beiden letzten Zeilen des Buches. Sie sind ein Appell des Autors gegen das Vergessen und erlöschende Vernunft: „Nehmen wir uns in Acht, der Mensch ist ein formbares Geschöpf, nehmen wir uns vor den Menschen in Acht.“

Ein wichtiger Herbstlese-Abend.

Oliver Guez bei Hugendubel

Fotos: Holger John

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