Erfurter Herbstlese

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Okt. 02 2018

„Post vom schwarzen Schaf“: Geschwisterbriefe von und an Brigitte Reimann

Eine Familie hält zusammen

Heide Hampel und Torsten Unger bei der Reimann -Ausgabe der Reihe "Neu aufgeblättert" im Kultur: Haus Dacheröden.
Heide Hampel und Torsten Unger bei der Reimann -Ausgabe der Reihe "Neu aufgeblättert" im Kultur: Haus Dacheröden.

Von Sigurd Schwager

Vor einiger Zeit schrieb der Autor dieser Zeilen, beeindruckt von einem Abend der literarischen Entdeckungsreihe "Neu aufgeblättert", die folgenden Sätze: „Das freut den Berichterstatter: Erich Kästner, geboren 1899 in Dresden, gestorben 1974 in München, füllt mit seinem Dichter-Ruf und seinen Büchern noch immer scheinbar mühelos die Säle. Die Erfurter Frühlingslese legt im März 2018 davon Zeugnis ab.“

Acht Monate später wird im Hause Dacheröden wieder „Neu aufgeblättert“, und es kommt dabei zu einem schönen Deja-vu. In Worte gefasst: „Das freut den Berichterstatter. Brigitte Reimann, geboren 1933 in Burg, gestorben 1973 in Berlin-Buch, füllt mit ihrem Dichter-Ruf und ihren Büchern noch immer scheinbar mühelos die Säle. Die Erfurter Herbstlese legt im Oktober 2018 davon Zeugnis ab.“

Wobei die kleine, feine Reihe gleich noch ein neues Besucher-Kapitel am alten Erfurter Angerbrunnen aufblättert, denn angesichts des Andrangs im Festsaal wird, um niemand abweisen zu müssen, die Veranstaltung in die Galerie übertragen.

So offenbart der Abend: Die Schriftstellerin Brigitte Reimann, die zu ihren Lebzeiten fast jeder in der DDR und fast keiner im Westen Deutschlands kannte, ist nicht vergangen und vergessen. Ihr großer unvollendeter Roman "Franziska Linkerhand", der posthum 1974 erschien, gehört zu den bleibenden Werken der deutschen Nachkriegsliteratur.

Daneben sind gerade die Briefbände und Tagebücher immer wieder eine fesselnde Lektüre. Die Schauspielerin Martina Gedeck, die der Dichterin in „Hunger auf Leben“ ein wunderbares Filmgesicht gibt, sagt: „Wer nur eine Zeile von ihr liest, merkt: Sie hatte etwas mitzuteilen.“ Selbst der gestrenge Marcel Reich-Ranicki gesteht im Literarischen Quartett ergriffen: „Ich kann mich nicht erinnern, das Buch einer Frau in deutscher Sprache gelesen zu haben, in dem die Sehnsucht nach Liebe mit einer solchen Sinnlichkeit und Intensität gezeigt wurde.“

Dass das Bild nicht verblasst, dafür tragen in besonderer Weise das Literaturzentrum Neubrandenburg mit seinem Brigitte-Reimann-Archiv sowie die in der Stadt ansässige Reimann-Gesellschaft mit Ausstellungen, Vorträgen oder Publikationen Sorge. Neuen Reimann-Lesestoff bieten Angela Drescher und Heide Hampel, die langjährige Leiterin des Zentrums. Im Aufbau-Verlag haben sie unter dem Titel „Post vom schwarzen Schaf“ Geschwisterbriefe von und an Brigitte Reimann herausgegeben.

Heide Hampel stellt das Buch in Erfurt vor und weiß dazu als kundigen Gesprächspartner Torsten Unger vom MDR an ihrer Seite. Dass er Brigitte Reimann eingangs „eine Ikone der DDR-Literatur“ nennt, nimmt das aufmerksame Publikum zustimmend zur Kenntnis. Ausführlich und anschaulich erzählt Heide Hampel, die als junge Buchhändlerin Brigitte Reimann in Neubrandenburg erlebt hat, von ihren späteren Begegnungen mit Familienangehörigen, dem Vater, den Geschwistern, den Ehemännern, und wie sie nach dem frühen Tod der Schriftstellerin mit dem Sammeln von Dokumenten begann.

Brigitte Reimann, Jahrgang 1933, ist die Älteste von vier Geschwistern. Bruder Ludwig, genannt Lutz, wird 1934 geboren, Bruder Ulrich 1941, Schwester Dorothea 1943. Die Briefe, die in dem Buch versammelt sind, stammen aus den Jahren 1960 bis 1972, ergänzt durch den einen oder anderen „Familienrundschrieb“ des Vaters Willi Reimann.

Warum Brigitte sich als schwarzes Schaf empfunden habe und nicht Lutz, möchte der Moderator wissen. Schließlich habe der Bruder 1960 die DDR gen Westen verlassen. Brigitte Reimann, antwortet Heide Hampel, habe sich als Sorgenkind der Familie gesehen: in früher Jugend Kinderlähmung, später vier Hochzeiten und viele Männerbekanntschaften, keine Kinder, keine Enkel für die Eltern, am Ende der Krebs.

Wer die Briefe liest, findet bestätigt, was Heide Hampel hervorhebt: Die temperamentvolle Familie Reimann hält zusammen in guten wie in schlechten Zeiten, man liebt und hilft und streitet sich. Brigitte, ihren Idealen und der DDR verbunden, verurteilt zwar scharf die Republikflucht des Bruders, aber das Band zwischen ihnen zerreißt nicht.
Später erlebt das Erfurter Publikum, dass Heide Hampel nicht nur eine gute Erzählerin ist, sondern einen ebenso gute Vorleserin. Sie beginnt mit einem Brief vom 3.2.1960 aus Hoyerswerda. Dann liest sie, was Brigitte Reimann am 29.4.1960 in Berlin schreibt: „Lutz ist mit Gretchen und dem Krümel in den Westen gegangen... Spüre zum erstenmal schmerzlich - und nicht nur mit dem Verstand - die Tragödie unserer zwei Deutschland...Lutz ist ein Wirrkopf. Er wollte vor der Partei nicht katzbuckeln - er wird es vor seinen Kapitalisten tun müssen.“

 An Brigittes Schreibkünsten nimmt die Familie regen Anteil. Am 17. 7. 1961 berichtet Dorothea der großen Schwester: „Dein Buch habe ich seit Sonntag aus. Ich fand es überraschend gut... ich hätte Dir, liebes Schwesterlein, nicht zugetraut, daß Du Dich derart gut in die Seelen 18jähriger versetzen kannst.“

Aufschlussreich ist der „Familienrundschrieb“ des Vaters, verfasst eine Woche nach dem Mauerbau. „Wer gibt dem anderen das Recht, seine Meinung und Ansicht als die einzig richtige zu bezeichnen und seinen Mitmenschen aufzwingen zu wollen?“ Mit der Vorleserin reist das Publikum anderthalb Stunden durch DDR-Alltags- und Familiengeschichte. „Es ist unsere Vergangenheit“, sagt Heide Hampel.

Als sie dann aus den späten Briefen vorträgt, ist es kaum auszuhalten. Brigitte Reimann schreibt im Frühling 1971 aus der Klinik über die Operationen, die abgesägte Rippe und die vielen Narben. Wie eine rechte Flickenpuppe sehe sie aus. „...und in der ersten Nacht unten auf der Wachstation betete ich immerzu, der liebe Gott möge mich doch bitteschön lieber endlich sterben lassen.“

Ein Jahr später, wieder in der Klinik, bittet sie: „Seid nicht allzu traurig, liebe Eltern, ihr wisst ja nun Bescheid, und wir brauchen uns nichts vorzumachen; es sieht wieder böse aus, aber die Zauberer meinen doch, sie werden es nochmal hinkriegen...Vielleicht finde ich bald Mut und Kraft, an dem Buch weiterzuarbeiten.“ Sie schreibt diesen Brief am 39. Geburtstag - ihrem letzten.

Nach Gespräch und Lesung bleibt natürlich auch noch Zeit für Fragen aus dem Publikum, das sich mit Leben und Werk von Brigitte Reimann vertraut zeigt. Doch auch für jene, die „Franziska Linkerhand“ noch nicht kennen, sind die Geschwisterbriefe lesenswert - und vielleicht öffnen sie eine Tür zur literarischen Welt dieser starken, leidenschaftlichen Frau.

Herzlicher Beifall für Heide Hampel und Torsten Unger nach einem interessanten Abend. Und im Abschied steckt bereits die Vorfreude auf das nächste „Neu aufgeblättert“.

Brigitte Reimann bei "Neu aufgeblättert"

Fotos: Holger John

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